Thriller "Lakeview Terrace" Showdown am Gartenzaun

Ein Mann terrorisiert seine Nachbarn. Das klingt konventionell. Wenn aber ein gemischtrassiges Paar und ein schwarzer Polizist im Spiel sind, wird es brisant. Neil LaBute hat mit "Lakeview Terrace" einen anspruchsvollen Thriller über das moderne Amerika gedreht.


Die Differenz ist fein, aber umso entscheidender: Lake View Terrace hieß die Wohngegend, in der Rodney King im Jahr 1991 von Polizisten des Los Angeles Police Department bei seiner Festnahme brutal misshandelt wurde. Schauplatz des neuen Films von Neil LaBute ist "Lakeview Terrace", eine Siedlung hoch in den Hügeln über LA. Die offensichtlichen Parallelen sind hier ebenso bedeutend wie die kleinen Abweichungen in Schreibweise und Geografie.



Denn der Thriller baut auf gängige Assoziationen und tagespolitische Kenntnisse seiner Zuschauer, nur um im nächsten Moment deren Gewissheiten in Zweifel zu ziehen. Im ständigen Spagat zwischen Kriminaldrama und Gesellschafts-Kommentar wirft "Lakeview Terrace" dabei weit mehr Fragen auf, als er Antworten bietet.

Vor dem Blick in den Abgrund steht ein optimistischer Aufbruch: Das junge Ehepaar Chris (Patrick Wilson) und Lisa Mattson (Kerry Washington) bezieht das neue Eigenheim in Lakeview Terrace. Dass sie in einer interracial marriage leben – Chris ist weiß, seine Frau Afroamerikanerin – scheint erstmal kein Problem. Wer sollte diesen freundlichen Menschen das Glück unter der Sonne Kaliforniens streitig machen wollen?

Natürlich ein missgünstiger Nachbar mit überzogenen Territorialansprüchen. Nur entspricht Abel Turner (Samuel L. Jackson) gar nicht dem herkömmlichen Klischee vom intoleranten Blockwart: Der schwarze Polizist und alleinerziehende Vater zweier Kinder verkörpert vielmehr eine fast naturgesetzliche Autorität, die in der Garage und am Küchentisch ebenso für Ordnung sorgen muss wie in den prekären Innenstadtbezirken.

Darum sind die Mattsons zunächst bemüht, Turners rigide Vorschriften für die korrekte Entsorgung von Zigarettenstummeln und züchtiges Verhalten im Swimmingpool zu befolgen. Auch die Halogenscheinwerfer, mit denen Turner seinen Garten wie einen Grenzstreifen ausleuchtet und direkt in ihr Schlafzimmer strahlt, tolerieren Chris und Lisa zunächst. Doch auf Ermahnungen und Sticheleien folgen handfeste Sabotageakte – so etwa an der in Kalifornien heiligen Klimaanlage.

Zero Tolerance in Suburbia

Während der Konflikt immer weiter eskaliert, bleibt es lange Zeit dem Zuschauer überlassen, die Motive der Beteiligten auszuloten: Ist es ein Prinzipienstreit zwischen zwei unterschiedlichen Familienmodellen - hier das strenge Regiment des Polizistenvaters, dort das liberale Pärchen mit Aufstiegsambitionen? Ein außer Kontrolle geratener Hahnenkampf um das beste Männlichkeitsbild? Oder doch ein Fall von Rassismus?

Es ist der Regie und den Drehbuchautoren David Loughery und Howard Korder hoch anzurechnen, dass sie sich keine einfache Sicht der Verhältnisse gestatten. Weit über das drastische Finale hinaus hallt deshalb der bewusst widersprüchliche Diskurs über das alltägliche Drama nach: Latenter und offener Rassismus, überwunden geglaubte Geschlechterrollen und der gefährlich diffuse Übergang von sanktionierter Gewalt zu krimineller Willkür sind dabei die Sollbruchstellen im fragilen Gefüge von "Lakeview Terrace".

In seinen bislang besten Filmen, dem gefeierten Erstlingswerk "In the Company of Men" (1997) und der Adaption seines Theaterstücks "The Shape of Things" (2003) zeigte Neil LaBute, wie Macht und ihr Missbrauch soziale Konstruktionen des Zusammenlebens als trostlose Illusionen entlarven.

Amerikanische Albträume

Mittels seiner eher konventionellen, aber effektiven Thrillermotive setzt nun "Lakeview Terrace" die Kristallisationspunkte US-amerikanischer Gesellschaftsdebatten ins Bild: ethnische Herkunft, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit, befeuern die Konflikte zwischen den Figuren gleich den wütenden Waldbränden, die das idyllische Wohngebiet langsam einschnüren.

Von den Folgen bleibt niemand verschont, wobei alle drei Hauptdarsteller glaubhaft die psychologischen und physischen Verheerungen ihrer Figuren darstellen.

Dennoch muss man Samuel L. Jackson hervorheben, der zuletzt in leidlich aufregenden Großproduktionen eine ruhige Coolness-Kugel schob. Sein Abel Turner ist eine Respekt und Angst einflößende Persönlichkeit, und ohne Zweifel eine der besten Leistungen des Schauspielers Jackson seit seinem furiosen Durchbruch in Spike Lees "Jungle Fever" im 1991.

Und so wie Lees urbanes Liebesdrama ist auch "Lakeview Terrace" ungemütliches, dabei nie simpel moralisierendes Gegenwartskino und bestens geeignet, allzu rosige amerikanische Träume zu beenden. Denn die Grenze zwischen Privatem und Politischen wird nicht in den Korridoren der Macht, sondern am nächsten Gartenzaun gezogen. Manchmal genügt nur ein Funken, um die Welt, wie wir sie kennen, in Flammen zu setzen.



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