"Wolf Of Wall Street"-Star DiCaprio "Drogen unterdrücken den Selbsthass"

Im lustvollen Rausch von Macht, Drogen und Sex - darf man das exzessive Leben eines Börsenabzockers im Kino so unkritisch abbilden wie in "The Wolf Of Wall Street"? Unbedingt, sagt Superstar Leonardo DiCaprio, der die Schattenseiten der menschlichen Natur nur allzu gut zu kennen glaubt.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr. DiCaprio, "The Wolf Of Wall Street" hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob der Film die Verbrechen des Börsenbetrügers Jordan Belfort verharmlost, wenn nicht gar zelebriert. Waren Sie überrascht von den teils heftigen Reaktionen?

DiCaprio: Nein, ganz und gar nicht! Als Martin Scorsese und ich anfingen, über den Film zu diskutieren, machten wir uns Gedanken, wie Belfort und seine Leute wohl auf das Publikum wirken würden. Wir fragten uns, ob diese Charaktere eine Empathie mit ihren Opfern zeigen sollten, die es in Wahrheit nicht gab, oder ob wir sie am Ende bestrafen sollten. Aber schnell war uns klar: Wenn wir einen Film über diese sehr dunkle Seite der menschlichen Natur machen wollen, über Leute, die extrem hedonistisch sind und besessen von Reichtum und Macht, dann müssen wir sie so zeigen, wie sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Das Publikum scheint von einem Film über Börsenbroker mehr Moral erwartet zu haben.

DiCaprio: Diese Art der Kontroverse geht ja schon zurück bis zu "Scarface" und "Staatsfeind Nummer eins", als es hieß, Gangster würden glorifiziert. Damals sah man sich gezwungen, diesen Filmen didaktische Anfänge zu verpassen, die den Leuten erklärten, was sie sehen. Aber ich glaube, wir wissen alle sehr genau, wie zerstörerisch die Haltung dieser Leute ist, sie hat 2008 immerhin unsere gesamte Wirtschaft geschwächt. Unser Film will davor warnen, aber wir wollten dem Publikum nichts vorkauen, indem wir ein Urteil über Belfort fällen. Es ist ein turbulenter, teilweise sehr lustiger Film, aber er behandelt ein sehr ernstes Thema.

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Wall-Street-Gatsbys: Im Rausch der Milliarden
SPIEGEL ONLINE: Ein wiederkehrender Kritikpunkt ist, dass die Leidtragenden von Belforts Betrügereien im Film nicht vorkommen.

DiCaprio: Wir wollten keinen traditionellen Film drehen, in dem auch die Opfer eine Rolle spielen. Die waren diesen Leuten völlig egal! Wir wollten erkunden, was so faszinierend und verführerisch an Belforts Welt war, wie man sich darin verliert. Vielleicht reagieren Publikum und Kritiker so heftig, weil sie einen kleinen Teil dieser Mentalität auch in sich erkennen - sie ist nun einmal Teil der menschlichen Natur.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt es auch an Ihnen: Sie spielen diesen Abzocker-Broker mit so viel Verve, dass man nicht anders kann, als ihn zu mögen. Wie verschmilzt man derart mit einem Charakter wie Belfort?

DiCaprio: Man kann schon sagen, dass ich von abseitigen, abgründigen Figuren fasziniert bin. Schauen Sie sich mal an, welche Rollen ich allein in den letzten Jahren gespielt habe: "The Great Gatsby", den Sklaventreiber in "Django Unchained" und nun den "Wolf Of Wall Street" - ein Panorama des entfesselten Kapitalismus. Dabei war das gar nicht als inhaltliches Triple geplant. Aber es geht in allen drei Filmen um Männer, die ihre persönliche Integrität für eine pervertierte Idee des Amerikanischen Traums opfern. Seit der Finanzkrise war ich geradezu davon besessen, die surreale Welt dieser Börsenspekulanten zu erforschen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich mit der ungezügelten Gier nach Reichtum identifizieren?

DiCaprio: Wie gesagt, es ist eher eine Faszination. Ich wuchs in Los Angeles in einer eher armen Umgebung auf. Täglich wurde mir vor Augen geführt, wie die anderen, die Reichen, in Beverly Hills leben. Ich ging mit ihnen zur Schule und sah diese Welt, die nicht meine war. Ich war dabei, aber ich gehörte nicht dazu. Diese Erfahrung half mir sicher, mich in Figuren wie Gatsby oder Belfort einzufühlen. Beim Dreh von "The Wolf Of Wall Street", vor allem als ich Belforts flammende Ansprachen vor seinem Team halten musste, habe ich gelernt, dass es diesen Leuten gar nicht so sehr um Wohlstand und Geld geht, sondern um Macht. Darum, sich wie ein Gott zu fühlen, völlig losgelöst von moralischen Bedenken. Obwohl ich wusste, dass die Schauspieler nur dafür angeheuert worden waren, mir zu applaudieren, bekam ich vor der jubelnden Masse eine Ahnung davon, wie Belfort sich gefühlt haben muss: wie ein Messias. Ich verstand den Suchtfaktor, den das erzeugt.

SPIEGEL ONLINE: Machte Ihnen das Angst?

DiCaprio: Nein, meine Persönlichkeit unterscheidet sich dann doch sehr von der Jordan Belforts. Gerade als jemand, der sich für den Umweltschutz engagiert, ist mir das Streben nach Reichtum um jeden Preis sehr fremd. Aber es ist die Kultur, in der wir alle gerade leben. Wir müssen uns dringend weiterentwickeln und darüber hinwegkommen, sonst machen wir alles kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Geld und Macht so berauschend wirken, warum nehmen Jordan Belfort und seine Kollegen in Ihrem Film dann noch so viele echte Drogen?

DiCaprio: Sie brauchen die Drogen, um ihre Schuldgefühle zu betäuben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Leute nicht darüber nachdenken, was sie da tun. Drogen unterdrücken den Selbsthass. Und natürlich machen sie es leichter, sich in diese Scheinrealität zu versenken.

SPIEGEL ONLINE: "The Wolf Of Wall Street" ist ein geradezu heiterer Film. Der Zuschauer wird mit teils haarsträubend lustigen Szenen in die Glitzerwelt Jordan Belforts geworfen. Empfänden Sie es als schlimm, wenn er von Teilen des Publikums als Held betrachtet würde?

DiCaprio: Darüber habe ich als Filmemacher keine Kontrolle. Wenn Sie sich an der Börse umhören, werden Sie mit Sicherheit Leute finden, die Ihnen erzählen, dass Gordon Gecko, der gierige Bösewicht aus "Wall Street", sie einst zu ihrer Broker-Karriere motiviert hat. Genauso kann es passieren, dass sich Wirtschaftsstudenten demnächst Poster von Jordan Belfort in ihr Wohnheimzimmer hängen. Aber all das ist eben auch ein Teil unserer Kultur. Und die Kunst hat meiner Meinung nach die Aufgabe, das zu reflektieren. Wir können nicht nur Filme über Gandhi oder Mutter Teresa drehen. Wir müssen die Welt so zeigen, wie sie ist.



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yakobusan 15.01.2014
1. Unkritisch?
Ich finde, gerade die letzte Szene ist eine der absolut kritischsten Filmszenen, die je gedreht wurde... Ich verstehe nicht, worüber sich die Leute so aufregen, der Film handelt nun mal von dem Börsenmakler, und nicht den Verprellten… Ein Meisterwerk :)
TS_Alien 15.01.2014
2. .
Niemand verliert sich in dieser Welt des Betrügens und Abzockens. Die Menschen, die dort arbeiten, wollen dort arbeiten. Es ist eine reine Charakterfrage, wo und für wen man arbeitet.
Dengar 15.01.2014
3. Schade!
Ich mochte di Caprio bisher eigentlich, ebenso wie Scorsese. Aber auch, ohne den Film bisher gesehen zu haben, finde ich das Interview, die Intention des Films und seine Einstellung zu der Problematik schwach. Robert Redford hätte das eleganter, gekonnter und ironischer umgesetzt.
hefe21 15.01.2014
4. My Chart will go on
Diese putzige Verfilmung eines 80er-Jahre Schwindlerlebens ist ja geradezu rührend. Die Schadenssumme des schwindligen Jewishkomikers Belfort (wie hiess der eigentlich wirklich?) reiht sich in die Linie Boesky, Madoff etc. sehr marginal ein. Jeder deutsche Landesbanker hat in der neuerlichen Hochhysteriephase 2003-2008 ein vielfaches dieser finanziellen Burnoutsumme versenkt. Wie immer natürlich zu Lasten anderer und heute vor allem zu Lasten von Leuten, die gar nicht mitgespielt haben - den Steuerzahlern. Aber auch dieser Tage werden die Preistreiberspitzen an den Börsen von der Idiotenpresse begeistert akklamiert - der Lerneffekt ist also gleich null, die Dümmlichkeitskonditionierung funktioniert. Das Spiel wird trotzdem für alle unbefriedigend enden.
kugelsicher, 15.01.2014
5. Tolles Interview das eigentlich schon alles sagt
Gerade das finde ich an Scorseses Filmen so genial, dass er es einem völlig selber überlässt wie man zum Protagonisten xy oder div. Milieus steht oder über sie urteilt. Bestes Beispiel: GoodFellas. Für mich sein absolutes Meisterwerk unter vielen Meisterwerken des Genies. Unterm Strich zeigt er schlicht nur das Leben in der Mafia. Am Anfang allerdings ist man fasziniert von dieser Art Leben und Henry Hill, später aber kommen die Zweifel und am Schluss wird einem klar, was das für eine kaputte, ganz und gar nicht erstrebenswerte Welt ist. Und gerade dieses spielen von Scorsese mit der "Faszination des Bösen" zwingt einen unweigerlich dazu sich selbst mehrfach zu reflektieren wie man denn wirklich zu diesem Thema steht. Die Welt ist eben nicht nur gut, und genau das zeigt S. wie kein anderer ohne zu werten. Das muss man schon selber tun. Wie es auch DiCaprio sagt.
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