Tolkien-Fieber in Wellington "Wo wohnen denn hier die Hobbits?"

Die neuseeländische Hauptstadt Wellington, Heimat des "Herr der Ringe"-Regisseurs Peter Jackson, rüstet sich mit großem Aufwand für die Weltpremiere des Trilogie-Finales. Fans und Touristen könnten sich tatsächlich in Tolkiens Mittelerde wähnen, so allgegenwärtig sind die Landschaften und Charaktere der Fantasy-Saga.

Von Ingrid Kölle


"Embassy"-Filmtheater in Wellington: Die "Herr der Ringe"-Premiere wirft ihre Schatten voraus
AP

"Embassy"-Filmtheater in Wellington: Die "Herr der Ringe"-Premiere wirft ihre Schatten voraus

Gierig blickt Gollum über das Dach des internationalen Flughafens in Wellington auf den goldenen Ring. "Willkommen in Mittelerde" heißt es auf dem Schild unter der sechs Meter großen Skulptur. In der Ankunftshalle empfängt ein Komitee aus Elben- und Rohankriegern, Orks und Uruk-hais den Reisenden. Der Zauberer Gandalf grüßt im Riesenformat einer Briefmarke von einer Bürowand in der Innenstadt. Figuren aus dem Filmepos "Der Herr der Ringe" bevölkern dieser Tage die Hauptstadt Neuseelands.

Im Heimatland des Regisseurs Peter Jackson, wo die gesamte Trilogie gedreht wurde, fiebert man dem Finale entgegen. Am 1. Dezember soll in Wellington die Weltpremiere des letzten Teils "Die Rückkehr des Königs" stattfinden. "Ich kann mich an kein anderes Ereignis in Neuseelands jüngerer Vergangenheit erinnern, das diesem Spektakel auch nur nahe kommen würde", erklärte die Bürgermeisterin der Stadt mit 163.000 Einwohnern, Kerry Prendergast. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten auf Hochtouren. Den Stars und internationalen Gästen will man sich im besten Licht zeigen. Alte Wahrzeichen wurden frisch renoviert, Straßenarbeiten fertig gestellt, Bauprojekte verschoben.

80.000 Menschen werden zu dem Umzug und Straßenfest erwartet. Sie werden, zumindest auf den großen Monitoren, so viele Weltstars wie noch nie über den roten Teppich spazieren sehen. Ihre Teilnahme zugesagt haben fast alle Mitwirkenden: Liv Tyler (Arwen), Viggo Mortensen (Aragorn), Orlando Bloom (Legolas), Sir Ian McKellen (Gandalf), Elijah Wood (Frodo), Sean Austin (Sam), John Rhys-Davies (Gimli), Hugo Weaving (Elrond), Dominic Monaghan (Merry), Billy Boyd (Pippin) und Andy Serkis (Gollum). Einheimische witzeln schon, ob der berühmte Sohn der Stadt, Peter Jackson, wohl auch diesmal wieder sein lila Hemd zur Premiere tragen wird. Keiner würde jedoch ein schlechtes Wort über den neuen Nationalhelden verlieren, der inzwischen zu den bestbezahlten Regisseuren der Welt gehört.

Riesige Gandalf-Briefmarke am Post-Gebäude: Die neuen Nationalhelden
AP

Riesige Gandalf-Briefmarke am Post-Gebäude: Die neuen Nationalhelden

Jackson hatte bei den Vertragsverhandlungen darum gebeten, dass die Weltpremiere in Wellington stattfinden würde. Die amerikanische Vertriebsgesellschaft New Line Cinema stellte jedoch Bedingungen, die der Stadt letztendlich teuer zu stehen kamen. Allein für die geforderte Renovierung des Premierenkinos mussten über eine Million Euro (2,14 Millionen NZD) aus dem Stadtsäckel beigesteuert werden. Der neuseeländische Staat unterstützt die Premiere mit einer weiteren Million und will noch mal so viel für weitere Promotionszwecke ausgeben. "Ich bin mir nicht sicher, ob diese Abgaben gerechtfertigt sind", meint der Psychotherapeut Rod Sandle aus Wellington. "Ich schaue mir den Film gern an, aber der ganze Rummel um die Stars und die Premiere geht mir zu weit. Ich bezweifle auch, dass Wellington so viele Vorteile davon haben wird."

"Unser Ziel ist es, daraus den größtmöglichen Nutzen für die Tourismusindustrie und die neuseeländische Filmindustrie zu ziehen, sowie der ganzen Welt zu zeigen, welche außergewöhnlichen kreativen Talente und Technologien es in diesem Land gibt." So rechtfertigte der von den Medien als "Minister der Ringe" bezeichnete Pete Hodgson die Ausgaben. Der Minister für Forschung und Technologie, Energie, Fischerei und das Forstwesen wurde bereits im Jahr 2001 dazu bestimmt, die Filmtrilogie weltweit zu promoten. Der enorme Erfolg der ersten beiden Teile hat den Ruf Wellingtons als Filmmetropole prägen und stärken können. Mit der preisgekrönten Spezialeffekte-Schmiede Weta FX stehen die Chancen gut, dass "Wellywood" zum Markenzeichen werden könnte. Aber ob die Stadt deshalb tatsächlich zum erhofften 'Touristenmekka' werden wird, ist trotzdem fraglich.

