Dokumentarfilm "The Wolfpack" Die Brüder, die Tarantino rettete

14 Jahre lang sperrte ihr Vater sie ein, die Welt lernten sie nur durch eine riesige Filmsammlung kennen: Die Doku "The Wolfpack" erzählt die herzzerreißende Geschichte der sechs Angulo-Brüder.

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"Wir haben niemals wirklich mit Leuten kommuniziert. Unser Vater hat uns beigebracht, dass wir nicht mit anderen Leuten reden sollten. Sie nicht wirklich ansehen sollten. Ich hatte das Gefühl, dass er es übertrieben hat."

Was Mukunda Angulo nach zehn Minuten Laufzeit vom Dokumentarfilm "The Wolfpack" sagt, ist einerseits völlig unangemessen. Denn der Vater hat Mukunda und seinen fünf Brüdern nicht nur beigebracht, nicht mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Er hat die Jungen über 14 Jahre hinweg in ihrer Wohnung in der Lower East Side in New York eingesperrt. In manchen Jahren durften sie ein halbes Dutzend Mal auf die Straße, in manchen Jahren kein einziges Mal.

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Andererseits sind Mukundas Worte auch repräsentativ. Denn trotz aller Umstände sind die sechs Brüder zu so sanftmütigen, umsichtigen jungen Männern herangewachsen, dass sie kaum Worte für ihr Schicksal finden können, die harsch genug wären. Und genau das macht "The Wolfpack" zu so einem herzzerreißenden, widersprüchlichen Film.

Bhagavan, Govinda, Narayana, Jagadisa, Krsna und Mukunda. Sechs Jungen in schwarzen Anzügen, mit schwarzen Sonnenbrillen und hüftlangen Haaren. So begegneten die Angulo-Brüder der Filmstudentin Crystal Moselle 2010 auf der First Avenue in Manhattan. Nachdem sich Mukunda, damals 15 Jahre alt, in einem unbeobachteten Moment aus der Wohnung gestohlen hatte, waren die Jungen einer nach dem anderen immer mutiger geworden. Ihr Spaziergang auf der First Avenue war ihr erster Ausflug zu sechst.

Die Angulo-Brüder in ihren von "Reservoir Dogs" inspirierten Anzügen
Universum

Die Angulo-Brüder in ihren von "Reservoir Dogs" inspirierten Anzügen

Der Vater hatte zwar den einzigen Schlüssel zur Vierzimmerwohnung, in der er mit seiner Frau, seinen Söhnen und seiner einzigen Tochter lebte. Doch die Mutter redete ihm zu, dass mit Mukundas Ausbruch die Zeit gekommen sei, in der die Jungen nicht länger vor den Zumutungen der Außenwelt beschützt werden könnten. "Unsere Mutter war der Garant dafür, dass wir geistig gesund geblieben sind", sagen die Jungen.

Der andere Garant - und das ist der Grund, warum "The Wolfpack" seit seiner Premiere auf dem Sundance Festival 2015 für so viel Furore unter Filmkritikern gesorgt hat - war die DVD- und VHS-Sammlung, die der Vater seinen Kindern gestattete. Über 5000 Filme hatten die Jungen zu ihrer Verfügung, von "Citizen Kane" über "Blue Velvet" bis "The Hills Have Eyes".

Schutz vor der gefährlichen Straße

Aus ihnen zogen sie ihre Vorstellungen über die Welt vor den Fenstern, und aus ihnen zogen sie die Inspiration für den Großteil ihrer Freizeitgestaltung: Vor dem Videorekorder sitzend wurde erst ein Film Satz für Satz transkribiert, dann wurden mit Cornflakes-Packungen, Klebeband und Yogamatten Kostüme gebastelt, schließlich wurde der gesamte Film nachgestellt - gern Christopher Nolans "The Dark Knight" oder Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs". Daher auch die Vorliebe für schwarze Anzüge.

Er habe sie vor schlechten Einflüssen schützen wollen, vor Drogen und den Ideologien von Religion und Politik, sagt Vater Oscar. Er kommt erst spät im Film zu Wort, Filmemacherin Moselle gesteht ihm keine Deutungsmacht über die Jungen zu. Dass er sich weigert zu arbeiten, dass er alkoholkrank ist, ihre Mutter und auch sie geschlagen hat, ist bis dahin eh klar geworden.

Aus bemalter Pappe und alten Yogamatten wird ein Batman-Kostüm
Universum

Aus bemalter Pappe und alten Yogamatten wird ein Batman-Kostüm

Mutter Susanne ergänzt schließlich einige Lücken in der Familiengeschichte: Auf einer Reise durch Südamerika lernte sie als junge Frau den Peruaner Oscar kennen. Von seiner Unabhängigkeit und Eigensinnigkeit beeindruckt, gründete sie mit ihm eine Familie. Eigentlich habe sie ihre Kinder in einer natürlichen Umgebung aufziehen wollen, sagt Susanne. Sie hätten in New York nur Station gemacht, um genug Geld zusammenzukriegen, um nach Skandinavien überzusiedeln, sagt Oscar. Was dann passiert ist, erklären beide nicht und lässt auch der Film offen. Für sie hätten viel mehr Regeln als für die Jungen gegolten, sagt Susanne vage.

Überhaupt ist Moselles Erzählung auch nach vier Jahren an der Seite der Angulo-Brüder ärgerlich unvollständig. Man muss sich zusammenreimen, dass die Familie vom Geld lebt, das die Mutter für den Heimunterricht der Kinder erhält. Warum keine Behörde ihnen in den 14 Jahren, in denen sie fast ausschließlich in der Wohnung waren, einen Kontrollbesuch abgestattet hat, bleibt ungeklärt. Über die medizinische Versorgung der Kinder, die bis auf ihre schiefen Zähne offensichtlich bei guter Gesundheit sind, lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Yoga, so scheint es, hat sie körperlich fit gehalten.

Kann man eine jahrzehntelange Gefangenschaft wirklich so gut überstehen? Kann man zu so charmanten, eloquenten jungen Männern heranwachsen, wenn für Freundschaften und Gespräche nur die Brüder und die Mutter zur Verfügung stehen?

Wenn die Jungen in einem frühen Homevideo zu Baltimoras "Tarzan Boy" ausgelassen durch die Wohnung herumspringen, dann glaubt man, dass ein Popsong kurzfristig alle Bedürfnisse nach Freiheit, Wildheit und Leidenschaft befriedigen kann. Und wenn die Jungen am Ende des Films mit ihren Eltern durch eine herbstliche Apfelplantage spazieren, dann hofft man mit aller Macht, dass 5000 Filme wirklich eine Kindheit in Freiheit ersetzen können.


"The Wolfpack", ab 12. Februar auf DVD

  • The Wolfpack - Mitten in Manhattan

    Regie: Crystal Moselle

    DVD; 2016
    86 Minuten; 14,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

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