Von Nina Rehfeld
Tom Cruise ist erledigt. Bis vor wenigen Wochen war ein Narr, wer daran zweifelte. Der Mann, der sich aus einfachen Verhältnissen zum Goldjungen Hollywoods emporrackerte, hatte sein blitzblankes Image über die vergangenen drei Jahre mit einer Reihe bizarrer Auftritte besudelt und seiner Karriere den Garaus gemacht.
Noch im Juni 2006 konnte sich Cruise auf dem Zenit seiner Macht wähnen. Die Zeitschrift "Forbes" hatte ihn gerade an die Spitze ihrer Liste der mächtigsten Promis der Welt gesetzt.
Vielleicht hatte "Forbes" die Zeichen zu spät erkannt. Denn diese Kür erfolgte bereits ein paar Monate, nachdem Cruise, der Gerüchten über Homosexualität stets eine Spur zu aggressiv zu begegnen schien, bei der Talkmasterin Oprah Winfrey in frischerblühter Liebe zu Katie Holmes über die Couch gehopst war - ein seltsamer Anblick.
Wenige Wochen später griff er dann mit wutfunkelndem Blick seine Kollegin Brooke Shields für ihr Bekenntnis zu Antidepressiva und den Fernsehjournalisten Matt Lauer für dessen Nachfrage zum Thema an.
Sein seltsames Verhalten begann, sich auf sein Image auszuwirken: Nach Erhebungen der Umfragefirma Marketing Evaluations sank Cruises Popularitätsindex bereits bis Mai 2006 um 40 Prozent. Und die Leser eines Entertainment-Magazins kürten ihn zu dem Hollywoodstar, den man lieber nicht als besten Freund hätte.
Nicht mal als Schauspieler nahm man ihn mehr ernst: Für den Anti-Oscar "Razzie" wurde er 2006 als schlechtester Darsteller in Steven Spielbergs "Krieg der Welten" nominiert. Schließlich kündigte Sumner Redstone, Chef von Viacom und damit der Paramount Studios, im August 2006 seinem Milliarden-Dollar-Boy nach 14 Jahren öffentlich die Zusammenarbeit.
Auf einmal wollte nichts mehr klappen. Cruises Karriere-Rehabilitationsversuch mit der Übernahme des Studios United Artists (UA) mündete 2007 in dem Flop "Von Löwen und Lämmern".
Als Cruise im selben Jahr in Deutschland als Claus Schenk Graf von Stauffenberg für eine weitere UA-Produktion, "Valkyrie", vor die Kamera trat, stand sein Ansehen endgültig in Frage.
Eine Reihe deutscher Politiker und der älteste Sohn des Hitler-Attentäters empörten sich, dass ein prominenter Scientologe einen Mann verkörpern wollte, der gegen ein totalitäres Regime kämpfte. Erst nach wochenlangem Gezerre und dem prominenten Cruise-Schulterschluss von "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und Regisseur Wolfgang Petersen durfte der Schauspieler im historischen Bendlerblock drehen.
Doch es kam noch schlimmer.
Anfang 2008 tauchte im Internet ein schräges Scientology-Video auf, in dem der Schauspieler unartikuliert und untermalt von irrem Gelächter über die Vorzüge der Sekte raunt. Das Stück zog eine Reihe gnadenloser und prominenter Persiflagen nach sich und machte Cruise zum Gespött Hollywoods. Und in Deutschland? Sorgte kurz darauf der britische Journalist Andrew Morton mit seiner These für Aufsehen, Cruise wolle mit "Valkyrie" die deutschen Konservativen für Scientology einnehmen.
War es die Arroganz der Macht? Oder war Cruise dem unerträglichen Druck erlegen, Hollywoods perfektester Superstar sein zu müssen? Was brachte den 46-Jährigen zum Überschnappen?
Zu diesem Zeitpunkt schienen die Antworten auf diese Fragen bereits egal.
Denn als Cruise im Mai dieses Jahres öffentlich Abbitte leistete, indem er seine Freundin Oprah Winfrey zu einer TV-Homestory in sein Haus in Colorado einlud und sich von ihr eine Art Beichte abnehmen ließ, tat er einem bestenfalls leid.
Die Bemerkungen über Brooke Shields seien falsch rübergekommen, rechtfertigte sich ein sichtlich angespannter Cruise. Über Scientology wollte er nur sagen, dass die Sekte andere Glaubensweisen respektiere. Und er klagte, die Neugier der Öffentlichkeit sei nicht immer leicht zu ertragen. Zum Schluss wünschte Oprah ihm "inneren Frieden".
Eine Rehabilitation des Superstars schien außer Reichweite.
Womöglich hat man Cruise unterschätzt. Denn jetzt tat er plötzlich erneut etwas total Unerwartetes: Er nahm sich selbst auf die Schippe. Nicht angestrengt gutgelaunt wie einst auf Oprahs Couch oder angestrengt ernst wie in seinem Haus in Colorado - sondern als Schauspieler.
In Ben Stillers Hollywood-Persiflage "Tropic Thunder" zieht Tom Cruise sein Saubermann-Image, seinen stets wohltrainierten Körper, seine an Arroganz grenzende Coolness und die böse Ahnung, dass er irgendwo in den Achtzigern oder Neunzigern steckengeblieben ist, gnadenlos durch den Kakao.
Als Studioboss mit Speckbauch, Halbglatze und Seemannsvokabular macht er seine Mitmenschen zur Minna, seinen berühmten Adlerblick persifliert er zur selbstverliebt-arroganten Einschüchterungsgeste.
"Am Ende des Films ist ihm alles vergeben"
Und schließlich legt er ein so hinreißend selbstverliebtes Tänzchen hin, wie es zuvor nur ein Schauspieler geschafft hatte. Es war der junge Tom Cruise in der Eröffnungsszene der Teenager-Komödie "Risky Business" aus dem Jahr 1983.
25 Jahre später also lässt Tom nun erneut richtig die Sau raus, und er macht es so gut, dass es zu einem Exorzismus seines ganz persönlichen Cruise-Dramas gerät. Denn der Mann, der am eigenen Image überzuschnappen schien, lacht plötzlich genau darüber.
"Ist es denkbar, dass Tom Cruise einen Sinn für Humor über die Tatsache, Tom Cruise zu sein, entwickelt hat?", fragte der "New York Observer" ungläubig. Und "Fox News" schrieb, Ben Stiller habe für Cruises Karriere das getan, was einst Quentin Tarantino für die von John Travolta tat: "Wiederbelebung durch Tanz." Die "Business Week" gestand hilflos: "Am Ende des Films ist ihm alles vergeben."
Nun hat Cruise bereits ein weiteres Projekt mit Stiller vereinbart, und bekannte, gern mehr Komisches spielen zu wollen, falls es sich anbiete.
Kürzlich saß er mit Judd Apatow zusammen, jenem Regisseur, der mit Filmen wie "40 Year Old Virgin" und "Stiefbrüder" peinliche Außenseiter und gehemmte Schwabbelbauchträger zu regelrechten Anti-Cruises – und neuen Helden Hollywoods – stilisierte.
Es könnte die unglaubliche Rettung einer Mega-Karriere daraus werden.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH