Armstrong-Biopic "The Program" Der Uneinholbare

Mensch oder Monster? Ein Spielfilm über Lance Armstrong könnte sich viele Freiheiten leisten, spekulieren und interpretieren. Leider fällt Star-Regisseur Stephen Frears mit seinem Radprofi-Biopic "The Program" hinter eine zwei Jahre alte Doku zurück.

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"Er ist der komplizierteste Mann der Welt. Ich hoffe, er hat einen guten Psychoanalytiker", wird Stephen Frears in den Produktionsnotizen zu seinem neuen Film "The Program" zitiert. Gemeint ist Lance Armstrong, der US-amerikanische Radsportler, der zwischen 1999 und 2005 sagenhafte sieben Mal hintereinander die Tour de France gewann, dann des systematischen Dopings überführt wurde und heute als Stellvertreter eines pervertierten und verlogenen Leistungssports verteufelt wird. Binnen eines Jahrzehnts wandelte sich Armstrong vom strahlenden, von Medien wie Publikum gleichermaßen bewunderten Sportler-Vorbild zum ultimativen Bösewicht.

Zahlreiche Bücher, darunter auch "Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong" des britischen Journalisten David Walsh, auf dem "The Program" basiert, sind inzwischen erschienen. Die Fakten, die Dramaturgie und die weit in die Mechanismen der Mediengesellschaft hineinreichenden Implikationen dieses Skandals wurden hinreichend ausgebreitet, bis hin zu jenem historischen Auftritt Armstrongs in der Talk-Show von Oprah Winfrey Anfang 2013, in dem der gefallene Held selbst alles zugab, aber dennoch so undurchdringlich, kaltblütig und ungerührt wirkte, dass es einem beim Zuschauen fröstelte.

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"The Program": Tour de Lance
Ein Spielfilm über Lance Armstrong fehlte bisher in der andauernden Exegese dieses Sündenfalls. Kein Wunder, dass Stephen Frears, der Ende 2012 auf diese grandiose Geschichte aufmerksam wurde, der erste sein wollte, der mit einem Film über Armstrong in die Kinos kommt. Der 74-jährige Brite versteht es, gesellschaftliche Betrachtungen in unterhaltsame Seifenopern zu verpacken, was ihm in Filmen wie "Mein wunderbarer Waschsalon", "High Fidelity" oder zuletzt "Philomena" meisterlich gelang.

Seit einigen Jahren widmet sich Frears verstärkt dem epischen Biopic, erst mit seinem majestätischen Regentinnen-Porträt "Die Queen", 2103 dann für HBO mit einer Doku-Fiktion über "Muhammad Alis größten Kampf". Man könnte meinen, dass ein Regisseur, der es geschafft hat, einen so sphinxartigen Charakter wie Queen Elizabeth mit filmischen Mitteln psychologisch und emotional auszudeuten, an Lance Armstrong nicht scheitern kann. Doch genau das ist geschehen.

Körpermodifikation als Selbstermächtigung

Verhängnisvoll: Bereits im Herbst 2013 kam der oscarprämierte Regisseur Dokumentarfilmer Alex Gibney ("Taxi to the Dark Side") Frears zuvor. "The Armstrong Lie" ist eine schonungslose Aufarbeitung des Doping-Skandals, die ihre Wucht unter anderem daraus schöpft, dass sich der Rechercheur Gibney immer wieder selbst zum - mal fassungslosen, mal faszinierten - Subjekt macht, während er in zahlreichen Interviews und Begegnungen versucht, sich dem Menschen hinter dem Monstrum zu nähern.

Zweiter zu sein ist nicht so toll, aber anders als Gibney hätte Frears mit einer fiktionalisierten Handlung die Chance gehabt, sich von den Fakten zu lösen, zu interpretieren, zu spekulieren, vielleicht auch zu phantasieren, um das zu leisten, was bisher niemand vollbracht hat: hinter die Fassade Armstrongs zu blicken.

In Ansätzen geschieht das, etwa wenn der Film abbildet, wie der aufstrebende Profiradler seine Hodenkrebserkrankung verarbeitet, die den damals 25-Jährigen nicht nur mit einem frühen Karriere-Aus, sondern mit dem Tod konfrontiert. Dank OP und Chemotherapie überwindet Armstrong, gespielt von Ben Foster ("The Messenger"), den Krebs und nimmt als elementare Erfahrung mit: Der Körper kann alles schaffen, wenn ihm die richtigen Pharmaka zugeführt werden. Den Rest besorgen Ehrgeiz und Wille.

Der Gang zum damals schon berüchtigten Doping-Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet), der Armstrong fortan mit dem blutbildenden Hormon Epo, Steroiden und Amphetaminen versorgt, ist daher vielleicht sogar folgerichtig. Ohne dieses illegale Programm, suggeriert der Film, wäre Armstrong wohl nie an die Spitze des Pelotons gelangt, seine Physis, so Ferrari in einer Szene, sei dafür einfach nicht ausgelegt. Körpermodifikation als Selbstermächtigung: Wenn auf diese Weise sogar der Tod besiegbar ist, muss die Tour doch ein Klacks sein.

