Sci-Fi-Komödie "The World's End" Saufen gegen den Weltuntergang

Lassen sich Aliens unter den Tisch trinken? In seinem neuen Sci-Fi-Irrsinn "The World's End" führt Edgar Wright die "Shaun of the Dead"-Crew in absurde Saalschlachten gegen Außerirdische. Am Ende geht's allerdings ein bisschen zu besoffen zu.


Ob im Sport oder im Kino, ein Finale ist immer heikel. Wo überzogene Erwartungen auf große Ambitionen treffen, lassen sich Enttäuschungen kaum vermeiden. So verhält es sich auch mit "The World's End", dem Abschluss der britischen "Three Flavours of Cornetto"-Trilogie. Das unglamouröse Waffeleis ist ein würdiger Namenspatron für die inspirierten Genre-Hommagen, mit denen sich Regisseur Edgar Wright und sein Darstellerduo Simon Pegg und Nick Frost in den vergangenen Jahren ihre eigene kreative Nische geschaffen haben.

Die Blaupause entwickelten sie bereits Ende der Neunziger in der Fernsehserie "Spaced", die Alltagsabenteuer einer antriebschwachen WG in Nord-London mit treffsicher gewählten Zitaten aus Comics, Popmusik sowie Horror- und Science-Fiction-Filmen durchsetzte. 2004 dann der erste Kinofilm: "Shaun of the Dead" begeisterte als vergnügte Verbeugung vor den Zombieklassikern George A. Romeros und bedeutete den internationalen Durchbruch für Wright, Pegg und Frost. Nunmehr Lieblinge aller ironiefähigen Fanboys und -girls, machten sie drei Jahre darauf in der Krimi-Kolportage "Hot Fuzz" (2007) ein englisches Provinzidyll zum Schauplatz absurder Action-Exzesse. Miss Marple traf auf Michael Bay, während Pegg und Frost als Dorfpolizisten mit steifer Oberlippe sämtliche Cop-Movie-Phantasien ausleben dürfen.

Seitdem hat sich einiges getan: Edgar Wright präsentierte mit "Scott Pilgrim vs. the World" (2010) die womöglich schönste, sicher aber formal konsequenteste Comicverfilmung der jüngeren Vergangenheit. Für Simon Pegg wurden derweil die Hollywood-Träume seiner Figuren wahr, als er an der Seite von Tom Cruise in den letzten "Mission Impossible"-Filmen, sowie als Scotty in J. J. Abrams' "Star Trek"-Neuauflage auftrat. Gemeinsam mit Nick Frost schrieb er zudem das Drehbuch für die US-Komödie "Paul" (2011), in der beide als britische Amerika-Touristen und Sci-Fi-Fans einem gestrandeten Alien nach Hause helfen. Bemerkenswert an dem arg harmlosen Spaß war jedoch lediglich, wie bekannt einem mittlerweile die Rollenbilder des Duos schienen.

Spätpubertäres Partydiktat inklusive Neunziger-Mixtape

Entsprechend haben Wrights Filme mit Pegg und Frost einen Markencharakter, dem auch "The World's End" verpflichtet ist. Dass es diesmal um die Apokalypse selbst gehen wird, ahnt Gary King (Pegg) indes noch nicht. Der 40-Jährige hat den Zeitpunkt zum Erwachsenwerden geflissentlich ignoriert, trägt immer noch ein angeranztes Sisters-of-Mercy-Shirt und klammert sich mit Hilfe von reichlich Alkohol an seine Jugenderinnerungen.

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"The World's End": Massenkeilereien, Verfolgungsjagden - und Bier
Um diese Erinnerungen wiederzubeleben, kontaktiert er nach zwei Jahrzehnten seine einstigen Schulfreunde Steven (Paddy Considine), Oliver ("Hobbit"-Star Martin Freeman), Peter (Eddie Marsan) und Andy (Frost). Nur widerwillig lassen die sich von Großmaul Gary zu einem Trip in ihren Heimatort Newton Haven überreden. Dort will Gary mit ihnen die "Goldene Meile" bewältigen, eine Trinktour durch zwölf Pubs, an deren Ende eben das Lokal "The World's End" steht.

