"The Queen" Die Ewige und der Effiziente

Schicksalsträchtige Tage in Großbritannien: Stephen Frears erzählt in seinem höchst amüsanten Film "The Queen", wie Premierminister Tony Blair seine Majestät von einer Trauerfeier für Lady Diana überzeugt. Helen Mirren glänzt als weltfremde Monarchin Elisabeth II.

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Am 1. Mai 1997 herrscht Wechselstimmung im Vereinigten Königreich. 18 Jahre Tory-Herrschaft gehen zu Ende, doch die Königin kann die Euphorie ihrer Untertanen nicht teilen. "Das Vergnügen, parteilich zu sein", wie sie es ausdrückt, ist ihr verwehrt – als Staatsoberhaupt darf sie nicht wählen. Am nächsten Tag schwemmt ihr die Welle der Begeisterung den jüngsten Premierminister aller Zeiten in den Buckingham Palace.

Unsicher treten der siegreiche Labour-Vorsitzende und seine Ehefrau auf. Sie vollführt eher eine Gleichgewichtsstörung als einen Knicks, er vergisst fast den Kniefall vor Ihrer Majestät, den es braucht, um den Auftrag zur Regierungsbildung entgegen nehmen zu dürfen. Bei aller Nervosität spricht aber auch die Ambition aus dem strahlenden Wahlsieger. Kokett entschuldigt er sich für den Etikette-Fehler mit dem Kniefall – es sei schließlich sein erstes Mal. Mit dieser Unerfahrenheit, lässt ihn die Königin daraufhin wissen, sei er ziemlich allein: "Sie sind mein zehnter Premierminister. Der erste war Churchill."

Es ist ein komödiantisches Traumpaar, dass Regisseur Stephen Frears in Tony Blair und Elizabeth II. gefunden hat. Mit sichtlichem Genuss inszeniert er das Aufeinandertreffen des jugendlichen Premierministers und der ewigen Königin, des Geistes der Erneuerung und der Seele der Tradition. Getrennt voneinander, doch letztlich gemeinsam müssen die beiden Großbritannien durch eine der schwersten Wochen des Landes steuern: der Woche des Todes und des Begräbnisses von Lady Diana.

Zeitgeschichte, mit Witz erzählt

Als Gerüst des Films dienen die brillanten Dialoge von Drehbuchautor Peter Morgan, doch getragen wird "Die Queen" von Helen Mirren, die für ihre Darstellung von Elizabeth II. bereits in Venedig die Copa Volpi als beste Schauspielerin erhielt, nun für Golden Globe nominiert ist und sicher auch bei den Oscar-Nominierungen nicht vergessen wird. Gemeinsam mit Frears und Morgan zeigt Mirren: Zeitgeschichte, mit Witz und Chuzpe erzählt, kann ein ganz großer Spaß sein.

Der entscheidende Anruf in den Morgenstunden des 31. August erreicht Tony Blair im Ehebett in London. Queen Elizabeth wird von ihrem Diener in der königlichen Sommerresidenz Balmoral in Schottland geweckt. Zeitgleich erfahren sie das Unfassbare: Diana Spencer, Ex-Frau von Prinz Charles und ehemalige Prinzessin von Wales, ist bei einem Autounfall in Paris schwer verletzt worden. Wenige Stunden später stirbt sie.

Wo Blair und die Königin die Schreckensnachricht jeweils erhalten, ist entscheidend für die schicksalsträchtige Woche, die auf den Todestag folgt. Während der Premierminister in London Zeuge der unvergleichlichen Trauer wird, die die Briten erfasst, verharrt Elizabeth II. im abgelegenen Schottland. Dass selbst die traditionell antiroyalistischen Schotten um die gefallene Prinzessin weinen, kriegt sie nicht mit. Zu weit sind die Felder und Wiesen von Balmoral – und zu nah die Trauer der zurück bleibenden Söhne und des geschiedenen Ehemannes.

Etwas so Privates wie der Tod einer Angehörigen kann nicht in die Öffentlichkeit gehören, davon ist die Monarchin überzeugt. In den folgenden Tagen gibt es kein offizielles Wort der königlichen Familie. Während sich vor dem Buckingham Palace die Blumen zu einem unüberschaubaren Teppich verknüpfen, bleibt die Fahne über dem Schloss stolz gehisst. Noch.

