Oscarfavorit "Three Billboards..." Eine Frau voller Feuer und Zorn

Sexismus, Rassismus, alles drin! Das Rachedrama "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" ist ein Oscarfavorit. Mit einem Film, der etwas über unsere Zeit aussagt, sollte man ihn aber nicht verwechseln.

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Der einzige Unterschied zwischen einer "Hockey Mom" und einem Barracuda, witzelte Sarah Palin einmal, sei Lippenstift. Bei Mildred Hayes (Frances McDormand) fällt selbst dieser Unterschied weg. Ohne einen Tupfen Make-up, in einem fleckigen Blaumann steckend und von reiner Wut angetrieben, beißt sie sich durch ihr Leben. Vor sechs Monaten ist ihre Tochter Opfer eines unfassbaren Verbrechens geworden. Doch Mildreds Heimatstadt Ebbing, Missouri, scheint die Tat langsam zu vergessen.

Als sie eines Tages drei leere Anschlagtafeln kurz vor dem Ortseingang sieht, mietet Mildred sie kurzentschlossen an und erinnert Ebbing in Schwarz auf Rot daran, was sie seitdem nicht schlafen lässt: "Vergewaltigt, während sie im Sterben lag", steht auf der ersten Tafel. Es folgen: "Und immer noch niemand verhaftet?" Schließlich: "Wie kann das sein, Chief Willoughby?"

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"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri": Schwarz auf Rot

Weil es keine Zeugen und keine verwertbaren Spuren gibt, antwortet dieser Willoughby (Woody Harrelson) - mit viel Geduld und Nachsicht gegenüber der aufgebrachten Mildred. Aber nicht nur deshalb schlagen sich die Einwohner von Ebbing auf seine Seite: Der überaus beliebte Polizeichef hat Krebs und wird bald sterben. Statt ihn öffentlich anzugreifen, so der breite Konsens, sollte Mildred ihn lieber seine letzten Monate über in Ruhe leben lassen. Unvermutet findet sich Mildred vor einer schwerwiegenden Entscheidung wieder. Soll sie weiterhin ihrer Wut freien Lauf lassen oder sich einkriegen und strategische Verbündete für ihren Kampf suchen?

Molotowcocktails fliegen

Es ist eine Entscheidung, wie sie nicht besser in unsere Zeiten von Feuer und Zorn passen könnte. Überhaupt findet sich Martin McDonaghs dritte Regiearbeit überraschend passgenau in den Zeitgeist ein: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommt darin vor, ebenso der Aufschrei dagegen und nicht zuletzt Rassismus. Der Polizist, der am entschiedensten für Chief Willoughby eintritt, hat sich nämlich der Folter an einem schwarzen Häftling schuldig gemacht.


"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"
USA 2017
Buch und Regie:
Martin McDonagh
Darsteller: Frances McDormand, Sam Rockwell, Woody Harrelson, Lucas Hedges, Amanda Warren
Produktion: Blueprint Pictures
Verleih: 20th Century Fox
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 115 Minuten
Kinostart: 25. Januar 2018


Dixon (Sam Rockwell) wird dafür in Ebbing gesellschaftlich geächtet, dennoch darf er im Dienst bleiben. Warum genau, erklärt sich in "Three Billboards" nicht. Wie so vieles. Molotowcocktails fliegen, Menschen werden durch Fenster geprügelt, häusliche Gewalt eskaliert. Konsequenzen für die Figuren haben diese Taten nicht, aber für den Film. Sie sorgen für Ausschläge nach oben, für Adrenalin und womöglich auch für freudige Überraschung darüber, woher McDonagh seinen Mut zur Transgression nimmt.

Psychologisch und gesellschaftspolitisch stimmig ist das alles nicht, und das muss es auch nicht sein. Filme dürfen sich ihre eigenen Realitäten schaffen, in denen andere Gesetze, Werte, Logiken gelten. So erweitern sie entweder unsere Wirklichkeit - oder bohren sich einen neuen Zugang zu ihr. Letzteres gelang McDonagh mit seinem Debütfilm "Brügge sehen... und sterben?". Darin schuf er ein irres Setting - zwei Auftragskiller, aufeinander angesetzt in Belgien - und schaffte es bei allem Spaß an unmöglichen Shoot-outs und exzessivem Fluchen doch, die Einsamkeit und Verzweiflung der zwei Killer spürbar zu machen.

Wut, nicht Rassismus

Strenggenommen macht er bei "Three Billboards" wenig anders. Ebbing, Missouri, ist nicht nur ein fiktiver Ort, sondern auch ein fantastischer. Hier gelten allein McDonaghs Regeln und haben allein die Taten Folgen, denen er Gewicht schenkt. Dixons Rassismus ist deshalb auch kein Rassismus, sondern eine Wut, die von seiner alkoholkranken Redneck-Mutter befeuert wird, aber durch ein wenig väterliche Zuwendung von Seiten Willoughbys sogleich besänftigt wird.

Der Erfolg von "Three Billboards", der seit der umjubelten Venedig-Premiere mit jeder Preisverleihung mehr an Fahrt aufnimmt und nach sieben Nominierungen dazu geführt hat, dass er als einer der Oscarfavoriten gilt, scheint aber gerade darauf zu fußen, dass dem Film gesellschaftspolitische Relevanz zugeschrieben wird. Filme können sich ihr Publikum und ihre Rezeption nur bedingt aussuchen, und der Ire McDonagh hat in keinem Interview für sich in Anspruch genommen, etwas über die aktuelle moralisch-politische Verfassung der USA zu erzählen.

Wer die Filmwirklichkeit von "Three Billboards" mit der tatsächlichen verwechselt, begeht zudem einen überaus produktiven Fehler. Denn dann fühlen sich Dixons Läuterung ebenso wie Mildreds Wut oder Willoughbys Fürsorge umso wahrhaftiger an. Und wer Spaß daran hat, wenn Mildred Dixons Rassismus anprangert und dabei selber lustvoll das N-Wort benutzt, oder es köstlich findet, wenn die normalgroße Mildred mit dem kleinwüchsigen James (Peter Dinklage) auf ein Date geht, der wird sich bei "Three Billboards" auch noch sehr amüsieren.

Wer da nicht mitgehen möchte, wird sich womöglich an McDonaghs zweiten Film erinnert fühlen. In "7 Psychos" geraten zwei Freunde, von denen einer sein Geld als Hundeentführer macht, mit mehreren Großgangstern und Serienmördern aneinander. Um den Unterhaltungswert hochzuhalten, kommen zudem eine seltene Hundeart, halluzinogene Drogen sowie eine Signalpistole zum Einsatz. Am Ende stellt sich alles als die freidrehende Fantasie eines Drehbuchautors heraus.

Im Video: Der Trailer zu "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

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