Am Anfang steht jedoch Ernüchterung: Die entfremdeten Freunde hadern mit ungelösten Konflikten aus der Schulzeit, Garys spätpubertäres Partydiktat inklusive Neunziger-Mixtape begeistert nur ihn selbst, und auch die örtliche Kneipenkultur lässt zu wünschen übrig. Denn die urigen Namen der Pubs können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nur noch uniforme Systemgastronomie bieten.

Sorge um die Couch-Tresen-Balance

Dieser Witz über reale Verdrängungsprozesse ist zugleich Vorbote des phantastischen Plots, in den die Heimattouristen geraten. So müssen Gary und die anderen bald feststellen, dass in Newton Haven noch viel perfidere Formen der Gleichschaltung existieren: Eine offenkundig nicht-irdische Macht hat Stadt und Bewohner fest im Griff und formt sich ein gehorsames Gemeinwesen in der Tradition düsterer Science-Fiction-Szenarien. Die "Invasion of the Body Snatchers" (1956) lässt herzlich grüßen, wenn Gary und seine Freunde den Kampf gegen die Besatzer aufnehmen. Dass sie dabei trotz Massenkeilereien stets eine Hand für das nächste Pint Bier freihaben, versteht sich von selbst.

Saufen gegen den Weltuntergang, das klingt unterhaltsam. Ist es hier auch bisweilen, doch der Exzess bekommt "The World's End" mit zunehmender Laufzeit immer weniger. Es ist schlicht zu viel des Guten, statt Euphorie stellt sich Ermüdung ein: Lauter als in den vorherigen Filmen inszeniert Edgar Wright den Rundumschlag seiner Helden, deren verlässliche Chemie aber nicht verhindern kann, dass die absurden Saalschlachten und Wortgefechte berechenbar geworden sind. Ebenso wie der geschmackssicher zusammengestellte Generationensoundtrack von Primal Scream über The Soup Dragons bis zum Teenage Fanclub weniger Ungestüm denn gemütliche Vertrautheit vermittelt.

Vermutlich war es unvermeidbar: Früher konnten Pegg, Frost und Wright die Konventionen des Genrekinos zelebrieren und zerlegen; gestanzten Heldenbildern setzten sie erfrischende Figuren entgegen, die sich weniger um den Body-Mass-Index als vielmehr um ihre Couch-Tresen-Balance sorgten. Erfolg und Wiederholung haben diese liebenswerten Schöpfungen nun selbst generisch werden lassen, ganz ohne außerirdisches Zutun.

Man mag das für einen wehmütigen Moment bedauern. Aber wie das Ende der Welt, so kann man sich auch diesen Abschied schön trinken.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
rics 11.09.2013
1. ...
Shaun of the dead, Hot Fuzz, Paul waren keine großen Filme, aber kurzweilige Filme die (mir) Spaß machten. Deshalb schau ich mir den auch an.
a-mole 11.09.2013
2. optional
Simon Pegg und seine Kumpels sind immer ein Garant für gute, kurzweilige Unterhaltung (wenn man diese Art von Filmen mag). Wird angeschaut
new-yorker 11.09.2013
3.
Zitat von ricsShaun of the dead, Hot Fuzz, Paul waren keine großen Filme, aber kurzweilige Filme die (mir) Spaß machten. Deshalb schau ich mir den auch an.
Nicht nur kurzweilig, sondern teilweise einfach nur lustig. Und die sich unterschiedlich wiederholenden gags wie zum Beispiel das Ueberwinden von Gartenzaeunen in den Filmen kann man erst schaetzen, wenn man alle kennt. Ich habe den Film schon im Original gesehen und war nicht enttaeuscht. Zwischendurch haengt er mal fuer 20min, aber kann nicht sagen, dass ich mich im Kino gelangweilt habe.
merty 11.09.2013
4. Gelungener Abschluss
Hatte ihn auch im Original gesehen. Sollte man, falls möglich. Die Kritik trifft es nicht, es kann da nicht zu viel des Guten geben, nicht in diesem Film! Bleibt noch zu erwähnen, schöne Effekte und der erste Kreisverkehr.
bebb 11.09.2013
5. aha
"three flavours of Cornetto" also...bisher dachte ich immer das wäre die "blood and ice cream" Trilogie und ich behaupte auch mal, dass ich recht habe. Bin gespannt auf den Film. Die anderen beiden sollte man sich auch im Original anschauen. Das ist zwar manchmal hart an der Grenze des verstehbaren aber unfassbar witzig. Allerdings sind die beiden auch auf deutsch sehr unterhaltsam.
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