Western mit Joaquin Phoenix Dieser Film ist eine Goldgrube

Lagerfeuergespräche, Verfolgungen, Schießereien: "The Sisters Brothers" mit Joaquin Phoenix und John C. Reilly hat alles, was ein Western braucht - und bietet noch viel mehr.

Wild Bunch Germany

Von Esther Buss


"So weit sind wir noch nie gekommen", meint Charlie Sisters einmal zu Eli Sisters. Die beiden Brüder (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) sind nach einem langen und blutigen Weg von den Bergen Oregons aus gerade an der kalifornischen Westküste angekommen. Eli, der ältere, versteht nicht gleich. "Wie meinst du das? Im Gespräch?"

Ein so schön komisches Missverständnis kann es nur in einem Western wie "The Sisters Brothers" geben, dem ersten englischsprachigen Film des französischen Regisseurs Jacques Audiard. Distanzen werden darin stets auch im Gespräch durchmessen, wobei das Gequassel nie jene Meta-Qualität annimmt, die aus dem ur-amerikanischen Genre einen Spät-, Neo- oder Postwestern machen würde (im Unterschied etwa zu Tarantinos ausgetüftelten wie theatralen Dialogkonstruktionen).

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"The Sisters Brothers": Auf der Jagd nach einem anderen Leben

"Schmollst du?" "Warum sprichst du so mit mir?" "Über was habt ihr geredet?" - das sind keine Dialogzeilen, die das Kino für abgebrühte Revolverhelden üblicherweise vorsieht. Und doch ist "The Sisters Brothers" ein klassischer Western, dem es an nichts fehlt: weder an prächtigen Landschaftsaufnahmen (Audiard erschafft sich in Spanien und Rumänien seine eigene Version eines mythischen Nordamerika), noch an Lagerfeuergesprächen, Verfolgungen, Schießereien und Banditen.

Durch ihre Skrupellosigkeit haben sich die ungleichen "Schwestern" einen berüchtigten Namen zusammengemordet. Der jüngste Auftrag des undurchsichtigen "Commodore" (Rutger Hauer), von dem viel zu hören, aber wenig zu sehen ist, schickt sie auf die Jagd nach Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), einem Goldsucher, der mit einer chemischen Wunderformel zu den Goldminen von Sacramento unterwegs ist. Der Scout Jim Morris (Jake Gyllenhaal) hat Ward bereits auf einem Treck aufgespürt und soll ihn bis zu ihrem Eintreffen festhalten.

Audiard gestaltet diesen fast schon prototypischen Verfolgungsplot, den Alexandre Desplat mit einer exzellenten, von Jazz und John Cage inspirierten Filmmusik vertont hat, in Form zweier anrührender Beziehungsgeschichten. Die Dialoge zwischen dem agressiven Trinker Charlie und dem besonneneren Eli sind psychoanalytisch aufschlussreiche Bekenntnisse zu Scham, Schuld- und Verantwortungskomplexen - und von granteliger Komik. Eli denkt daran auszusteigen, vielleicht ein Geschäft aufzumachen, eine Familie zu gründen. "Hast du keine Angst, dich zu vermehren?", giftet Charlie. Er hat die väterliche Gewalt als ein Blutserbe angenommen.


"The Sisters Brothers"
Originaltitel: "Les Frères Sisters"
Frankreich, Spanien, Rumänien, Belgien, USA 2018

Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain - nach dem Roman von Patrick DeWitt
Darsteller: John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, Rebecca Root
Produktion: Why Not Productions, Page 114
Verleih: Wild Bunch
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 7. März 2019


Wie schon in seinen Filmen "Der Prophet" und "Der Geschmack von Rost und Knochen" gilt Audiards Interesse den Brüchen in den Männlichkeitsbildern, wenn er behutsam die traumatischen Verletzungen freilegt, die sich unter ihren rohen Oberflächen verbergen.

Von ganz anderer Temperatur ist die Beziehung zwischen dem hochgebildeten Morris (auch er familiär beschädigt, ein Vaterdeserteur) und dem Zahnarzt Kermit Warm, der eine "neue Gesellschaft" gründen möchte - nach demokratischen Prinzipien, ohne Gier und Profitstreben.

Mit Warm, einem Mann aus dem Mittleren Osten, führt Audiard nicht nur eine für den Western ungewöhnlich empfindsame Figur ein; er öffnet das Genre auch für die kaum erzählte nicht-europäische Einwanderungsgeschichte. Planwidrig entsteht zwischen Morris und Warm eine Freundschaft, vielleicht auch mehr. Und als sich die Wege der beiden Paare kreuzen, funkeln schon bald die Goldnuggets im Wasser wie im Märchen vom Sterntaler - in einer allerdings dunklen Version.

Im Video: Der Trailer zu "The Sisters Brothers"

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Anstatt einen Abbau klassischer Westernmythen zu betreiben, adressiert "The Sisters Brothers" sie mit psychologischen Fragen: Aufhören oder Weitermachen, die Gewalt fortsetzen oder durchbrechen?

Ausgerechnet eine Zahnbürste wird zum Inbegriff zivilisatorischen Fortschritts. Eli ersteht das ihm unbekannte Instrument mit dem dazugehörigen weißen Pulver in einem Laden. Als er die Hand vor den Mund hält und seinem nach Pfefferminz duftenden Atem nachschnuppert, ist das ein seltener Moment kindlichen Glücks, vielleicht auch mehr: der erste Schritt in ein anderes Leben.



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Seite 1
kloppononstoppo 04.03.2019
1. Spiel mir das Lied von der Scham...
"...sind psychoanalytisch aufschlussreiche Bekenntnisse zu Scham, Schuld- und Verantwortungskomplexen..." Klasse - genau das, was ich von einem Western erwarte...
hansgustor 04.03.2019
2. Naja ..
Da war von allem ein bisschen dabei: Komik, Drama, Action sogar SciFi. Aber irgendwie nichts richtig. Ganz nett wenn man nichts Besseres hat, aber verpassen tut man auch nichts.
Nummer42 05.03.2019
3. Interessant
Ich gebe zu, den Film (noch) nicht gesehen zu haben, anhand der Beschreibung und der Schauspieler freue ich mich allerdings darauf. Aber ich finde es sehr interessant, dass sich meine beiden Vorposter (die offensichtlich den Film auch noch nicht gesehen haben) eine dezidierte Meinung - anhand einer Spiegel-Kritik - gebildet haben. Ist das nun schon Besserwisserei oder einfach schon Logorrhöe ...
betonklotz 05.03.2019
4. @kloppononstoppo Herzlichen Dank
Habe herzhaft gelacht. In der Tat mal ein Western mit ganz neuen Seiten. ;)
a-deg 05.03.2019
5.
Ich habe die Romanvorlage gelesen und fand sie ziemlich mittelmäßig. Wenn Herr Audiard daraus einen guten Film gemacht hat, Glückwunsch.
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