Viel Detailreichtum, nur nicht im Privaten

Ein interessanter Ansatz. Doch statt in Armstrongs persönliche Motivationen und seine möglichen moralischen Konflikte einzudringen, bleiben Frears und sein Drehbuchautor John Hodges ("Trainspotting") an der Oberfläche und arbeiten sich wie einst Gibney an der Chronologie der Ereignisse ab. Akribisch illustrieren sie einen Karriere-Höhepunkt Armstrongs nach dem nächsten, lassen die durchtrainierten Schauspieler eine Bergetappe nach der anderen absolvieren - jedes Detail dieser dokumentarisch wirkenden, aber virtuos und rasant inszenierten Sequenzen stimmt bis zur letzten Trikotfarbe und Felgenform.

Armstrongs erste Ehefrau Kristin Richard jedoch taucht nur am Rande auf, seine spätere Lebensgefährtin, die Sängerin Sheryl Crow, gar nicht, nur selten sieht man den Radfahrer in privaten Situationen. Das hat möglicherweise rechtliche Gründe, verhindert aber den Erkenntnisgewinn. Armstrong bleibt auch fiktionalisiert so eindimensional, wie man ihn von seinen öffentlichen Auftritten kennt: ein egozentrischer, empathieloser Unsympath.

Emotionales Zentrum des Films ist daher leider nicht der zum verbissenem Stoizismus verdammte Hauptdarsteller Foster, sondern Jesse Plemons als Armstrongs junger Teamkollege Floyd Landis, der die ganze miese Machenschaft an die Behörden verrät und in wenigen starken Szenen jene Zweifel und Skrupel darstellen darf, die man bei Armstrong nach wie vor nur vermutet und erhofft.

Der "komplizierte Mann", von dem Frears nicht ohne Respekt schwärmt, bleibt eine Behauptung. Seine Psychoanalyse mit künstlerischen Mitteln ist vorerst gescheitert.

Im Video: Der Trailer zu "The Program"

Studiocanal
The Program - Um jeden Preis

    UK/F 2015

    Originaltitel: The Program

    Regie: Stephen Frears

    Drehbuch: John Hodge

    Darsteller: Ben Foster, Chris O'Dowd, Jesse Plemons, Lee Pace, Guillaume Canet

    Produktion: Working Title, Studio Canal

    Verleih: Studio Canal

    Länge: 103 Minuten

    Start: 8. Oktober 2015

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
rookie_haufic 09.10.2015
1.
Ich persönlich kann mit einer solchen Darstellung, wie er sie bei Oprah in der Talkshow hatte, mehr anfangen (kühl etc.) als dieses völlig bescheuerte und geheuchelte Rumgeheule eines Erik Zabel damals..
200MOTELS 09.10.2015
2. Doping hin oder her,
treten musste Armstrong immer selber, diese Arbeit nimmt einem keine Spritze ab. Andere brauchen keine Spritze, die haben dafür genetische Vorteile, siehe Laufsport.
suplesse 09.10.2015
3.
Ich habe den Film noch nicht gesehen. Aber der Leistungssport ist durchsetzt mit fragwürdigen Persönlichkeiten. Der Begriff Leistungssport gibt das Ziel unbedingt der Top Leistung wegen Sport zu treiben ja vor. Das zieht natürlich Menschen magisch an, die das unabdingbar tun wollen. Manche ihres eigenen Egos wegen um jeden Preis. Man sollte mal mehr über die reden, die irgendwann aus Selbstschutz, trotz ihres überragenden Talentes aus dem Leistungssport aussteigen. Das sind nämlich nicht wenige. Als Konsequenz hinterlässt das System Leistungssport ganz viele kaputte Menschen. Körperlich kaputt und seelisch kaputt. Es ist Aufgabe der Medien, hier mehr zu berichten. Ein spannendes Thema.
astarwasborn 09.10.2015
4. ...es verhindert den Erkenntnisgewinn...
...den sich Andreas Borcholte wünscht, der aber vielleicht gar nicht geliefert werden kann? Das Fehlen der Privatsphäre Armstrongs lässt ihn weiterhin so unnahbar und suspekt erscheinen, wie er tatsächlich ist. Jeder von uns wünscht sich eine abschließende Psychoanalyse, die endlich alles erklärt. Die kann aber ein Film Stand heute nicht realistisch geben. Vielleicht öffnet sich Armstrong irgendwann in einer noch anderen, umfassenderen und ehrlicheren Weise. Bis dahin müssen wir uns damit begnügen, dass eben sein wahres Ich und sein Privatleben für uns alle schleierhaft bleiben. Insofern macht der Film alles richtig, die Dinge aufzuzeigen, die tatsächlich belegbar sind.
astarwasborn 09.10.2015
5. ...es verhindert den Erkenntnisgewinn...
...den sich Andreas Borcholte wünscht, der aber vielleicht gar nicht geliefert werden kann? Das Fehlen der Privatsphäre Armstrongs lässt ihn weiterhin so unnahbar und suspekt erscheinen, wie er tatsächlich ist. Jeder von uns wünscht sich eine abschließende Psychoanalyse, die endlich alles erklärt. Die kann aber ein Film Stand heute nicht realistisch geben. Vielleicht öffnet sich Armstrong irgendwann in einer noch anderen, umfassenderen und ehrlicheren Weise. Bis dahin müssen wir uns damit begnügen, dass eben sein wahres Ich und sein Privatleben für uns alle schleierhaft bleiben. Insofern macht der Film alles richtig, die Dinge aufzuzeigen, die tatsächlich belegbar sind.
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