Gesellschaftskomödie "The Party" Ich bin am wichtigsten

Wer alles hat, kann immer noch mehr Aufmerksamkeit gebrauchen: Der Film "The Party" mit Kristin Scott Thomas erzählt höchst unterhaltsam von Politik und Verrat in der Londoner Upperclass.


Früher hieß es mal leutselig: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau". Im Fall von Sally Potters neuem Spielfilm ließe sich dieser altertümliche Spruch nun herrlich modernisieren: Hinter jeder erfolgreichen Frau steht vermutlich nicht nur ein gekränkter Mann, sondern eine ganze Entourage an missgünstigen Freunden und Bekannten.

Diese Erfahrung muss die britische Politikerin Janet machen, als sie enge Freunde und Mitstreiter in ihr Londoner Stadthaus einlädt, um ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett zu feiern. Alle eilen sie herbei: die beste Freundin April samt Gatten, der sympathische Investment-Banker ohne Gattin, das süße lesbische Paar.

Um letzte Vorbereitungen für die Bewirtung zu treffen, hat die eben erst aus dem Büro nach Hause gekommene Janet schnell eine Küchenschürze übergestreift. Die ist indes mehr als ein Kleidungsstück - nämlich ein Hinweis darauf, wo mancher diese Frau wohl lieber sähe als in einer möglichen Regierung.

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"The Party" von Sally Potter: Das sei dir nicht gegönnt

Und schon ist man mitten in den unterhaltsamsten Wortgefechten, wobei sich darin besonders April hervortut. Sie ist eine veritable Giftspritze, die nicht nur dauernd ihren Ehemann Gottfried, einen esoterisch orientierten Lebensberater in Bauernhemd und Weste, heruntermacht, sondern der Freundin Janet auch latent boshafte Ratschläge gibt. Etwa dass Janet schon ihre Frisur ändern müsse, wenn sie wirklich den großen Erfolg wolle.

Flankiert wird April von der Professorin Martha und deren Partnerin Jinny, die dank Samenspende ihren ersten Nachwuchs erwarten - und zwar gleich Drillinge. Das ist natürlich auch eine große Neuigkeit, die man feiern könnte, und entsprechend feierlich gibt sie das Paar auch bekannt. In all dieser Konkurrenz um die spektakulärste Neuigkeit, also ums Wichtigsein, geht indes Janets Ehemann Bill als Sieger hervor: Mitten im Party-Trubel platzt er mit der Nachricht heraus, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Wer mag da noch von Janets Aufstieg sprechen!

Pure Selbstdarstellung

Dass Sally Potter gleich mehrere Störzentren in die Handlung eingebaut hat, die Janets Freude und ihren Erfolg sabotieren, lässt sich leicht als Lust an der erkenntnisfördernden Destruktion deuten. Alles und jeder wird in diesem Film aufs Korn genommen, die Londoner Upperclass ebenso wie der Post-Post-Feminismus und das allzu etablierte Linksintellektuellentum.


"The Party"
GB 2017
Regie und Drehbuch: Sally Potter
Darsteller: Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Cherry Jones, Emily Mortimer, Cillian Murphy, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall
Produktion: Adventure Pictures, Great Point Media
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 71 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 27. Juli 2017


In nur vierzehn Tagen und in Schwarz-Weiß gedreht, ohne Spezialeffekte und nennenswerte Ortswechsel im begrenzten Raum eines Townhouse, zieht "The Party" letztlich die Bilanz der politischen Entwicklung einer Elite, die bei purer Selbstdarstellung und mehr oder weniger latentem Machthunger angelangt ist. Diese Elite wird von einem All-Star-Cast verkörpert, dessen Mitglieder derart munter aufspielen, dass man sonstige physische Bewegung nicht vermisst.

Die zu Beginn so weit entschlossen aufgerissenen Augen von Timothy Spall wird man ebenso wenig vergessen wie das rapide Verwelken der Janet von Kristin Scott Thomas, die von ihrem Gatten quasi untergebuttert und auf die Rolle der den Kranken umsorgenden Ehefrau verwiesen wird. Patricia Clarksons nervöse Energie als April, das nervende Universalverständnis von Bruno Ganz als Gottfried oder Cilian Murphys Fiebrigkeit als koksender Banker Tom mit einem offenbar belastenden Geheimnis - jedes eine Glanzleistung für sich. Als Frauenliebespaar lassen nicht zuletzt Emily Mortimers Jinny und Cherry Jones' Martha immer offensichtlicher jenen Narzissmus zutage treten, der alle Protagonisten kennzeichnet.

