Klassenkampf im Kino Wer kein Geld hat, verdient noch weniger

Mit dem warmherzigen "Pride" und dem bitterbösen "The Riot Club" laufen gleich zwei Filme über Opfer und Täter im Neoliberalismus an. Beide haben reale Vorbilder.

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Eine der zentralen Botschaften des zurzeit sehr gefragten Philosophen Byung-Chul Han lautet, dass der Neoliberalismus uns mit dem sanft eingeflüsterten Versprechen überzeugt hat, harte Arbeit und grenzenloser Konsum würden zu Selbstermächtigung führen. Jens Bisky hat dem in der "Süddeutschen Zeitung" bereits leidenschaftlich widersprochen. Mit "The Riot Club" und "Pride" kommen nun zwei britische Filme ins Kino, die beste Schützenhilfe für die Position leisten: Der Neoliberalismus darf nicht ohne Gewalt gedacht werden.

London, 1984. "Wir haben dieselben Gegner: die Regierung und die Boulevard-Medien", sagt Schwulenaktivist Mark (Ben Schnetzer) in "Pride" (Kinostart 30.10). Soeben haben die Bergarbeiter aus Protest gegen die von Margaret Thatcher angekündigten Grubenschließungen beschlossen, in unbefristeten Streik zu treten. Der Großteil von Marks Londoner Aktivistenfreunden will von Solidarität mit den Bergarbeitern jedoch nichts wissen. Zu frisch sind bei vielen die Erinnerungen daran, wie sie auf dem Land wegen ihrer Homosexualität drangsaliert wurden. So bleibt Mark nur eine Hand voll Schwuler und eine Lesbe (gespielt von Dominic West, Andrew Scott, Faye Marsay und anderen) um zu beweisen, dass man sich schadlos für mehr als eine Sache einsetzen kann. Und tatsächlich: Bald hat "Lesbians and Gays Support the Miners" (LGSM) so viel Geld zusammen, dass sich die Aktionsgruppe aussuchen muss, welches Bergarbeiterdorf sie unterstützen möchte.

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Sozialdrama "Pride": Gruben und Perverse
"Pride" beruht auf wahren Begebenheiten, die Drehbuchautor Stephen Beresford und Regisseur Matthew Warchus weitgehend akkurat in ein mitreißendes Feel-Good-Movie übersetzen.

Manche Szenen mögen zu sehr aufs Herz abzielen, und manche Sympathieträger, allen voran Imelda Staunton und Bill Nighy, mögen zu deutlich als eben solche zu erkennen sein. Doch "Pride" wechselt so gekonnt zwischen seinen Protagonisten, dass sich diverse Zwischentöne und Themen, zum Beispiel Aids und die Zerwürfnisse zwischen Feministinnen und Schwulenaktivisten, untermischen.

Die Wahl von LGSM fällt schließlich auf das Örtchen Onllwyn in Wales, und auf Vermittlung des sanften Bergarbeiters Dai (Paddy Considine) hin fährt bald ein VW-Bus voller Aktivisten Richtung Westen. Nach ersten, verdrucksten Treffen scheint sich Onllwyn mit seinen außergewöhnlichen Verbündeten anzufreunden. Doch die gnadenlose Politik Thatchers zeigt nach und nach ihre brutale Wirkung: Als auf den Sandwiches, die das Streikkomitee verteilt, nur noch Margarine ist, steht das prekäre Bündnis von Aktivisten und Bergarbeitern vor der Bewährungsprobe. Was kann man einer Regierung, die Hunger und Not in Tausenden Familien in Kauf nimmt, ernsthaft entgegensetzen?

Schulterschluss auf dem Parteitag

Gewöhnlicherweise gilt die bedingungslose Niederlage der Gewerkschaften als Ende der Geschichte des Bergarbeiterstreiks. Zu den größten Stärken von "Pride" gehört es zu zeigen, dass die Niederlage auf dem einen Schlachtfeld einhergehen kann mit dem Sieg auf einem anderen: 1985 stimmte der Parteitag von Labour erstmalig dafür, sich für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen. Der Beschluss kam nur zustande, weil die Gewerkschaften der Bergarbeiter geschlossen dafür stimmten.

