Neuer Film von Terrence Malick: Demut oder dämlich?

Mit nur sechs Filmen in knapp 40 Jahren gilt Terrence Malick als eines der unproduktivsten Genies des Kinos. Sein neuer Film "To The Wonder" über eine zerbrechende Ehe spaltet jedoch unsere Kritiker: Ist Malick wirklich noch der Heilsbringer des Autorenkinos - oder nicht längst sein Problembär?

Problembär!

Die Bisons sind das Beste. Terrence Malick hat wirklich noch welche gefunden. Sie grasen ganz friedlich auf einer Weide in Oklahoma. Und wenn man den Stars seines Films, Ben Affleck und Rachel McAdams, einfach nur dabei zusehen darf, wie sie zwischen ihnen herumspazieren und sie verwundert betrachten, dann überträgt sich ihr Staunen unmittelbar auch auf den Kinozuschauer. Einen kurzen Moment lang erfüllt sich dann beim Anblick dieser urtümlichen Viecher, die man als alter Indianerfreund doch für längst ausgerottet hielt, tatsächlich, was Malicks Film im Titel verspricht: Er bahnt einen Weg "To the Wonder".

Als eine Art Bison gilt auch Terrence Malick selbst. Visionär, Philosoph, Filmpoet, das sind Bezeichnungen, mit denen man den Hollywood-Outsider gern tituliert - als ein Relikt aus den seligen Zeiten des US-Autorenkinos, das in ihm wundersam konserviert ist. Seinen Ruf verdankt er seinen frühen Filmen "Badlands" (1973) und "In der Glut des Südens" (1978). Dann hat er 20 Jahre pausiert, ehe er für den Kriegsfilm "Der schmale Grat" 1998 den Goldenen Bären der Berlinale erhielt und 2011 für "The Tree of Life" die Goldene Palme in Cannes. Ermutigt werden mit diesen Preisen sollte ein vermeintlich wundersamer Einzelgänger, mit seinem neuesten Film ist Malick aber endgültig so etwas wie ein Problembär des Kinos geworden.

Die Analogien zum Tierreich kommen nicht von ungefähr. "To the Wonder" zelebriert einmal mehr Malicks Verherrlichung alles Kreatürlichen und natürlicher Fertilität. In seinem Welterschaffungsepos "The Tree of Life" war das noch erklärbar als ein Stück familiärer Nostalgie aus dem bible belt des Mittleren Westen. Nun jedoch, in seinem ersten Gegenwartsfilm, wirkt die fortdauernde Feier strotzender Fruchtbarkeit nur noch peinlich deplatziert, geht es hier doch bloß um ein ganz alltägliches Paar.

Schauen - und darüber sprachlos staunen, darauf beschränkt sich das ganze Programm. Es beginnt schon in den Flitterwochen, die Neil (Ben Affleck) und seine französische Braut Marina (Olga Kurylenko) auf der Felseninsel Mont Saint-Michel verbringen. Schöne Urlaubsbilder, tolle Ferienstimmung - prekär wird die vorwiegend nonverbal geführte Beziehung, als die beiden in Neils Heimat, eine Kleinstadt in Oklahoma, ziehen. Während er als Naturschützer die lokalen Gewässer durchstreift, fällt der frustrierten Ballerina zu Haus die Decke auf den Kopf, sodass sie recht rasch nach Europa zurückkehrt.

Während Neil mit einer neuen Flamme, dem Cowgirl Jane (Rachel McAdams) nun die Nähe des Animalischen sucht und bei den Bisons findet, hält ein vom rechten Glaubenspfad abgekommener Pater (Javier Bardem) eifrig Zwiesprache mit Gott. Stets und ständig umkreist die Protagonisten dabei eine ruhelose Kamera, die sie zu Teilnehmern einer endlosen Prozession überhöht, aber in ihrem Furor verhindert, dass sie sich jemals zu Charakteren entwickeln.

Fünf Cutter haben zusammenmontiert, was Malick aus seiner Anbetungshaltung gegenüber ansehnlichen Menschen und Gegenden an "schönen Bildern" so einfing, und der ätherische Score von Hanan Townshend durfte dann alles verkleistern. Um solchen Weltschmerz ohne tiefere Bedeutung durchzuhalten, braucht's schon das Phlegma eines Bisons. Jörg Schöning

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7  Bilder
"To The Wonder": Malicks sechster Streich
Heilsbringer!

Die Bisons sind gut, und man sieht sie nur noch selten im Kino. Aber das Beste an "To The Wonder" sind sie nicht. Tatsächlich gibt es so viel Gutes, dass man nur schwer auswählen kann: Olga Kurylenko zum Beispiel, die ich als Bond-Gespielin furchtbar fand und bis jetzt als Schauspielerin nicht ernst nehmen konnte. Das Allerbeste an "To The Wonder" aber ist das furchtbar biedere, erschreckend abweisend wirkende Haus in Oklahoma, in das Neil und Marina ziehen, nachdem er sie davon überzeugt hatte, zusammen mit ihrer kleinen Tochter zu ihm ins karge Heartland zu ziehen. Dieses Haus, man sieht es zumeist von innen, bleibt von Anfang bis Ende unbehaust: Kartons stehen herum, Möbel warten darauf, ihre finalen Plätze zugewiesen zu bekommen, grellweißes Prärie-Licht fällt durch die Fenster zwar hinein, doch heller wird es drinnen nicht.

