Horror aus Südkorea Fesselnd wie "Der Exorzist"

Zu Recht international gefeiert: "The Wailing - Die Besessenen" kommt endlich auch in Deutschland ins Kino. Der Film hat das Zeug zum Klassiker.


Die sogenannte Korean New Wave sorgt seit nunmehr 15 Jahren für Furore. Filme wie "Oldboy" oder "Bittersweet Life" sind cineastische Verheißungen und einzelne Regisseure wie Bong Joon-Ho spätestens seit "Okja" international gefeierte Filmemacher. Auch der Regisseur von "The Wailing", Hong-Jiin Na, ließ bereits 2008 mit dem atemlosen Serienmörderfilm "The Chaser" keinen Zweifel daran, dass er sein Handwerk beherrscht.

Nun kommt mit "The Wailing" sein bisher ambitioniertester Film in die deutschen Kinos, finanziert vom US-amerikanischen Fox-Imperium. Nach sechs Jahren Produktionszeit startete der Film 2016 und lockte in der Startwoche fast drei Millionen Südkoreaner ins Kino. Mit reichlich Verspätung ist "The Wailing" auch hierzulande zu sehen und so viel vorweg: Es ist ein Meisterwerk.

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Goksun, Südkorea: Ein Polizeiauto fährt eine schlammige Straße entlang. Berge, Nebel, es regnet in Strömen, überall ist Wasser - und Blut. Es ist schon fast ausgewaschen und weggespült, bevor die ersten Indizien des Mordes eingesammelt sind.

Eine Familie wurde ausgelöscht. Dorfpolizist Jong-Goo (Kwak Do-Won) übernimmt die Ermittlungen. Bereits kurze Zeit später geschehen weitere Morde, stets nach ähnlichem Muster: Ein Dorfbewohner bringt auf bestialische Weise sein nächstes Umfeld, seine Familie, ums Leben und richtet sich danach selbst. Wer oder vielmehr was ist verantwortlich für diese Taten?

Das Dorf ist im Ausnahmezustand. Dazu beginnt Jong-Goos kleine Tochter sich plötzlich merkwürdig zu verhalten, ist zunehmend hasserfüllt gegenüber ihrem Vater. Jong-Goo ist alarmiert und wittert die Wurzel des Übels nun auch in seiner eigenen Familie. Eine Odysee beginnt: Jong-Goo sucht erst einen Arzt auf, dann einen Priester, schließlich einen Schamanen, der einen Exorzismus an seiner Tochter vollziehen soll. Nichts hilft weiter.

Jong-Goo kann nicht länger tatenlos zusehen und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Ein japanischer Einsiedler in der Nähe des Dorfes gerät ins Fadenkreuz. Bei der Durchsuchung seines Hauses findet Jong-Goo tatsächlich einen Schuh seiner Tochter und persönliche Gegenstände der Ermordeten. Doch so einfach ist es nicht.

Fotostrecke

7  Bilder
"The Wailing": Besessene Tätersuche

Exorzismus, nur besser

"Gok-Seong" ist im Original der titelgebende Name des Dorfes. Aber auch ein Verb, das in einem chinesischen Dialekt genau jenes unerklärliche Gefühl beschreibt, was der Film auslösen soll. Spätestens als Jong-Goos Familie den Schamanen engagiert, wird aus der Hard-boiled Kriminalgeschichte ein übernatürlicher Film.

Für hiesige Sehgewohnheiten ist das eine recht spezielle Mischung: Der in Südkorea verbreitete Katholizismus und Schamanismus werden in vielfältigen Symbolen miteinander verwoben. Doch Klerus wie Kriminalermittler übersehen schließlich, was eigentlich geschieht: Das Okkulte und die Moderne stehen sich in archaischer, unversöhnlicher Weise gegenüber.

Der Novize des Priesters kann nur verzweifelt zusehen, wie ein ganzes Dorf mental abdriftet: Die Menschen lassen sich von Affekten leiten, folgen ihren irdischen Sinnen und sind nicht bereit, an irgendeine Form von Vorhersehung oder Schicksal zu glauben - das ist vielleicht so etwas wie die Aussage von "The Wailing". Der Regisseur nimmt sich zweieinhalb epische Stunden, um dieses Sujet mit aller Kunstfertigkeit zu entwickeln.


"The Wailing - Die Besessenen"
Südkorea, USA 2016

Drehbuch und Regie: Hong-Jin Na
Darsteller: Jun Kunimura, Jung-min Hwang, Do-won Kwak
Produktion: 20th Century Fox, Fox International Production
Verleih: Alamode Film
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 156 Minuten
Start: 12. Oktober 2017


Der Film erzählt im Grunde menschliche Geschichte: Angesichts von Grausamkeit und Leid geht es um das Bedürfnis der Menschen, zu handeln anstatt tatenlos zuzusehen, wie sich das Böse ereignet. Der Novize rät Jong-Goo, in seinen Glauben zu vertrauen und abzuwarten. Doch der stürzt sich lieber in Aktionismus.

Von Beginn an ahnt man, dass der Film mit der klassischen Struktur von Täter und Opfer nichts gemein hat. "The Wailing" ist vielmehr ein Horrorthriller mit realistischen Elementen à la "Rosemary's Baby" oder "Der Exorzist" - und das macht ihn fesselnd und zeitlos.

Bis zum Ende weiß auch der Zuschauer nicht, was genau hinter den Morden steckt. Auf einzigartig organische Weise verschmelzen Horror, Mystery und Thriller und erzeugen einen massiven Suspense-Effekt. Bei 156 Minuten Laufzeit ist das eine Meisterleistung, die nicht von ungefähr kommt: Fast drei Jahre schrieb Regisseur Na allein am Drehbuch, bis auch der letzte Wimpernschlag an der richtigen Stelle saß.

Im Video: Der Trailer zu "The Wailing"

Alamode
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.