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"The Revenant" mit Leonardo DiCaprio: Gegen ihn ist Charles Bronson ein Osho-Jünger

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Ein Mann sieht dunkelrot: Leonardo DiCaprio spielt in dem Survival-Western "The Revenant" einen Trapper, der sich durch eisige Wildnis schleppt, um Rache an den Mördern seines Sohns zu nehmen. Die wahre Hauptrolle spielt aber ein Unbekannter.

Eigentlich sollte es in diesem Text um Leonardo DiCaprio gehen. Er ist der Superstar, spielt in "The Revenant" die Hauptrolle, setzte sich dafür stundenlangen Make-Up-Sitzungen und Schneestürmen aus, wird als heißer Anwärter auf den Oscar gehandelt. Die Chancen stehen gut, die Academy liebt extreme Verwandlungen wie die von DiCaprio in einen Trapper des 19. Jahrhunderts, den man unter Zauselbart, speckiger Lederjacke, Dreck, Schweiß, Tränen und diversen Narben kaum erkennt.

Der heimliche Star dieses Hybriden aus Rache- und Schnee-Western, Abenteuerfilm und existenzialistischem Survival-Drama ist aber ein anderer. Ein ziemlich unbekannter Mexikaner, zumindest dem Namen nach: Emmanuel Lubezki. Er ist der Kameramann des Films. Neben ihm wird selbst sein Regisseur, Lubezkis Landsmann Alejandro González Iñárritu, beinahe zum Statisten. So sehr dominieren in "The Revenenat" seine majestätischen Monumentalaufnahmen und sein Markenzeichen, die langen Kamerafahrten.

In der Filmwelt ist Lubezki bereits eine Legende. Worauf DiCaprio schon so lange wartet, das steht bei dem Mann doppelt zu Hause im Schrank: zwei Oscar-Statuetten. 2014 wurde er für seine Kameraarbeit in "Gravity" ausgezeichnet, 2015 für Iñárritus "Birdman". 2016 könnte er das Triple holen. Nie zuvor hat ein Kameramann das geschafft.

Unbestritten ist Lubezki ein ganz Großer, und auch "The Revenant" verwandelt er stellenweise in ein furioses Bilder-Spektakel. Allerdings - auch die Schwächen dieses Films, die daraus ein so widersprüchliches Erlebnis machen, gehen zu einem großen Teil auf Lubezkis Konto.

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"The Revenant": Der mit dem Bären kämpft
Wenn es gut läuft, dann saugt Lubezkis Kamera mit ihren schwebenden Bewegungen den Zuschauer förmlich in das Geschehen hinein. Wie zu Beginn von "The Revenant". Da folgt das Weitwinkel-Objektiv langsam und andächtig dem Trapper Hugh Glass (DiCaprio) und seinem Sohn bei der Jagd in den Wäldern von South Dakota. Es ist das Jahr 1823, und Nordamerika ist noch ein weitgehend unerforschter Kontinent. Glass führt einen Trupp von Pelzhändlern durch die Wildnis, Ziel ist ein Fort am Grand River. Ein Angriff von Ureinwohnern dezimiert die Gruppe allerdings stark, und kurz darauf wird Glass von einem Bären angegriffen und beinahe getötet.

Zwei Männer sollen bei dem Schwerverletzten bleiben, während die anderen Hilfe holen. Aber kaum sind die anderen fort, tötet der Pelzhändler Fitzgerald (Tom Hardy) Glass' Sohn und flüchtet. Den scheinbar dem Tod geweihten Trapper lässt er in einem eilig geschaufelten Grab zurück. Glass allerdings stirbt nicht. Der Gedanke an Rache hält ihn am Leben.

Er schient sein gebrochenes Bein selbst. Kriecht meilenweit durch die Wildnis. Kaut Wurzeln und Blätter. Durchschwimmt eisige Flüsse. Übernachtet im ausgehöhlten Bauchraum eines toten Pferds. Ist halt ziemlich sauer, der Mann. Und sieht so dunkelrot, dass Charles Bronson gegen seinen Rachefeldzug wirkt wie ein Osho-Jünger in Jesuslatschen.

Blöd eigentlich, dass man sich fast unweigerlich lustig macht über diese Geschichte. Denn mit Humor hat es Alejandro González Iñárritu eigentlich nicht so. Mit seinem düsteren, schlicht genialen Debüt "Amores Perros" wurde er auf einen Schlag weltberühmt. Die Filme, die folgten, wateten zunehmend in spirituellen Flachgewässern, irgendwo zwischen überambitioniertem Gewissensdrama und Lebenshilfe-Ratgeber. Das war auch bei seinem letzten Film "Birdman" nicht anders, und das sollte eigentlich eine Komödie sein.

Kerle, die monatelang nicht gebadet haben

Mit heiligem Ernst verfilmt Iñárritu nun auch die wahre Geschichte des Hugh Glass, eine Figur der amerikanischen Folklore. Über die genauen Umstände von Glass' Odyssee ist nur wenig bekannt. Umso mehr Wert legte der Regisseur auf die historische Akkuratesse seines Films. Er drehte unter schwierigsten Bedingungen in abgelegenen, beinahe unberührten Landstrichen Kanadas und Argentiniens. Alle Darsteller mussten ein Trapper-Bootcamp überstehen. Die verwendeten Materialien für Kostüme und Bauten entsprechen dem damaligen Stand der Technik.

