Schweiger-"Tatort" im Kino Dieser Text wurde auf die Site geschossen!!!!!

Mit "Tschiller: Off Duty" kommt Til Schweigers fünfter "Tatort" in die Kinos. Aber funktioniert das Sonntagabend-Lagerfeuer-TV auch im Kinosaal? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Warner Bros.

Wie, wat, Teil 5? Ich lag nach Weihnachten im Verdauungskoma. Muss ich vorher vier "Tatorte" nachschauen, um das im Kino zu verstehen? Nein, tschill mal (sorry, einmal muss sein). Wer wieso gerade wie drauf ist, wird nach 15 Minuten in einem Dialog total subtil erklärt. Wer sich dennoch vorbereiten will: Streber bitte hier und hier entlang.

Schön, aber was soll denn jetzt noch passieren? Teenie-Tochter brennt durch nach Istanbul, will den Schurken abknallen, der ihre Mama umgebracht hat. Til hinterher, Tochter wird verschleppt, Til hinterher, Umweg über Knast, dann laaaange Strecke nachts im Zug nach Moskau, dann laaaange Strecke nachts im Lada über Land. Dazwischen Handgemenge, Schüsse, am Ende explodieren ein paar Sachen. Zusammengefasst lässt sich die tolle NDR-Poesie recyceln: Nick ist im "Fegefeuer der Gefühle, im Kampf für seine Familie, im Kampf gegen [die Schurken] - und im Kampf gegen sich selbst".

Wer spielt eigentlich mit? Haha, guter Witz.

Echt jetzt. Außer Teilen der Familie Schweiger und Ralf Moeller, dessen Jacketkronengrinsen man für den Nasenbruchteil einer Sekunde zu sehen gedacht hat: Der Cast in Istanbul ist türkisch, der in Moskau russisch. Das ist sympathisch, aber mehr gibt's dazu nicht zu sagen. Und da im Vergleich zu "Off Duty" in jedem Männerknast mehr Frauen auftauchen, seien die einzigen zwei (außer Tochter Schweiger) Schauspielerinnen hier extra genannt: Berrak Tüzünataç und Alyona Konstantinova - im Rollenrang von Bond-Girl-Sidekicks. Die einzige Rettung: Fahri Yardim als Partner Yalcin Gümer mit seinem Hamburger Schnack. Kann dem irgendwer mal eine Hauptrolle geben, bitte?

Und wie viel "Tatort" ist noch drin? Tatort-Popatort. Gegenfrage: Wie viel Schauspieler ist in Til Schweiger? Kein Fadenkreuz, keine Doldinger-Blechbläser, kein Toter in den ersten zehn Minuten, keine der Goldenen "Tatort"-Regeln eingehalten. Der Hamburger Kommissar ist ja eben "Off Duty", beurlaubt, wegen des Dramas um seine Ex Anfang Januar. Das da im Fernsehen, 20.15 Uhr, ARD. Mit dem NDR-"Tatort" gemein hat "Off Duty" nur die Figuren: Tschiller und Kompagnon Gümer, Tochter Lenny und Firat, den Bösewicht, der Hamburg am Schlafittchen hatte, bis Nick kam und Caramba.

Aber wenn ich mehr "Tatort" im Kino will? Na, ein Münster-"Tatort" fürs Kino ist ja in der Mache. "Off Duty" läuft wohl 2018 im TV. So lange müssen die zwei Schimanski-Varianten "Zahn um Zahn" und "Zabou" aus den Achtzigern reichen, der hier etwa.

Schweiger hat seinen Haus-und-Hof-Regisseur Christian Alvart ja neulich richtig derbe abgefeiert. Und, hat er's drauf? Na, er kann Längen. Und Filmzitate. Also die richtig großen Klassiker. Verfolgungsjagd im Maisfeld wie in Hitchchocks "Der unsichtbare Dritte". Bedrohliche Schnitte auf Deckenventilator samt phsh-phsh-phsh-Geräuschen wie in "Apocalpyse Now". Süß irgendwie.

Gibt's Dialoge für die Filmgeschichte? Oder zumindest für ein Internet-Meme? Til Schweiger sagte neulich irgendwo, seine ganzen Drehbücher seien voller Ausrufezeichen. Ja, doch, kommt hin. Auch wenn das Buch hier von Christoph Darnstädt ist, wie die anderen TS-"Tatorte" auch.

Und der Sound? Abgesehen vom Geballer der Bazookas, den Faustschlägen, den splitternd explodierenden Autos und dem Quietschen der Dialoge? Nur Atmo-Verstärker, so wie der Einsame-Cowboy-Song, als Tschiller in Istanbul landet, um seine Tochter zu suchen: "Man Looking for Answers", "Riding on a Dark Horse". Zwischendurch macht der Film einen auf Großraumdisco auf Ibiza: mit "The Night is Young", dem Hit eines russischen DJs, und mehr muss man dazu nicht wissen. Ach doch: geremixt natürlich von TS himself.

In welcher Stimmung hat man möglichst viel vom Film? Genervt bis aggro. Gerne wegen der Chefin, bitte auch wegen hustender Manspreader im Bus oder Typen, die einfach nicht aus dem Quark kommen. In richtiger "Kiss my Fist"-Laune! Da ist dieser Schweiger mit seinen Ausrufezeichen gerade richtig! Viril, ey! "The Night is Young" am Arsch! Na, und dann kommen Szenen, die hammermäßig spannend sein sollen - aber in ihrer Überdrehtheit der beste Slapstick sind seit Louis de Funès. Das Auto, auf das dann auch noch ein Zug zurast. Die Kampfszene, in der TS durch (!) die Hotelzimmerwand springt. Die Frauen im Saal haben alle sehr. Laut. Gelacht.

Also, rein oder raus? Sagen wir so: Das Ding soll vier bis fünfmal so viel gekostet haben wie ein "normaler" "Tatort" (ÖR-Co-Finanzierung von Kinofilmen ist übrigens Usus). Gemessen daran, dass es bei den normalen TS-TV-"Tatorten" nach einer Stunde langweiliger wurde als die Eiswerbung im Kino, ist "Off Duty" auch knapp viermal unterhaltsamer. Mit Twitter-Timeline nebenher wäre aber besser.

Wie, das war's mit Til-Schweiger-Bashing? Ach komm. Der Kerl hat sich mit einer Artillerie an Ausrufezeichen hinter seinem Festungshügel an Öffentlichkeiten verschanzt (Scheiß-Kritiker! Scheiß-Abseitsregel! "Tatort"-Kommissare, nur Nulpen! Flüchtlingshilfe! Mit Siggi Pop!). Da fällt es einem einfach verdammt schwer, keine Witze über sein Facebook-Tourette oder die CRAFT! zu machen. Oder alle paar Silben nur das zu tippen: !!!

Na los, ein bisschen Spaß muss sein. Okay. Wem Böhmis Trailer-Parodie nicht reicht, kann sich sein Social-Media-Posting mit dem Schweigerize-it-Generator einfach selbst basteln.

Im Video: Der Trailer zu "Tschiller: Off Duty"

"Tschiller: Off Duty"

D 2016

Regie: Christian Alvart

Drehbuch: Christoph Darnstädt

Darsteller: Til Schweiger, Fahri Yardim, Luna Schweiger, Özgür Emre Yildirim, Erdal Yildiz, Egor Pazenko, Stefanie Stappenbeck, Berrak Tüzünataç

Verleih: Warner Bros.

Länge: 135 Minuten

Start: 4. Februar 2016

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