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Satire "The Riot Club": Trinken, fressen, hassen
Oxford, 2014. An der Eliteuni beginnt das neue Studienjahr, und der noch elitärere "Riot Club" (Kinostart 16.10.) macht sich auf die Suche nach würdigen Neuzugängen unter den Erstsemestern. Wer entstammt einer angesehenen Familie? Wer war auf den richtigen Internaten? Wer macht im Smoking eine gute Figur? Und wer übersteht die traditionellen Sauf- und Fressgelage des "Riot Club" halbwegs unbeschadet? Dass nur Männer infrage kommen, versteht sich von selbst.

Der gutmütige Miles (Max Irons) und der arrogante Alistair (Sam Claflin) machen schließlich das Rennen. Dass sie so unterschiedliche Temperamente haben, ist den älteren Klubmitgliedern egal, schließlich zählt hier nur, was man hat, nicht wie man ist. Bis das erste Bacchanal der Saison ansteht - betrunken von edlen Weinen und high vom exzessiven Selbstbewusstsein mischt der "Riot Club" den ländlichen Pub auf, in dem er sich zusammengefunden hat. Hat Miles genug Anstand, um die Eskalation zu stoppen? Oder gelingt es Alistair, den Abend auf seine gewalttätige Spitze zu treiben?

Dass "The Riot Club" die tableauhafte Szene im Landgasthof zum Mittelpunkt hat, ist kein Zufall. Der Film basiert auf dem Theaterstück "Posh" von der britischen Dramatikerin Laura Wade, die es selbst für die Leinwand adaptiert hat. Unter der Regie von Lone Scherfig ("An Education") wird daraus ein markiges Lehrstück über die britische Klassengesellschaft. So satirisch überspitzt "The Riot Club" in manchen Momenten auch wirkt - die Inspiration für Stück und Film ist leider real.

Die Noch-viel-Mächtigeren von morgen

Im Bullingdon Club finden sich seit rund 200 Jahren die betuchtesten Oxforder Studenten für exzessive Dinner zusammen. Als 2007 ein Foto des Klubs aus den Achtzigerjahren in britischen Medien veröffentlicht wurde, war das Erschrecken groß. Unter den Smoking tragenden 20-Jährigen waren sowohl der spätere Premierminister David Cameron als auch der spätere Bürgermeister von London, Boris Johnson. Darf sich die Führung einer Demokratie wirklich aus einem so kleinen Kreis rekrutieren?

Konkrete Politiker nehmen sich Theaterstück und Film nicht vor, vielmehr legen sie offen, welche Geisteshaltung den Mächtigen von heute und den Noch-viel-Mächtigeren von morgen eigen ist - sie genießen nicht nur ihre Privilegien, sie möchten das Gefühl haben, diese zu verdienen. Doch dieses Gedankenkonstrukt kann nur halten, wenn man glaubt, dass es Menschen gibt, die im Gegenzug nichts wert sind.

Auf dem Höhepunkt des "Riot Club"-Dinners bricht aus Alistair der pure Ekel vor sozial Benachteiligten aus. Gerade weil sie nichts haben, haben sie noch weniger verdient - und deshalb geht es dem kleinbürgerlichen Wirt des Landgasthofs buchstäblich an den Kragen. Schwer, darin nicht eine Analogie zu den unbarmherzigen Sparmaßnahmen von Premier Cameron und Schatzkanzler George Osborne (ebenfalls ein Bullingdon-Mitglied) zu sehen, die direkt auf Arbeitslose, Alleinerziehende und Behinderte, also die Schwächsten, zielen.

Der Neoliberalismus als "soft power"? Nein, zu seiner Durchsetzung braucht es Machthaber, die vor keiner rücksichtslosen Maßnahme zurückschrecken. "Pride" zeigt, wie es ist, Ziel solcher Politik zu sein. "The Riot Club" stellt jene bloß, die sie durchsetzen.