Den Schlüssel zu diesem zunächst so unverständlichen Verhalten der Königin liefert Helen Mirren mit ihrem wunderbaren Spiel. Exakt trifft sie die Mischung aus Würde und Weltfremdheit, die die Queen zu einer ebenso entrückten wie unantastbaren Institution hat werden lassen. In jedem Moment merkt man das Gewicht der fünf Jahrzehnte Regentschaft, das auf ihr lastet. Dass sie sich auch noch in vornehmer Zurückhaltung übt, als bei ihren Bürgern alle emotionalen Dämme brechen, macht sie jedoch erstmalig angreifbar.

Die Stimmung im Lande kippt, als sich die Royals auch die nächsten Tage weigern, zum Tod von Diana Stellung zu beziehen. Meinungsumfragen ergeben plötzlich Mehrheiten für die Republik, die Zeitungen bringen vernichtende Schlagzeilen; und mit den Headlines kommen schließlich auch die Anrufe des besorgten Premierministers: Ob Ihre Majestät wirklich nicht gedenke, sich an Ihr Volk zu wenden?

Begegnung mit einem Hirsch

Reichlich Pathos steckt Regisseur Frears in die Bilder von der einsamen Königin. Viele Filme hat er schon über sein Heimatland England und Irland gemacht. Doch wo er sich bei seiner Barrytown-Trilogie, aber auch seinem letzten Film "Mrs. Henderson präsentiert" der Sozialromantik bediente, bleibt ihm bei "Die Queen" schlechterdings nur die pure Romantik. Überladen, ja kitschig wirkt es, wenn Elizabeth verloren durch ihr Anwesen streift und erst in der Begegnung mit einem Hirsch zu sich selbst und ihrem Mitgefühl zurück findet.

Zum Glück hat Drehbuchautor Morgan ein paar großartige Szenen geschrieben, die die Balance zwischen Drama und Komödie wiederherstellen. Brillant etwa, wie die Royals zu dem Entschluss gelangen, dass für Diana wohl doch eine öffentliche Trauerfeier stattfinden soll. Leider sind sie noch etwas aufgeschmissen, wie diese Feier gestaltet werden könnte. Schließlich gibt es bis jetzt nur den Masterplan für ein einziges königliches Begräbnis – nämlich das von Queen Mum. Als die rüstige alte Dame das mitbekommt, zittert ihre Hand. Zufällig hält sie einen Gin Tonic.

Auch Tony Blair, dargestellt von Michael Sheen, hat seine gelungenen Szenen. Einmal kriegt er einen Telefonhörer gereicht: Sein Schatzkanzler und ewiger Erbe Gordon Brown will ihn sprechen. "Sag ihm, er soll warten", ist Blairs Reaktion.

Viel zu lachen gibt es für Blair in dem Film ansonsten nicht – man kann "The Queen" auch wie einen Nachruf auf den angezählten Premierminister sehen. Angesichts seiner katastrophalen Umfragewerte scheinen die Tage, in denen er mit seiner Rede von der "Prinzessin des Volkes" den Nerv der Briten traf, so fern wie nie. Er wird in diesem Jahr zurücktreten, während der Film seinen Siegeszug durch die Kinos der Welt fortsetzen wird.

So gesehen ist "Die Queen" auch eine cineastische Lehre in englischer Verfassungskunde. Walter Bagehot unterschied in seinem 1867 erschienen Standardwerk "The English Constitution" zwischen zwei Arten von Institutionen, die den englischen Staat tragen würden: den ehrwürdigen und den effizienten Institutionen. Die ehrwürdigen Institutionen wie etwa das Königshaus würden vor allem repräsentative Zwecke erfüllen und für Kontinuität stehen. Die effizienten Institutionen wie die Regierung hingegen erledigten die tägliche Arbeit erledigen und sorgten für die nötigen Modernisierungsimpulse.

Dass Tony Blair die Königin im Film schließlich doch davon überzeugen kann, nach London zu kommen und die offizielle Trauerfeier für Diana abzuhalten, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie effiziente und ehrwürdige Institutionen zusammen wirken. Nur scheint jetzt die Zeit gekommen zu sein, in der die effizienten Institutionen selbst erneuert werden müssen. Spätestens im Herbst wird Queen Elizabeth II. wohl ihren elften Premierminister empfangen.

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