Szene aus "Die Rückkehr des König", Darsteller Mortensen: Sightseeing am Strand, wo Aragorn Surfen lernte
Warner Bros.

Szene aus "Die Rückkehr des König", Darsteller Mortensen: Sightseeing am Strand, wo Aragorn Surfen lernte

Sicherlich haben die Filme dem Neuseeland-Tourismus zu einem neuen Aufschwung verholfen und die Wirtschaft des Landes angeheizt. Ringe-Fans aus aller Welt pilgern heute in das kleine Land mit rund vier Millionen Einwohnern. Farmer, die ihre Schafweiden für Dreharbeiten zur Verfügung stellten, erleben heute einen Touristenboom, den sie sich nie hätten träumen lassen. "Wo wohnen denn hier die Hobbits?" fragte kürzlich eine Besucherin bei der Touristeninformation in Wellington. Im Kaitoke Regionalpark, dem Schauplatz des Elbenreichs Bruchtal, hielt eine Französin vergeblich nach dort lebenden Elben Ausschau.

Überall suchen Touristen nach Mittelerde. Manche kommen sogar in Kostümen, mit Elbenohren oder im schlabbernden Zauberer-Look. Die Medien berichten von einem Deutschen, der als Frodo verkleidet "auf Händen und Knien" um die Erlaubnis bat, unter dem Baum auf der Schafweide übernachten zu dürfen, wo der Hobbit Bilbo Beutlin seinen Geburtstag feierte. Auf der Farm in der Nähe der Ortschaft Matamata südlich von Auckland sind sogar noch einige Kulissen der Ortschaft Hobbingen zu sehen. Die Fans waren hier schon sehr früh aufgetaucht und hatten mit ihren hartnäckigen Fragen den Farmer Ian Alexander auf die Idee gebracht, nicht alle Hütten abreißen zu lassen. Seit Ende letzten Jahres bietet sein Sohn Russell zweistündige Besichtigungstouren für 25 Euro an. Die Resonanz hat alle Erwartungen übertroffen.

Aber auch dort, wo es zumindest nach Meinung der Einheimischen, doch eigentlich "überhaupt nichts zu sehen gibt", erforschen die Neuseeland-Reisenden neuerdings jeden Winkel, an dem gedreht wurde. Die Abiturientin Christina Wermes aus Haren an der Ems bezeichnet sich selbst nicht unbedingt als Fan, auch wenn sie die Filme gesehen hat. Aber als sie auf der Busreise von Auckland nach Wellington im Tongariro Nationalpark einen Blick auf Mordor, die Welt des Bösen, werfen konnte, da sei sie richtig erschauert. "Als ich das sah, war ich ganz beeindruckt. Da dachte ich mir, das muss seinen Grund haben, warum sich die Leute diese Drehplätze für 'Lord of the Rings' ausgesucht haben. Das sind bestimmt die schönsten Landschaften Neuseelands." Damit stand für sie fest, dass sie sich auch noch andere Schauplätze ansehen würde.

"Herr der Ringe"-Hauptdarsteller Wood: Welcome to Wellywood
Warner Bros.

"Herr der Ringe"-Hauptdarsteller Wood: Welcome to Wellywood

Im November vergangenen Jahres brachte Jackson-Freund Ian Brodie die erste Ausgabe seines "Lord of the Rings - Location Guidebook" auf den Markt. Der Reiseführer zu den Drehorten war sofort wochenlang die Nummer eins auf der Bestsellerliste in Neuseeland. Der Erfolg traf den Autor völlig überraschend. "Das beweist wirklich, dass es eine Menge Fans gibt." Der Tourguide Jason Bragg nutzt den Führer mittlerweile für seine Stadtrunden durch Wellington und Umgebung. "Ich habe gemerkt, dass sich die Leute am meisten für die Geschichten um die Dreharbeiten interessieren", erklärt der 30-Jährige. Seit Juli bietet er daher seine "Ring-Touren" an. Er zeigt den Touristen die Stelle in Wellington, wo sich die vier Hobbits unter einer großen Baumwurzel vor den schwarzen Reitern versteckten. Er fährt an Peter Jacksons Filmsstudio vorbei, hält in dem Café, in dem die Stars ihre Drehpausen verbrachten, zeigt den Strand, an dem Viggo Mortensen das Surfen lernte. Im Elbenland Bruchtal lädt er zum Picknick. Der ehemalige Literaturstudent, der sich erst im vergangenen Jahr selbständig machte, beschäftigt inzwischen zwei Angestellte.

Wie lange der Boom anhalten wird, wagt im Moment niemand vorherzusagen. Einige Jahre aber sicherlich noch, denn dass auch "Die Rückkehr des Königs" ein großer Erfolg wird, daran zweifelt niemand. Schließlich sagt auch Peter Jackson, dass dies der beste Film der Trilogie sein wird. Immer wieder ist jetzt auch schon davon die Rede, dass ein Oscar den krönenden Abschluss bilden könnte. Dann steht das kleine Land ganz sicher noch mal Kopf. Aber jetzt ist erst mal die Premierenfeier angesagt. Den Kostümverleihern zufolge wird es an diesem Tag in ganz Wellington von Hobbits und Zwergen, Elben und Zauberern, Orks und sonstigen Ungeheuern nur so wimmeln. Vermutlich werden einige Touristen dann sogar wirklich glauben, dass sie in Mittelerde gelandet sind.



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