Coming-of-Age-Thriller "Thelma" Hitchcock trifft auf Instagram

Vom Christentum zur gleichgeschlechtlichen Liebe: Der norwegische Thriller "Thelma" ist ein so stylisher wie mysteriöser Film über eine junge Frau, die ihre übernatürlichen Kräfte entdeckt.

Koch Films

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos im neuen Thriller des norwegischen Regisseurs Joachim Trier: Thelma (Eili Harboe) ist gerade dem elterlichen Nest entschlüpft und beginnt ihr Studium in der Großstadt Oslo. Lehramt - ein Studium, das so unauffällig ist wie die junge Frau selbst. Sie räumt sorgfältig ihr Studentenzimmer ein, lernt gewissenhaft in der Bibliothek und ruft allabendlich ihre Eltern an.

Die Abnabelung fällt Thelma sichtlich schwer, genau wie das Socializing mit den Kommilitonen. Sie ist nicht locker, kann mit Ironie und Alkohol nichts anfangen. Meistens ist sie sowieso froh, wieder in den eigenen vier Wänden zu sein. Bis sie auf Anja (Kaya Wilkins) trifft, eine Statue gegossen aus Coolness, Understatement und Sex. Die Mädchen verlieben sich - ein Befreiungsschlag für Thelma, deren Eltern zudem streng konservative Christen mit entsprechenden Vorstellungen von gleichgeschlechtlicher Liebe sind.

Körper ohne Verzerrung und Hässlichkeit

Wenig später zeigt sich jedoch die eigentliche Essenz des Films: Thelma erleidet im Moment absoluter Verliebtheit einen epileptischen Anfall und kommt ins Krankenhaus. Sie spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt: Denn sie kann auf einmal Dinge wie von Geisterhand bewegen. Plötzlich zerbersten die Fensterscheiben ihrer Wohnung, beim Lernen in der Unibibliothek beschwört Thelma Schwärme von Krähen herauf, die sich wie ein Unwetter über dem Campus zusammenbrauen. Thelmas vordergründiges Studentenleben wird immer wieder von diesen unbehaglichen Momenten durchbrochen und sie merkt, dass sie die Wahrheit über sich und ihre Familie herausfinden muss, um dem Spuk ein Ende zu setzen.

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Thriller "Thelma": Ein Film für die Instagram-Generation

Regisseur Joachim Trier hat eine kluge Coming-of-Age-Parabel mit Horrorelementen durchsetzt und einen sehr anschaulichen, zeitgenössischen Film daraus gemacht. Er erzählt bei allem Mysterium um Thelmas Vergangenheit von einer Generation, die sich finden möchte und mit visuellen Markern und leuchtenden Displays geradezu überflutet wird. Die Kamera geht nah heran an die Körper, die Gesichter, die ohne Unreinheiten sind, ohne Verzerrung oder Hässlichkeit. "Thelma" ist mit unterkühltem Gloss überzogen, der eine kompromisslose Ästhetik des Digitalen spiegelt und gleichzeitig die Filmgeschichte im Blick behält.

Die Handlung hingegen schreitet vorsichtig voran, es entschlüsselt sich aber, dass Thelma bereits als kleines Kind ungewöhnliche Kräfte hatte. Ihre Eltern erfanden sich daher als strenggläubige Christen neu, um Thelma mit dem religiösem Regelwerk einzuhegen. Doch als sie schließlich entdeckt, dass ihre in einer Psychiatrie lebende Großmutter ähnliche Kräfte besessen hat, wird der Film zu einem Prisma familiärer Identitätsfragen und macht am Ende etwas ganz Natürliches mit Übernatürlichem sichtbar.

Ein Shooting-Star des skandinavischen Kinos

Regisseur Joachim Trier gilt als Perfektionist: Ein kunstvoller, dissoziativer Filmschnitt ist Triers Markenzeichen, das er bereits in seinen frühen Filmen wie "Auf Anfang" (2006) entwickelte. In "Oslo, 31. August" (2011) erzählen Trier und Vogt die Geschichte eines drogensüchtigen Lehrers, der inmitten eines liberalen Großstadtfreundeskreises vergeblich den Entzug versucht. 2015 drehte er mit "Louder than Bombs" seinen ersten Film in den USA, prominent besetzt mit Isabelle Huppert und Jesse Eisenberg. Der Film über den Tod einer Kriegsfotografin und die Folgen für ihre Familie kam gut an, war vielen aber zu überambitioniert, zu wuchtig bei den vielen losen Enden seiner Erzählung.

Diesen Vorwurf kann Trier auch mit "Thelma" nicht ganz entkräften: Bei all seiner Schönheit fehlt dem Film am Ende des Tages ein wenig Eigenwilligkeit, vielleicht das Quäntchen, was gute von sehr guten Filmen unterscheidet. So gleitet "Thelma" etwas zu glatt dahin, die Prägnanz einzelner Szenen hätte hier noch deutlicher ausformuliert werden können.

Bezüge auf Bergman, Hitchcock und Tarkowski

Mit der Filmgeschichte hingegen kennt sich Trier bestens aus, das beweist "Thelma": Das Motiv der persönlichen Befreiung aus familiären Zwängen erinnert unweigerlich an viele Filme Ingmar Bergmans, genau wie die hocheffizient-nüchterne Filmsprache. Die Thrillerelemente können als deutliche Reminiszenzen an Hitchcock gelten, während die Inszenierung der weiblichen Hauptfiguren an zeitlose visuelle Schwebezustände à la Andrei Tarkowski denken lässt.


"Thelma"
Norwegen, Frankreich, Dänemark, Schweden 2017
Regie:
Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Darsteller: Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen, Ellen Dorrit Petersen
Produktion: Motlys, Eurimages, Film i Väst, Le Pacte
Verleih: Koch Films
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 116 Minuten
Start: 22. März 2018


Es ist, als hätte Trier all diese stilistischen Finessen in die junge Instagram-Jetztzeit übertragen. Eine so formvollendete Porträtierung von Körperlichkeit übrigens hat man zuletzt in Jonathan Glazers "Under the Skin" mit Scarlett Johannson in der Hauptrolle bestaunen dürfen. Doch noch stärker ist "Thelma" in seiner musikalischen und visuellen Ästhetik mit einem Videospiel zu vergleichen: Das Playstation 3-Spiel "Beyond Two Souls"(2013) handelt ebenfalls von einem Mädchen, das übernatürliche Kräfte besitzt und diese nicht kontrollieren kann. Die Motion Captures für die Hauptfiguren wurden von den Schauspielern Willem Dafoe und Ellen Page eingespielt.

Somit bewegt sich "Thelma" auch hier auf einem sehr zeitgenössischen Terrain, was den Film in seiner Wahrnehmung für ein junges Publikum interessant macht. Diese Zielgruppe ist für Kunstfilme schwer zu erreichen - Trier könnte es gelingen.

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