Horrorfilm "The Witch" Am Rande des Wahnsinns

In dem finsteren Historienmärchen "The Witch" verstößt eine Siedlung in Neuengland eine puritanische Familie an den Rand des Waldes - und damit in eine selbstzerstörerische Glaubenskrise.


Isolation ist die Hölle. Die Wildnis ist die Hölle. Nicht leben zu können von dem, was das karge Land rings um einen abwirft, ist die Hölle. Seine gerade erwachenden erotischen Gefühle niemals zu Ende fühlen zu dürfen, ist die Hölle.

Robert Eggers legt alle diese materialistischen und psychologischen Deutungen in seinen ersten Spielfilm. Keinen Horror sehe man, sondern eine "Volkssage aus Neuengland", lautet die Eigenwerbung. Aus Gerichtsdokumenten und anderen schriftlichen Überlieferungen sei das narrative Gerüst zusammengesetzt, heißt es im Abspann, was für uns - gestählt durch ähnlich quellensatte Klassiker wie Arthur Millers "Hexenjagd" - wenig mehr heißen mag als: erstunken, erlogen oder zusammenhalluziniert von abergläubischen Geistern.

Dem folgend ließe die Geschichte sich so erzählen: Eine puritanische Großfamilie mit fünf Kindern wird Mitte des 17. Jahrhunderts aus ihrer Siedlung in Neuengland verstoßen und zieht auf eine Farm am Waldrand. Die Ernte reicht nicht aus, der kleinste Sohn, ein Baby noch, verschwindet, und der Schmerz, die Schuldgefühle und der religiöse Wahn treiben die übrigen Familienmitglieder nach und nach dazu, sich gegenseitig zu zerfleischen.

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"The Witch": Amerikanische Hexenjagd

Aber in dieser Straffung ginge etwas verloren, das sich schon abzeichnet in den archaischen, knorrigen Gesichtern von Kate Dickie und Ralph Ineson, die Vater und Mutter spielen; in den bleichen Bildern einer feindseligen Umwelt, wo die Farbe Rot so sparsam eingesetzt wird, dass sie symbolische Qualität bekommt; und im schrillen Gleiten der Streicher von Mark Korven, die eine jenseitige Gewalt und Bedrohung nicht nur andeuten, sondern in ihrer enervierenden Präsenz selbst schon umsetzen. An die Stelle der historischen Detailgenauigkeit setzt Eggers hier schon die Mythologie, die der "wilderness", jenem dunklen, undurchdringlichen Ort, der vom Licht Gottes erst noch erhellt werden muss.

Und dann sind da noch die ganz und gar unfassbaren Momente: der verschwundene Säugling im flackernden Kerzenschein, ein Messer nähert sich ihm. Dann, später, eine Frau, die sich einschmiert mit einer roten Flüssigkeit. Ihre Silhouette vor dem Mond. Dann sie - oder eine andere - die Blut melkt aus den Zitzen einer weißen Ziege und die nie und nimmer dort hätte erscheinen dürfen, im hermetisch zugezimmerten Stall. Ein Hexensabbat folgt, nackte, schwebende Gestalten um ein riesiges Feuer.

Popkulturell geprägte Idee von Satanismus

Eggers, der viel im Kurzfilmbereich gearbeitet hat und als Designer in unterschiedlichen Funktionen für Kino, Fernsehen und Bühne, versucht dabei gar nicht erst, das Erklärbare und das Unerklärbare miteinander zu versöhnen. Er hat einen Film gedreht über den Kampf zweier Glaubenssysteme, mit der unerbittlichen Natur dazwischen - kein Wunder also, dass seine Szenen sich entsprechend oft im Rituellen auflösen: Beten, beten, beten soll helfen, als Sohn Caleb, vielleicht von der Hexe verführt, sich in Besessenheit windet.

Der Vater hackt, wieder und wieder, auf Holzscheite ein, als könnte er Furcht und Schuldgefühle gleich mit zertrümmern. Und der Teufel, der seine Hufe auch noch im Spiel hat, mag ein arger Lüstling sein - ein Bürokrat der Lust. Das kindlich unschuldige Gesicht von Anya Taylor-Joy, die die älteste Tochter Thomasin spielt, führt auf diesen Kriegsschauplatz, wo Indoktrination und Freiheitsdrang einander bekämpfen, wo die Entsagung grau ist und die die Enthemmung blutig rot.

Mit dem Ritual freilich kommt auch die Tradition: Eggers hat ohnehin keinen Film gedreht, der auf Gewaltexzesse setzt oder auf den szenenimmanenten Aufbau von Spannung. Vielmehr inszeniert er Tableaus, die in ihrer Komposition verstören sollen, in denen ein mysteriöses, diffuses Licht die Menschen gewaltsam mit dem zusammenzwingt, dem sie nicht nahekommen dürfen. Über Verstörungen, die folkloristisch nicht schon von Hexenkult oder einer popkulturell geprägten Idee von Satanismus vorgezeichnet sind, kommt Eggers dabei allerdings nie hinaus.

So verstört er bestenfalls mit Anklängen an das Bekannte. Die elementare und grundsätzliche Falschheit, die die bösesten Bilder des Horrorgenres auszeichnet, sucht man in seinem Film vergebens. In jedem Bild scheint stattdessen die Volkssage durch - eine Volkssage freilich, die von Schmerz und Ekstase in ihrer ganzen fiesen Ambivalenz erzählt. In diesem Märchen, das Eggers einen Regiepreis beim Sundance Festival einbrachte, liegt die Bosheit stets im Auge des Betrachters.

Im Video: Der Trailer zu "The Witch"

"The Witch"

    USA, Kanada 2015

    Buch und Regie: Robert Eggers

    Darsteller: Anya Taylor Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson, Bathsheba Garnett

    Verleih: Universal Pictures

    Länge: 90 Minuten

    FSK: unbekannt

    Start: 19. Mai 2016

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