Tim Burtons "Big Fish" Abgetaucht in schönen Bildern

Tim Burton, berühmt für seine skurrilen Kino-Szenarien, macht in seinem neuen Film das Erzählen selbst zum Thema. Leider hat der "Big Fish" einen Haken: Seine Story ertrinkt in einem Meer aus ambitionierten Bildern.

Von Daniel Haas


Szene aus "Big Fish" (mit Ewan McGregor, Jessica Lange): Bunt-virtuoser Bilderbogen
Columbia TriStar

Szene aus "Big Fish" (mit Ewan McGregor, Jessica Lange): Bunt-virtuoser Bilderbogen

Am Tag seiner Geburt habe er den titelgebenden Riesenfisch gefangen, ein mythisches Monstrum von ungeheurer Größe. Diese Geschichte hat Will Bloom (Billy Cudrup) schon tausendmal gehört; sie gehört zum Repertoire an Familienanekdoten, die seinen Vater Edward wahlweise zum begnadeten Erzähler oder nervigen Selbstdarsteller machen.

Edward Bloom (Albert Finney) ist eine Mischung aus Tom Sawyer und Münchhausen, ein Held, der seine Vita als vertrackte Lügen-Story entwirft. Mit Will, einem in Paris arbeitenden Journalisten, kehren wir heim nach Alabama, wo der Südstaaten-Homer noch einmal rhetorisch in die Vollen geht. Doch Will möchte nicht das nächste Märchen hören, sondern die Wahrheit, die Geschichte hinter der Geschichte jenes Mannes, der ihm immer fremd geblieben ist.

Die Story von "Big Fish" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Wallace. In weit ausladenden Rückblenden lässt Regisseur Tim Burton nun die Abenteuer Blooms auf der Leinwand Revue passieren, der übrigens nicht durch Zufall denselben Namen trägt wie der Joyces Ulysses. Eine Odyssee wird hier bebildert, in der sagenhafte Gestalten debütieren: eine einäugige Hexe (Helena Bonham Carter), in deren Glasauge der Tod seine Mysterien offenbart; ein Zirkusdirektor (Danny DeVito) samt skurriler Entourage; ein chinesisches Schwesternpaar, das zwar zahlreiche künstlerische Talente, aber nur zwei Beine hat; ein rührender Riese namens Karl (Matthew McGrory), der lernen muss, dass Kühe nicht zum Snack für den kleinen Hunger taugen.

Szene mit Ewan McGregor und Matthew McGrory: Rührender Riese
Columbia TriStar

Szene mit Ewan McGregor und Matthew McGrory: Rührender Riese

Ewan McGregor spielt den jungen Bloom, ein Namensvetter auch von Edward Scissorhands und Ed Wood, beides Gestalten aus Burtons Geschichtenkosmos, beides Außenseiter und deshalb ein perfekter Spiegel für eine sich normal und intakt wähnende Gesellschaft. Edward Bloom ist eine nicht mehr ganz so groteske Figur wie der scherenhändige Künstlerfreak oder das filmbesessene Stümpergenie. Dafür sind seine Abenteuer umso pittoresker. Und so lässt der opulente visuelle Stil die Geschichte hinter sich zurück - in Anbetracht des Programms, das Burtons Film in Szene setzen will, ein merkwürdiger Widerspruch.

Denn darum geht es ja: Dass das Leben nur so gut ist, wie die Geschichte, die sich daraus stricken lässt. Dass Lebensläufe immer auch Erzählvorgänge sind und wir uns jenseits narrativer Muster nicht entwerfen oder begreifen können. Eine wirkliche Geschichte, einen Konflikt, ein Drama aber, das die Figuren über die bloße Behauptung hinaus zueinander in Beziehung setzen würde, erspart sich "Big Fish". Über die tolldreisten Abenteuer Blooms erschließt sich kein Charakter, es bleibt bei einem bunt-virtuosen Bilderbogen.

Wenn am Ende der erzählerische Funke vom Vater auf den Sohn überspringt und die Geschichte einen neuen Autor findet, hat dies nicht nur etwas Versöhnliches. Der egomane Fabulierer Edward, dessen Leben fast ganz von Fiktionen aufgesogen wurde, setzt sich durch gegen den Wahrheitssucher Will, dessen Wunsch nach Authentizität ins Leere läuft. Sieht so die Kapitulation vor der postmodernen Allround-Inszenierung des Realen aus? Ist dies die in den Binnenbereich des Privaten projizierte Einsicht, dass Fakten und Fiktion heutzutage oft kaum mehr zu unterscheiden sind? Wenn ja, so ist es letztlich überflüssig, in "Big Fish" nach Dramaturgie zu angeln. Abtauchen in schönen Bildern muss einem genügen.


Big Fish - Der Zauber, der dein Leben zur Legende macht (Big Fish)


USA 2003. Regie: Tim Burton. Drehbuch: John August, Daniel Wallace (Roman). Darsteller: Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Cudrup, Jessica Lange, Alison Lohman, Helena Bonham Carter, Steve Buscemi, Danny DeVito. Produktion: Jinks, Cohen Co., The Zanuck Co., Columbia Pictures. Verleih: Columbia TriStar. Länge: 125 Minuten. Start: 8. April 2004



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