Kultfilm "The Room" Der schlechteste Film aller Zeiten

Schlechte Schauspieler, schlimme Dialoge, übler Plot: "The Room" gilt als miesester Film überhaupt - und wird inzwischen als Kinokult verehrt. Zu Besuch bei einer Mitternachtsvorstellung in Los Angeles.

Von , Los Angeles


Vor 15 Jahren drehte Tommy Wiseau den verbrieft schlechtesten Film aller Zeiten und war höchstens Filmnerds ein Begriff. Doch seit James Franco kürzlich einen Golden Globe für seine Darstellung des schrägen Filmemachers in "The Disaster Artist" abräumte, ist Wiseau endlich der Welt bekannt.

Franco brachte den Mann mit der strähnigen Rockstar-Frisur sogar mit auf die Bühne, auch wenn er ihm dann den Zugriff aufs Mikrofon verweigerte, sehr zur Enttäuschung der Fans. Die nämlich zelebrieren seit Jahren in ausverkauften Mitternachts-Screenings Wiseaus selten krudes Werk. Die Filmvorführungen sind Kultveranstaltungen - Löffel fliegen, es gibt spontane Performances vor der Leinwand, das Publikum johlt ganze Dialogzeilen mit.

"The Room" ist eine melancholische Dreiecksgeschichte zwischen Johnny (Tommy Wiseau), seinem besten Freund Mark (Greg Sestero) und Lisa (Juliette Danielle), die zwar mit Johnny verlobt ist, sich aber Mark an die Brust wirft. Weitere Figuren sind der jungenhafte Denny (Philip Haldiman), Lisas Mutter Claudette (Carolyn Minnott), sowie Lisas beste Freundin Michelle (Robyn Paris). Dass es der Film überhaupt ins Kino schaffte, ist der Tatsache zu verdanken, dass Wiseau selbst ihn schrieb, inszenierte und vertrieb - für angeblich sechs Millionen Dollar, über deren Ursprung ebenso wie über die Herkunft Wiseaus bis heute gerätselt wird.

"Er ist magisch"

Vor dem Landmark-Kino in West Hollywood machen drei Caltech-Studenten in ihren Zwanzigern Selfies vor dem Filmposter, das Wiseau mit seltsam schläfrigem, vielleicht auch bedrohlichem Blick zeigt. Mo und Weilai sind zum ersten Mal dabei, ihr Kumpel Burt hat den Film schon viermal gesehen. "Er ist magisch", sagt Burt. "Er verfolgt eine unbeugsame künstlerische Vision! Hier hat sich keiner verkauft!"

Es ist halb zwölf Uhr nachts, vor dem Kino stehen Menschentrauben. Einmal im Monat gab es dieses Mitternachts-Screening bisher, seit Franco den Golden Globe gewann, wird er jeden Samstag gezeigt. Manchmal kommt Wiseau persönlich vorbei, dann kosten die Tickets statt zehn Dollar fünfzehn. Heute ist er nicht da - aber wenn Tommy kommt, sagt Brian, der hinterm Tresen steht und Tickets und Popcorn verkauft, ist hier die Hölle los.

Fotostrecke

5  Bilder
Fotostrecke: So schlecht, es ist Kult

"Wo kriege ich denn Löffel?", wollen zwei junge Frauen wissen. Brian zeigt zur Tür, wo für einen Dollar Tüten mit Plastiklöffeln zu haben sind. Sie fliegen immer dann unter lautem "Spoon!"-Geschrei durch den Saal, wenn die Kamera die seltsamen Löffelbilder streift, die Johnnys Wohnung zieren.

Die Stimmung vorm Kino ist aufgekratzt, nicht wenige kommen gerade aus der Bar. In der Schlange stehen auch Filmprofis. Ron, 38, ist Schnittmeister, und er bestätigt, dass "The Room" auch aus professioneller Perspektive "ein wirklich schlimmer Film ist". Aber als Ron das erste Mal ein Screening mitmachte, "hatte ich den Spaß meines Lebens", und jetzt hat er einen Freund mitgebracht. Das Kino füllt sich rasch. In der achten Reihe sitzen Steve und Terri, beide in ihren späten Sechzigern. Ihr Enkel, der Film studiert, hat sie hierhergeschickt. "Wenn ich es richtig verstehe, ist das hier so ähnlich wie die 'Rocky Horror Picture Show'", sagt Terri und bündelt in ihren Händen ein Dutzend Löffel zum Bouquet.

Neunundneunzig Minuten fröhliche Frauenfeindlichkeit

Schon der Vorspann ist eine Gaudi. Buhrufe ertönen, als der Name von Juliette Danielle erscheint - sie ist die ausgemachte Antagonistin der Geschichte und inspiriert für die nächsten neunundneunzig Minuten fröhliche Frauenfeindlichkeit. Dann erscheint der Name des Kameramanns und das Kino verflucht unisono Todd Barron. Uneingeweihte werden erst in den nächsten Minuten feststellen, dass Barron immer wieder Mühe hat, seine Figuren scharf ins Bild zu fassen.