Revolver im Wäscheberg

"The Party" ist eine hellsichtige Dramödie über Beziehungen, Politik und Ideologie. Die Dialoge sind pointiert; die Dramaturgie folgt dem Prinzip der Eskalation; die stetig zunehmende Disharmonie zwischen den Gästen spiegelt jene in der Gesellschaft. Rollen, Prinzipien, Gefühle stehen zur Debatte, etwa wenn Bill gesteht, dass er - immerhin Ehemann einer Labour-Politikerin! - einen Arzt als Privatpatient konsultiert hat.

Sally Potter hat das Drehbuch zeitgleich mit anderen Skripten erarbeitet; sie hat diese Technik mit den Jahren zur Überwindung von Schreibblockaden entwickelt. In den Notizen zum Film erklärt sie: "Ich begann mit dem Script kurz vor den Parlamentswahlen. Es war eine Reflexion der Parteipolitik und der politischen Sprache; der Beziehung zur Wahrheit, die verdreht und vermischt wird."

Potter versteht ihre neue Regiearbeit als Reminiszenz an britische Filme der 1960er-Jahre wie etwa "Samstagnacht bis Sonntagmorgen", "die ein starkes Gefühl für den Zustand der Nation hatten … eine Reflexion des Zerbrechens von Parteipolitik." "The Party" - das sind 70 Minuten Echtzeit, im Juni 2016 zu 90 Prozent mit Handkamera (Aleksej Rodionow) gedreht, also zu der Zeit, als die Briten per Referendum darüber entschieden, die Europäische Union zu verlassen.

In diesem Film gibt es keinerlei Verstecke, und wenn einmal kurz ein Revolver im Bad unter einem Haufen Wäsche verschwindet, weiß man als Zuschauer, dass die Waffe quasi gesetzmäßig wiederauftauchen muss - zu einem bestimmten Zweck.

Im Video: Der Trailer zu "The Party"

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insgesamt 3 Beiträge
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OhMyGosh 25.07.2017
1. Na,
warten wir mal ab, ob der besprochene Film Tom Wolfes Romansatire "Fegefeuer der Eitelkeiten" von 1987 (Originaltitel: The Bonfire of the Vanities), 1990mvon Brian De Plama vorzüglich in Szene gesetzt, das im Himalaya geschöpfte stille Wässerchen reichen kann! Abgesehen davon sind die Briten außer bei Monty Python's nur mäßig interessant.
noalk 25.07.2017
2. Abgesehen davon ...
Zitat von OhMyGoshwarten wir mal ab, ob der besprochene Film Tom Wolfes Romansatire "Fegefeuer der Eitelkeiten" von 1987 (Originaltitel: The Bonfire of the Vanities), 1990mvon Brian De Plama vorzüglich in Szene gesetzt, das im Himalaya geschöpfte stille Wässerchen reichen kann! Abgesehen davon sind die Briten außer bei Monty Python's nur mäßig interessant.
... kann ich nur dazu raten, sich britische Filme in der Originalversion anstatt der synchronisierten Fassung anzuschauen. Der Wortwitz lässt sich - oder wird oft - nur schlecht ins Deutsche übertragen.
roenga 26.07.2017
3. Ach die arme Ehefrau!
Ihr Mann 'übertrumpft' Sie an ihrem großen Tag also mit der Nachricht von seiner unheilbaren Krebserkrankung. Damit wird Sie laut Autorin "von ihrem Gatten quasi untergebuttert und auf die Rolle der den Kranken umsorgenden Ehefrau verwiesen". Das ist aber mal eine interessante Art und Weise das Rollenverständnis in einer Partnerschaft zu skizzieren. Wie war das noch mal mit 'in guten wie in schlechten Zeiten' oder so? Wie würde die Autorin denn die Rolle eines Mannes einschätzen, dessen Ehefrau unheilbar erkrankt ist? Da wäre wohl mehr von 'unterstützen' als von 'unterbuttern' die Rede gewesen.
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