Raubfisch-Trash "The Shallows" Hai-Noon

Blake Lively liefert sich als Surferin mit wenig Stoff am Leib ein Duell mit einem Weißen Hai. "The Shallows" ist Bikini-Action in sehr flachem Gewässer.

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Das Meeresfrüchtchen-Büffet ist eröffnet. Ein Hai-Thriller verfügt immer über reichlich Bilder, die aus der Perspektive des hungrigen Raubfischs aufgenommen scheinen, zum Beispiel ein zaghaft vom Steg ins Wasser gehaltenes Frauenfüßchen oder zwei vom Brett abgespreizte Surferinnenschenkel oder das im sonnengefluteten Wasser wogende Bikinioberteil einer Schwimmerin.

Hai-Thriller sind immer auch Fetisch-Thriller; Filme also, die Begierde im Close-up auf den Punkt bringen, die sich am Detail weiden. Und das gilt für den Blick aufs menschliche (weiblich konnotierte) Leckerli genauso wie für den Blick auf den tierischen (männlich konnotierten) Angreifer: Auch der Hai wird erst einmal nur im Ausschnitt gefeiert.

Seine Rückenflosse ragt kurz aus den Wellen, im diffusen Blau einer Unterwasseraufnahme pumpen auf einmal vor uns die Killermaschinen-Kiemen, und natürlich blicken wir mit lustvollem Schauder ins doppelzahnreihenumkränzte Maul. Den Rest des Körpers sehen wir erst einmal gar nicht. Trotzdem zieht uns der Hai in den Bann.

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"The Shallows" mit Blake Lively: Zeig mir deine Flosse, Dicker!

Die Männer sind in solchen Filmen indes immer strunzlangweilig. Stehen da mit ihren dicken, nutzlosen Harpunen. Kleben wie Pubertierende zu Silvester irgendein explosives Material aneinander. Kommen zur Rettung meist zu spät. Seien wir ehrlich, Jungs: Der eigentliche Kampf ist einer zwischen Hai und Frau.

Die Männer sind bald aus dem Wasser gebissen

So gesehen ist das Szenario des Hochglanz-B-Movies "The Shallows" nur konsequent. Die wenigen unbedeutenden männlichen Protagonisten werden hier schnell von einem Weißen Hai aus dem wunderschön fotografierten, türkisblauen Wasser gefressen. Zurück bleibt eine junge, blonde, verwundete Surferin, die sich über einen Tag, eine Nacht und einen weiteren Vormittag in einer Bucht vor Mexiko mit dem ungewöhnlich hungrigen Great White rumschlagen muss. Hai-Noon.

Die einzige Waffe, die sie in diesem ungerechten Duell hat, ist ihr Körper. Na ja, und ihr Verstand. Aber letzterer lässt sich nun mal nicht so gut in Szene setzen, deshalb taucht der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra, Lieferant solide getakteter Action-Mechanik wie "Unknown Identity", tief in die oben beschriebene Meeresfrüchtchenbilderwelt ein.

Seiner Hauptdarstellerin Blake Lively ("Gossip Girl") kommt dabei die komplexe Aufgabe zu, einerseits die gesamte Palette weiblicher Wassersportreize zu präsentieren und andererseits ein riesiges Arsenal pfiffig herbeigebastelter Verteidigungsgimmicks aufzufahren. In einem in der Brustregion schnürenden Neoprenanzug (der im Laufe der Handlung kunstvoll zerlegt wird und immer neue Funktionen bekommt) nimmt Livelys Surfergirl den Kampf gegen den Hai auf.

Viel Technik, wenig Charakter

Während sie im flachen Küstengewässer von einem scharfkantigen Felsen zum anderen strampelt und sich dabei eine Blessur nach der anderen zuzieht, um schließlich auf eine rostige Eisenboje zu wechseln, entwickelt sie immer neue Tricks, mit denen sie ihrem Angreifer Paroli bietet. Ohne zu viel zu verraten: Selbst in diesem durch und durch nassen Ambiente finden sich Möglichkeiten, Explosionen aller Art zu entfachen.

"The Shallows" hätte gut eine östrogen- und actiongetriebene Variante von "Der alte Mann und das Meer" werden können, in der die Heldin im Kampf gegen ein Raubtier über sich selbst hinauswächst. Das Problem: Der Hai wird nicht als wirklich starker Gegner etabliert; er ist zwar technisch besser getrickst als die meisten Kinovorgänger, entwickelt aber keinen schillernden Charakter so wie das Kreaturen in den besseren Produktionen dieses Genres gelingt.

Die Errungenschaft von Regisseur Steven Spielberg in seinem Genreprototyp "Der weiße Hai" aus dem Jahr 1975 lag ja darin, dass er einerseits seinen tierischen Antihelden sehr ökonomisch ins Bild setzte, ihm aber andererseits durch Bewegungssimulationen und John Williams Stakkato-Score eine unglaubliche Präsenz verlieh.