Den Zuschauer in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts zu versetzen und ihn nachempfinden zu lassen, unter welchen Bedingungen Männer wie Hugh Glass damals in und mit der Natur lebten, das ist das erklärte Ziel Iñárritus. Klappt auch zum Teil. Die Schauspieler sehen aus wie Kerle, die monatelang nicht gebadet haben und sich verdammt ungesund ernähren. Glass' Kampf mit dem Bären wirkt spektakulär und furchterregend realistisch. Überhaupt wird die Natur zur eigentlichen Hauptdarstellerin, erbarmungslos, erhaben und grausam.

An dieser Wirkung hat Lubezkis fluide Kamera großen Anteil. Wie ein ätherischer Geist schwebt sie durch majestätische Wälder und über endlose, mit Schnee bedeckte Ebenen. Diese ruhigen, gleitenden Kamerabewegungen sind typisch für seinen Stil. So wie Lubezkis lange Kamerafahrten. Höhepunkt in "The Revenant" ist der Angriff der Ureinwohner, den er in einem viele Minuten währenden long take filmt. Die Kamera gleitet durch den wie unabhängig von ihr und um sie herum tobenden Kampf, elegant und allwissend.

Zunehmend aber stehen diese Bilder sich selbst im Weg. Je mehr Iñárritu die Natur mit dem Pathos des Numinosen auflädt und das schiere Wunder des Seins heraufbeschwören will, desto stärker gleiten Lubezkis Bilder ab in leere Protzerei. Immer wieder Aufnahmen im Gegenlicht, der Mond hinter Wolken, untersichtige Einstellungen, die den Blick nach oben, himmelwärts richten. Wie sehr Lubezkis Monumental-Stil auch zu erzählerischem Totalstillstand führen kann, zeigten zuletzt die völlig missratenen Terrence-Malick-Filme "To the Wonder" und "Knight of Cups", die er ebenfalls fotografierte.

"The Revenant" will bei aller Authentizität im Außen eigentlich von den großen, ans Seeleninnere gerichteten Fragen erzählen. Wer sind wir Menschen im Angesicht des Todes? Was gibt unserem Leben Sinn? Was erhebt uns über die Natur, deren Teil wir doch sind? Dürfen wir töten, dürfen wir rächen? Iñárritu und Lubezki ist ein spektakulärer Survival-Reißer gelungen. Ihre Antworten auf die großen Fragen haben allerdings die Tiefe einer Fototapete.

Im Video: Der Trailer zu "The Revenant - Der Rückkehrer"

The Revenant - Der Rückkehrer

USA 2016

Regie: Alejandro González Iñárritu

Drehbuch: Mark L. Smith, Alejandro González Iñárritu

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domnhall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck

Produktion: New Regency Pictures, Anonymous Content, Appian Way

Verleih: Twentieth Century Fox

Länge: 156 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 6. Januar 2015

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. Birdman
bono24 06.01.2016
war eher eine Tragik(!)komödie. Oder hatte SPON etwa erwartet, dass ein Film über einen schizophrenen, beruflich gescheiterten und letztendlich Selbstmord begehenden Menschen "humoristisch" sein sollen?
2. Andere Kritiker
vhn 06.01.2016
kommen zu der Meinung, dass es ein sehr bildgewaltiger, hervorragend gespielter Film ist. Punkt.
3. Wo ist die Fortsetzung?
box 06.01.2016
Diese Kritik hat wahrscheinlich einen Link zu einer zweiten Seite, der verloren gegangen ist. Sonst kann ich mir nicht erklären, warum so viel angerissen, aber nicht erklärt oder belegt wird. Warum macht man sich unweigerlich lustig über die Geschichte? Tiefe einer Fototapete, wo und warum? Dort, wo der Artikel den Film kritisiert, liefert er nichts. Kritik mag berechtigt, sollte aber nachvollziehbar sein. Sonst kann man sich die vielen Worte sparen und schreiben: Fand den Film blöd. Zuviel Bilder.
4. Gähn
cdrenk 06.01.2016
Der Film ist ein einziger Gähn. Oskar dafür ? Den goldenen Gummibären hat er vielleicht verdient und auch da habe ich Zweifel.
5. Führt der Kameramann Regie?
ringomeier 06.01.2016
Ich frage mich, ob der Autor eine Vorstellung davon hat, wie es an einem Filmset zugeht. Der Kameramann gehört zu den wichtigsten Leuten am Set, keine Frage. Und er kann mit seiner Arbeit einen Film prägen. Aber entscheidend ist, bleibt und war schon immer der Regisseur. Kein Regisseur lässt sich einen Look aufdrängen, jede Einstellung ist mit ihm abgesprochen. Wenn es untersichtige Aufnahmen gibt, dann weil der Regisseur es so wollte. Und wenn die letzten Filme von Malick nichts taugen, dann liegt das nicht an der Kameraarbeit, sondern an der öden Story, der uninspirierten Regie und dem Schnitt. Anstatt sich über die Kameraarbeit auszulassen, hätte der Autor sich wirklich mehr auf den Film konzentrieren können bei seiner Rezension.
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