The Sixth Sense Gruseliger geht es nicht

Ein Horrorfilm ohne Effekthascherei, knarzende Treppen und Frauen, die spitze Schreie ausstoßen ... Geht das denn? In "The Sixth Sense" zeigt Bruce Willis, dass es sehr gut funktionieren kann.

Von Olaf Schneekloth


Haley Joel Osment & Bruce Willis in "The Sixt Sense"
Constantin

Haley Joel Osment & Bruce Willis in "The Sixt Sense"

"The Sixth Sense" hält alles, was das zum Ereignis aufgeplusterte "Blair Witch Project" versprochen hat. Welcher der beiden Gruselschocker besser ist, darüber lässt sich diskutieren, aber eines dürfte sicher sein: Über den neuen Film mit Bruce Willis wird sich niemand ärgern, darin langweilen oder ihn gar durchschauen, denn er bietet klassisches Horrorkino der subtilsten Sorte.

Und - auch das ist neu bei einem Starvehikel - Willis überlässt seinem elfjährigen Co-Star Haley Joel Osment die Leinwand, was dem Film extrem gut bekommt, denn einen besseren Kinderdarsteller hat man lange nicht gesehen. Osment spielt den achtjährigen Cole Sear, der von grausigen Visionen und paranoiden Wahnvorstellungen gequält wird und sich deshalb immer mehr abkapselt. Ein schüchternes, melancholisches und zutiefst verängstigtes Bürschchen, das keine Freunde und keine Freude hat. Niemand weiß, wie es in Cole aussieht. Der Kinderpsychologe Dr. Malcolm Crowe (Bruce Willis) nimmt sich des Jungen an, weil er einige Parallelen zu einem Patienten erkennt, dem er vor Jahren nicht helfen konnte und der daraufhin Selbstmord beging. Seitdem wird Crowe von Schuldgefühlen und Versagensängsten geplagt. Er hofft, wenn er Cole heilen kann, wird das auch ihm selbst helfen. Doch schon sehr bald muss der Kinderpsychologe feststellen, dass sein kleiner Patient nicht paranoid ist, sondern paranormal ...

"The Sixth Sense"
AP

"The Sixth Sense"

"The Sixth Sense" bietet kaum spektakuläre Effekte, Bruce Willis verzichtet auf markige Sprüche, und Action sucht man in dem subtilen Schocker vergeblich. Aber genau darin besteht der unglaubliche Reiz des Films. Während die Hollywoodstudios im Laufe der letzten Jahre immer mehr dazu übergegangen sind, ihre Großproduktionen mit allem, was technisch machbar ist, voll zu stopfen und zu überladen, ging Regisseur und Drehbuchautor M. Night Shyamalan den entgegengesetzten Weg: kein Effektbombardement, das mangelnden Inhalt kaschieren muss und das Publikum erschlägt, statt es zu verblüffen, nein, der Atem stockt einem hier aus ganz anderen Gründen: permanente unterschwellige Bedrohung, der man sich nicht entziehen kann.

Der Zuschauer weiß nie wirklich mehr als Dr. Crowe und bekommt selten mehr zu sehen als unbedingt nötig, wird aber in ständiger Besorgniserregung gehalten. Ganz langsam, von Minute zu Minute steigert sich beklemmende Furcht, Spannung und der Wunsch, man möge doch endlich erlöst werden, der kleine Cole möge doch endlich erlöst werden - und dann kommt er, der verblüffende Schluss, bei dem einem das Popcorn aus dem offenen Mund fällt! Der bislang weitgehend unbekannte Shyamalan sieht seinen Psycho-Schocker in der Tradition von "Rosemary's Baby" und "Das Omen" und bietet eine in jedem Wortsinn geistreiche Gruselunterhaltung auf höchstem Niveau, klug und aufreibend.



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