Der Hai entwickelte sich zum Stalker, der einer ganz eigenen, kranken Dynamik zu folgen schien. Biologisch Blödsinn, erzähltechnisch brillant. Der Fresstrieb wurde zur Mordlust überhöht, der Fisch zum Monster mit psychologischer Komponente. Die Angst vor ihm steigerte sich ins Unermessliche - besonders in Momenten, wo er nicht zu sehen war.

In "The Shallows" aber ist der Hai sehr oft zu sehen. Wohl auch als Folge der wunderbaren tricktechnischen Errungenschaften, man möchte nun mal zeigen, was man so alles mit dem Computer anstellen kann. So muss der Hai gelegentlich delphinartig in die Luft springen, und das ist wirklich nett anzusehen.

Aber wer entwickelt schon Panik vor einem Wesen, das sich wie ein ausgeticktes Schoßhündchen aufführt. Die Surferin im zusehends zerschlissenen Bikini, aber mit unverwüstlichem Überlebenswillen findet bald Möglichkeiten der Manipulation. Dem Hai kommt in diesem Match jedoch bald seine mythische Größe abhanden. Flach, flacher, "The Shallows": Mit diesem Film verliert das Kino einen seiner schönsten Abgründe.

Im Video: Der Trailer zu "The Shallows"

"The Shallows - Gefahr aus der Tiefe"

    Originaltitel: "The Shallows"

    USA 2016

    Regie: Jaume Collet-Serra

    Drehbuch: Anthony Jaswinski

    Darsteller: Blake Lively, Angelo Lozano Corzo, Jose Manuel Trujillo Salas, Sedona Legge, Óscar Jaenada, Brett Cullen

    Produktion: Columbia Pictures, Ombra Films

    Verleih: Sony Pictures Germany

    Länge: 87 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 25. August 2016

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Institutsmitarbeiter 22.08.2016
1. anderswo bessere Kritiken
Amerikanische Kritiker haben den Film häufig deutlich positiver bewertet, eben ein Genre-Film, der aber in den sich selbst gesetzten Grenzen funktioniert und Spaß macht. Ich kann ja die Begeisterung für die Hauptdarstellerin Blake Lively nachvollziehen, aber der Autor hat sich zu sehr auf diesen Aspekt versteift.
Tevje 22.08.2016
2. Naja,
Zitat von InstitutsmitarbeiterAmerikanische Kritiker haben den Film häufig deutlich positiver bewertet, eben ein Genre-Film, der aber in den sich selbst gesetzten Grenzen funktioniert und Spaß macht. Ich kann ja die Begeisterung für die Hauptdarstellerin Blake Lively nachvollziehen, aber der Autor hat sich zu sehr auf diesen Aspekt versteift.
"versteift" ist natürlich ein hintersinniger Ausdruck im gegebenen Zusammenhang ;-)) , aber eigentlich war doch der "Weiße Hai" Kinogeschichte? Das weiße Haie nicht eben die ideale Gummiente in der Freiluft-Badewanne sind, dürfte jedem vernünftigem Badegast klar sein, aber ihnen die Intelligenz zuzuschreiben, jeden bereits aus dem Wasser geflüchteten Surfer solange zu umschwimmen, bis die Flut ihn wieder von seinem Rettungsinselchen vertreibt, ist doch wohl starker Tobak. Und als jemand, der bereits mit Haien ebenda getaucht ist (Mexiko), wenn auch nicht mit Weißen Haien, kann ich nur jedem Surfer raten, sich langbeinige und -ärmelige Surfkleidung anzuziehen, sonst dürfte das Schwimmen mit dem Hai sich angenehmer anfühlen, als der Sonnenbrand am nächsten Tag.
jueho47 22.08.2016
3. egal
Ein Film, der in ein paar Jahren auf Tele5 Schlefaz läuft. Ich freu mich schon drauf.
bammbamm 22.08.2016
4. wait....what?
Also wie man aus einem Haifischfilm wieder ne Genderdebatte konstruieren will erschliesst sich mir nicht. Weder habe ich bisher einen Hai als besonders männlich wahrgenommen noch eine überproportionale Anzahl an weiblichen Heldinnen als Eye-Candy wahrgenommen (ausser man will einem Haifischfilm vorwerfen das er Hauptsächlich im Wasser spielt und man auf Burkinis besteht). Der Film selbst ist definitiv einer der besseren seiner Art
mme.monstre 22.08.2016
5. Verpasste Chance!!
Das Mädchen und der Hai hätten irren Sex haben können und dann in Ruhe ihrer Wege ziehen können.
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