Man mag für ein schlichtes Bild halten, aber es illustriert eindrücklich die Abwesenheit der Liebe und die im Film schon von vornherein als falsch annoncierte Prämisse des Paares, ausgerechnet hier das Glück zu finden. Solche einfachen, aber profunden Allegorien sind Terrence Malicks einzigartige Stärke. Dieser große Naive des amerikanischen Kinos nähert sich Tieren, Menschen und Objekten mit Ehrfurcht und Schicksalsergebenheit zugleich. Seine demütige Botschaft: Der Mensch, so sehr er sich auf Erden auch abmühen mag, er kann der Vollkommenheit des Universums nicht entsprechen, er scheitert und scheitert.

Die Frauen, zuletzt Jessica Chastains Über-Mutterfigur in "The Tree of Life", kommen in Malicks Filmen dem Göttlichen noch am nächsten, sie schweben, drehen sich um sich selbst, strecken die Hände gen Himmel, sind engelsgleiche Wesen, um sie herum scheinen Auren zu schimmern. So versucht auch Kurylenkos Französin, sich zunächst in der sterilen, formatierten Weite Oklahomas einzufinden, schlicht der Liebe zuliebe. Doch god's own country ist längst eine gottverlassene, kulturlose Steppe, die Natur eine von Verseuchung und Zweckbebauung bedrohte Brache.

"To The Wonder" ist kunstvoll erratisch und ohne chronologischen Zusammenhang montiert, als wolle er einen Tagtraum abbilden. Malicks Methode, Dialoge zu vermeiden, um die Bilder ungestört wirken zu lassen, führt er hier zu neuer, hypnotischer Konsequenz: Gesprochen wird fast ausschließlich im Off. Seine naturmystische Spiritualität verknüpft Malick hier erstmals mit Bildern aus der Gegenwart. Aber mit Realität, das ist vielleicht der größte Irrtum im Umgang mit Malicks Poesie-Kino, hat all das trotzdem nichts zu tun. Die manchmal trügerisch betörenden Bilder seines Kameramanns Emmanuel Lubezki sind nur Symbole für den zutiefst bedauerten Verlust des Kontakts zur höheren Schönheit. Wenn sie dann doch mal ausfindig gemacht wird, inmitten der Bisons zum Beispiel, verharrt Malick im kindlichen, andächtigen Staunen.

Man muss kein religiöser Mensch sein, um diese Melancholie des Menschseins zu spüren, sich unbehaust zu fühlen in seiner unvollkommenen Existenz. Aber man muss sich auf ein Kino einlassen, das sich dem klassischen Erzählen verweigert, das auf Raum für das Erfühlen von Atmosphären und Stimmungen abzielt. Dann wird man mit einem berührenden Kino-Wunder belohnt. Andreas Borcholte

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Ja, genau...
xilraf 31.05.2013
... die Frauen dürfen "Heilige" sein - und er reitet damit auf der ewig wiederholten, nervigen "Heilige-oder-Hure"-Dichotomie herum. Das ist mir schon in "Tree of Life" derart gegen den Strich gegangen. Wie wäre es, wenn man Frauen einfach mal als MENSCHEN darstellen würde, mit Meinungen, Makeln und dem Recht auf Charakterentwicklung? So muss ich leider sagen: Den Film werde ich mir bestimmt nicht ansehen.
2. Nein danke
Anay2 31.05.2013
"Badlands" und "Thin Red Line" halte ich für Meisterwerke. Auch "New World" war noch ein halbwegs spannender Film. Aber "Tree of Life" hat mich richtiggehend schockiert. Das, was Michael Bay mit "Transformers" für den Blockbuster-Film macht, macht Malick mit "Tree of Life" für die Arthouse-Sparte: durch und durch eine oberflächliche Scheinwelt… eine pseudo-philosophische, naiv-esoterische Show-Predigt, ein Fake, eine Täuschung, und das auch noch so bierernst, dass man nicht einmal drüber lachen kann. Schlimm. Klar, es passt super in die moderne Zeit, die ja eh schon voll von esoterisch verstrahlten Zeitgenossen ist, also darf Malick gerne weiter solche Filme machen… er ist sicherlich einer der wichtigsten Regisseure überhaupt, und er wird sein Publikum finden, aber meine Sache war sein letzter Film nicht mehr… und das, was ich über "To the Wonder" lese, scheint auf eine Verfestigung seines filmischen Wegs hinzudeuten. Also nix für mich. (Aber vielleicht macht er irgendwann mal wieder einen guten dramatischen Stoff.)
3.
thelix 31.05.2013
Nanu, diesmal kein "SpOn hat den Film verrissen/gelobt, also kann er nur super/mies sein"? ^^
4. Film wirklich angeschaut oder nur darüber gelesen?
gaston65 31.05.2013
ich habe "To The Wonder" schon im Februar in Berlin angeschaut und danach war ich etwas sprachlos und wußte nicht genau was ich davon halten soll. Wobei mich am meisten die Rolle von Javier Bardem gestört hat.Noch zwei kleine Anmerkungen: Marina (gespielt von Olga Kurylenko) ist keine Französin, sondern stammt aus der Ukraine und wohnt mit ihrer Tochter in Paris. Die Tochter wird in den beiden Rezensionen gar nicht erwähnt. Zweitens Herr Schöning: es gibt noch ca 300.000 Bisons. Buffalo Bill hat nicht alle getötet ;-). U.a. hat auch Neil Young noch einige auf seiner Ranch
5. Muss ich erst ansehen.
Archimedes_da_Siracusa 31.05.2013
Der Film hat in den ersten 5 Minuten bestimmt mehr zu bieten als das ARD Vorabendprogramm in 25 Jahren.
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To The Wonder

USA 2012

Buch und Regie: Terrence Malick

Darsteller: Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem

Produktion: Brothers K Productions, Redbud Pictures

Verleih: Studio Canal

Länge: 112 Minuten

Start: 30. Mai 2013