Überhaupt wird, wer "The Room" noch nicht gesehen hat, Mühe haben, dem Geschehen zu folgen. Immer wieder grölt der ganze Saal die schlechten Dialoge mit ("You are tearing me apart, Lisa!"), kommentiert unisono die Ereignisse ("who the fuck are you?", als irgendwelche unbekannten Figuren plötzlich ins Geschehen eingreifen), feuert die zahllosen Kameraschwenks über die Golden Gate Brücke an: "Go! Go! Go! Go!" Auftritte einzelner Figuren werden lauthals begrüßt und verabschiedet: "Oh hi, Mark! Bye Denny!" und hin und wieder werden rituell Fußnoten skandiert, etwa: "Dear diary, Mom's a bitch!" Es ist keine schlechte Idee, den Film zumindest einmal vorher gesehen zu haben und vielleicht sogar eine Online-Anleitung für die Mitternachts-Screenings zu konsultieren.

Ein cineastisches Erlebnis ist "The Room" in jedem Fall. Aber wer die plumpe Struktur der Geschichte, die ungelenken Darstellungen vor allem von Wiseau und die unterirdischen Dialoge dieses eigenwilligen Werks zu schätzen weiß, der muss das Ganze auf der großen Leinwand gesehen haben - am besten inmitten einer Horde aufgekratzter Fans. Neben den wunderbar schlecht platzierten Lachern von Wiseau und den vom Publikum akustisch überhöhten Kuss-Szenen ("Aum! Aum! Aum!") ist ein Highlight jeder Vorstellung die Unterhaltung zwischen Lisa und Michelle, während der sich an Lisas Hals mehrfach seltsame Ausbeulungen formieren - der amüsierte Ekel im Saal kennt kaum Grenzen. Als Johnny einen Kassettenrekorder aufstellt, um heimlich ein Gespräch von Lisa mitzuschneiden, singt das Publikum schief die Titelmusik von "Mission: Impossible".

"Johnny, over here"

Aber die Mitternachts-Screenings sind auch spontane Happenings. Mal springen ein paar Besucher an der rechten unteren Leinwandecke auf und ab und schreien "Johnny, over here!", als Wiseau von der Leinwand unmotiviert seinen Blick in die Ecke wendet. Mal spielen ganz vorn zwei die Actionszene zwischen einem Drogendealer mit dem seltsamen Namen Chris-R und Denny nach, während sie über die Leinwand flimmert. Manche Leute kommen in Kostümen, einige schleudern während der Vorführung ihre eigenen Anmerkungen Richtung Leinwand, was je nach Tauglichkeit mit mehr oder weniger Gelächter quittiert wird.

Der Film, sagt hinterher ein erschöpfter Zuschauer schwärmerisch, sei einfach wunderbar ernst in seiner Schlechtigkeit. Kichernd verlassen die Leute den Saal, bei einer Zigarette vor dem Kino atmet man erst mal durch. Schade nur, ist man sich in einer kleinen Gruppe einig, dass James Franco es Tommy Wiseau bei der Verleihung der Golden Globes verwehrte, selbst ins Mikrofon zu sprechen. Aber die "Los Angeles Times" ermittelte im Namen der Fans, was Wiseau in der "Rede, die Franco uns allen gestohlen hat" ("Vanity Fair") gesagt hätte: "If a lot of people loved each other, the world would be a better place to live."

Es ist, natürlich, ein Zitat aus "The Room".

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hegade 29.01.2018
1. Häh?
und was ist aus Ed Wood geworden? "Plan 9 aus dem Weltall"? Zählt nicht mehr?
betonklotz 29.01.2018
2. Der schlechteste Film aller Zeiten ist "Plan 9 aus dem Weltall"
Ich will nicht bestreiten, daß "the Room" schlecht ist. Meinetwegen auch monumental schlecht. Aber "Plan 9" kann man einfach nicht toppen, sorry.
palerider78 30.01.2018
3. Herrlich schräger Streifen!
Gerade letzte Woche, wenn auch in kleiner privater Runde, erstmals gesehen. Bezweifel allerdings, dass dieser Kult nach Europa überschwappen kann.
sven2016 30.01.2018
4.
Bisher wurde immer "Plan B from Outer Space" in der Filmliteratur und im Spiegel als schlechtester Film bezeichnet und Ed Wood als schlechtester Regisseur. Jetzt dieser. Werden Artikel nur gelesen, wenn das Thema trumpmäßig gehypt wird?
Birs 30.01.2018
5. Plan 9 from Outer Space...
.... nicht Plan B. Ansonsten sind ich Ihnen da voll zu. Wobei man diesem zugute halten muss, dass dummerweise mit Bela Lugosi der Hauptdarsteller während der Dreharbeiten gestorben ist und der Ersatz schlicht kein Schauspieler war ^_^
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.