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"The Prestige": Verrückt nach Magie

Von Andreas Resch

Kaum ein Regisseur versteht es, den Zuschauer so gekonnt an der Nase herumzuführen wie Christopher Nolan. Sein neuer Film "The Prestige – Die Meister der Magie" ist eine bildgewaltige Parabel über das Wesen der Illusion und entlarvt die größte Illusionsmaschine von allen: das Kino selbst.

London um 1900. Die befreundeten Zauberkünstler Robert Angier (Hugh Jackman) und Alfred Borden (Christian Bale) werden in dem Moment zu Todfeinden, als Borden bei einem gefährlichen Entfesselungstrick durch einen falsch geknüpften Knoten den Tod von Angiers Frau Julia (Piper Perabo) verschuldet. Von nun an versucht Angier mit aller Macht, Bordens Leben zu zerstören. Ihren Kampf auf Leben und Tod tragen die beiden auf der Bühne aus und dabei ist ihnen jedes Mittel recht: Sie spionieren einander aus, sabotieren die Tricks des anderen und buhlen gnadenlos um die Gunst des Publikums.

Wie häufig in den Filmen von Christopher Nolan, geht es auch in "The Prestige" um Rache – und wieder einmal schießt der Protagonist auf seinem Rachefeldzug fulminant übers Ziel hinaus, zerstört nicht nur die Menschen in seiner Umgebung, sondern am Ende auch die eigene Existenz. In seinem zweiten Film "Memento" hatte Nolan das für das amerikanische Kino so prototypische Rachemotiv dadurch ad absurdum geführt, dass sich der Held Leonard gar nicht mehr daran erinnern kann, an wem er sich überhaupt rächen will. In "The Prestige" kulminieren Angiers Rachegelüste mit der Zeit in einem wechselseitigem Hass, wobei sich die eigentlich so gegensätzlichen Männer immer ähnlicher werden.

Überhaupt verlieren die beiden Magier im Verlauf des Films ihre Konturen, werden unscharf – was weniger mit den schauspielerischen Leistungen Bales und Jackmans als vielmehr mit ihren qua Drehbuch festgeschriebenen Rollen zusammenhängt. Dafür brillieren die Nebendarsteller umso mehr, allen voran Michael Caine in der Rolle des Zauberlehrmeisters Cutter.

Als Borden mit "Der transportierte Mensch" ein wirklich innovativer Trick gelingt, scheint sich das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Bei dieser Nummer befinden sich zwei frei im Raum stehende Türen auf der Bühne. Borden geht durch die eine, verschwindet und taucht einen Sekundenbruchteil später durch die andere wieder auf. Von dem Moment an, als Angier das Kunststück mit eigenen Augen sieht, setzt er alles daran herauszufinden, wie "Der transportierte Mensch" funktioniert.

In "The Prestige" treibt Christopher Nolan das perfide, dafür um so unterhaltsamere Spiel mit der Fehlbarkeit von Erinnerungen und Wahrnehmungen, das er in "Memento" kultiviert hat, auf die Spitze: Nichts ist wie es scheint, und obwohl man das weiß, lässt man sich trotzdem immer wieder bereitwillig hinters Licht führen. Im Film laufen mehrere Zeitebenen neben- und gegeneinander, die schließlich in einem furiosen Finale zusammengeführt zu werden. Zwar erreicht das 40 Millionen Dollar teure Ausstattungsdrama nicht ganz die Qualität von Nolans minimalistischen Experimenten wie "Following", dennoch handelt es sich um einen in seiner Erzählstruktur hochgradig komplexen, zudem überaus spannenden Film, dessen Metaphorik nie bloßes Beiwerk ist, sondern ein wichtiges narratives Element, das die Einzelteile der Geschichte zusammenhält.

Vor allem das Motiv des Doppelgängers durchzieht den Film. Denn nicht nur die beiden Magier imitieren einander: Um Bordens Meistertrick kopieren zu können, engagiert Angier einen trunksüchtigen Schauspieler, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch die Dinge geraten außer Kontrolle, als dieser sich einzubilden beginnt, der eigentliche Zauberer zu sein. Also muss Angier einen anderen Weg finden, um den Trick auszuüben und begibt sich auf die Suche nach dem Erfinder Nikola Tesla (grandios: David Bowie) – der einzigen historisch verbürgten Person in diesem Film – der in seinem Labor gefährliche Materie-Transformations-Experimente durchführt.

Nachdem Christopher Nolan mit "Insomnia" und "Batman Begins" in letzter Zeit zwei recht konventionelle Mainstream-Filme gedreht hat, kehrt er anscheinend vorübergehend zu der erzähltechnischen Progressivität zurück, die seine ersten Filme auszeichnete. Denn in seiner Dramaturgie ist "The Prestige" dem klassischen dreistufigen Zaubertrick nachempfunden, den Cutter zu Beginn des Films vorstellt. Auf den ersten Akt, "Das Versprechen", folgt in einem zweiten Schritt "Die Wendung" und schließlich "Das Prestige", der Teil "mit den Drehungen und Wendungen, in dem Leben auf dem Spiel stehen und Sie etwas Schockierendes sehen werden, was Sie noch nie zuvor gesehen haben".

Wie bei einem guten Zaubertrick wirft Regisseur Nolan eine Menge in die Waagschale – und gewinnt. So erkennt man am Schluss, worin der Unterschied zwischen der Illusionskunst des späten 19. Jahrhunderts und der des frühen 21. Jahrhunderts besteht: Während ein Zaubertrick seine Wirkung verliert, sobald er aufgelöst wird, möchte man Nolans Film sofort ein zweites Mal sehen.

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