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Newspeak 10.10.2014
1. ...
Der Neoliberalismus als soft power? Nein, zu seiner Durchsetzung braucht Machthaber, die vor keiner rücksichtslosen Maßnahme zurückschrecken. "Pride" zeigt, wie es ist, Ziel solcher Politik zu sein. "The Riot Club" stellt jene bloß, die sie durchsetzen. Sicher interessant, diese Filme. Was fehlt ist der Film, der zeigt, wie den Neoliberalen der Garaus gemacht wird. Und da hilft die Gesellschaftsanalyse wenig, wenn man nicht bereit ist, die von den Eliten ausgehende Macht und Gewalt zu spiegeln und auf sie zurückzuwerfen.
RogerRabit1962 10.10.2014
2. Und die Rezepte?
"Opfer" und " Täter" im Neoliberalismus. Was für ein Linkssprech oder Rechtssprech. Sind die Bergarbeiter, die heute in ganz anderen Bereichen arbeiten und zu Wohlstand gekommen sind, die Opfer oder die Täter? Sind die Bleisetzer aus der Londoner City die durch die Neolibs aus ihren Jobs befreit wurden und heute in sicheren Berufen arbeiten können Opfer oder Täter? Wollen wir jetzt die Maschinensteuer einführen, damit die Webstühle zurückkommen? Die Linken und die Neolibs fahren zusammen auf einem Kinderkarusell, dessen unsichtbare Verbindung sie beide nicht sehen oder sehen wollen.
pascal3er 10.10.2014
3. genau
Zitat: "Wir haben dieselben Gegner: die Regierung und die Boulevard-Medien". Und das stimmt. Aber anstatt sich dagen zu positionieren, hauen wir uns lieber selbst die Köpfe ein. Und so wird die Gesellschaft scheitern. Ich würde lieber mit ein paar Leuten zusammen arbeiten, die noch einen Funken Ehre und Moral haben. Damit unsere Kinder schön über die dumme Thatscher in 50 Jahren im Geschichtsunterricht lachen können. Wer macht mit?
der-denker 10.10.2014
4. Es ist tatsächlich so einfach
Nicht alle die reich sind verdanken das ihrer Herkunft, es gibt auch die die einfach Glück hatten oder skrupelloser waren als die Konkurrenz. Ach ja. und die die es durch harte Arbeit und Risikobereitschaft geschafft haben. Es ist tatsächlich so einfach wie es den Eindruck hat. Die Grundfragen zeichnen sich genau so simpel in der Politik ab. Dass den Reichen möglichst nichts abverlangt wird ist jedenfalls die eherne Regel bei uns und anderswo. Ich weiß nicht wie es mittlerweile in Schweden aussieht. Beim Beispiel Schweden sollte man beachten dass das Land trotz der höchsten Spitzensteuersätze jahrzehntelang erfolgreich und stabil war. Die Legitimation von Privilegien ist die zentrale Waffe gegen die Anderen. Bei Mutti hört sich das so an dass man die "Leistungsträger nicht demotivieren dürfe". Warum nicht? Vermutlich weil sie dann nichts mehr leisten und das ganze Land den Bach runter geht, weil die 90% Rest zu blöd ist den Laden zu managen. Man will es "verdienen", richtig. Das ist für die Selbstachtung besser, man fühlt sich besser. Denn nicht allen Privilegierten ist der totale Zynismus gegeben die Armen zu verachten weil sie eben arm sind. Und es ist das unentbehrliche Instrument um Wahlkämpfe zu gewinnen und Talkshows zu dominieren. Wer zweifelt an der Legitimation ist ein "Neider". Dieser ganze Sachverhalt ist eigentlich gar nicht so komplex. Man wundert sich dass er dennoch im öffentlichen Diskurs nie eindeutig geklärt wird. Vielleicht deshalb weil die Lobbyisten wie Mutti einfach weiter ihre Version erzählen und diese durch die schiere Wiederholung scheinbar real wird.
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