Ausnahme-Film "No Turning Back" Ein Mann, ein Auto, der Crash

Auf der Autobahn, nachts, allein: Schauspieler Tom Hardy begeistert in dem Ein-Mann-Kinodrama "No Turning Back" als Betonbauer, dessen Leben während einer Fahrt komplett aus den Fugen gerät.

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Ein Riesending, diese Baustelle. Die Kamera blickt von oben auf das skelettartige Fundament, es ist spät am Abend, die Straßen glänzen nass. Ein Mann, man sieht ihn nur von hinten, geht zu seinem BMW, steigt ein, seine derben Arbeiterschuhe sind verkrustet. Als es um die erste Kurve geht, wird klar, dass wir uns in Großbritannien befinden; das Lenkrad ist rechts. Erst jetzt sehen wir das Gesicht des Mannes: Vollbart, sinnlicher Mund, über dunklen, müden Augen wölbt sich eine in Sorgenfalten gelegte Stirn. Die nächsten 80 Minuten werden die Emotionen, die sich in diesen Zügen abspielen, nahezu das Einzige sein, was zu sehen ist.

"Locke" heißt dieser erstaunlich packende, extrem minimalistische Film im Original. Regisseur Steven Knight (Autor von David Cronenbergs Mafioso-Ballade "Eastern Promises"), der auch das Drehbuch schrieb, gelingt in seiner zweiten Regie-Arbeit nach dem sehenswerten Jason-Statham-Thriller "Redemption" eine eindrucksvoll-existenzialistische Charakterstudie über einen Mann, Ivan Locke, der den unverziehenen Fehler seines Vaters nicht wiederholen will und dafür den Kollaps von Karriere und Familie in Kauf nimmt.

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Kinofilm "No Turning Back": Das Leben ist (k)eine Baustelle

Locke fährt seinen BMW von Birmingham nach London und telefoniert dabei mit wechselndem Personal. Schnell stellt sich heraus, dass er der entscheidende Mann auf der Baustelle ist und am nächsten Morgen eine große Betongießung ansteht. Doch wird er bei diesem wichtigen und bautechnisch heiklen Ereignis, dessen Ablauf er eigentlich überwachen soll, nicht anwesend sein. Stattdessen beschließt er, in London Verantwortung für eine andere Sache zu übernehmen, die Konsequenz aus einer mehrere Monate zurückliegenden Situation, in der er kurzzeitig die Kontrolle verloren hatte. Worum es genau geht, sei hier aus Gründen des Spannungserhalts nicht verraten.

Sicherheiten zerschellen an Schicksal und Schuld

Über die Freisprecheinrichtung gibt er einem panischen Untergebenen ruhig und akribisch letzte Anweisungen und besänftigt seinen Bauleiter, dem der Auftraggeber, ein Konzern in Chicago, im Nacken sitzt. Er stöbert sogar noch einen Gemeinderat im Restaurant auf, der eine Straßensperrung in letzter Minute absegnen soll. Wenn Locke zwischen den dienstlichen Gesprächen immer wieder versucht, seinen beiden halbwüchsigen Söhnen und seiner Ehefrau zu erklären, dass er nicht mit ihnen das Fußballspiel im Fernsehen anschauen wird, nicht heimkommen wird, ändert sich die Tonalität: So souverän Locke eben noch komplexe berufliche Dinge aus der Ferne regelt, so hilflos wirkt er beim Erklären seiner Gefühlswelt.

Stress und Überforderung verbreiten sich im Inneren des Wagens, je mehr drängende, fragende, hysterische Stimmen Locke verarbeiten muss. Eine von ihnen ist eine zunehmend bedürftiger und nervöser klingende Frau, die in London auf ihn wartet. Geduldig beruhigt er sie: In ein paar Stunden sei er da. Wenn das Display einmal nicht ankündigt, dass ein weiterer Anruf auf Beantwortung warte, führt Locke im Rückspiegel wütende Gespräche mit seinem imaginären Vater auf dem Rücksitz.

Es braucht einen überragenden Hauptdarsteller wie den 1977 geborenen Briten Tom Hardy, um eine Geschichte nur in Close-ups und gelegentlichen, kunstvoll verwischten und überblendeten Autobahn-Szenen packend zu gestalten. Hardy, in Filmen wie "Bronson", "Warrior" oder "The Dark Knight Rises" eher wegen seiner massigen Physis eingesetzt, zeigt hier, dass er allein mit der Ausdruckskraft seiner (im Original walisisch akzentuierten) Stimme und Mimik große emotionale Wucht entfachen kann. Unterstützt wird er dabei von hervorragenden britischen Serien-Schauspielern wie Olivia Colman ("Broadchurch"), Andrew Scott ("Sherlock") und Ruth Wilson ("Jane Eyre"), die ihre Figuren wie Hörspielcharaktere zum Leben erwecken müssen.

In dem intensiven Kammerspiel öffnen sich beim nächtlichen Rasen über die M6 zahlreiche Imaginationsräume für den Zuschauer, der sich mit einer modernisierten Variation der Motive aus Max Frischs Roman "Homo faber" konfrontiert sieht: Auch hier kollidieren Dämonen der Vergangenheit und die Unberechenbarkeit des Lebens mit einem technischen Weltbild. Gewiss- und Sicherheiten zerschellen an Schicksal und Schuld.

Die Tragik Lockes ist fundamental: Im moralisch integeren Moment der Entscheidung für die eine Verantwortung vernachlässigt er zwei andere; ultimativ wird alles, was ihn bisher ausmachte, auf der Strecke bleiben. Ausgerechnet beim Ingenieur, dessen berufliches Streben darin besteht, Gebäude so zu errichten, dass sie Jahrzehnte oder länger überdauern, wurde am Fundament des Lebens gepfuscht - und folgerichtig gerät irgendwann alles ins Wanken. Schwacher, aber beruhigender Trost: Das Auto, gute deutsche Wertarbeit, lässt ihn trotz Dauerablenkung und emotionaler Schwerlast nicht im Stich. Locke mag in sein Unglück fahren, aber immerhin liegen seine Hände sicher am Steuer.

No Turning Back

UK/USA 2013

Originaltitel: Locke

Buch und Regie: Steven Knight

Darsteller: Tom Hardy

Produktion: Shoebox Films, IM Global

Länge: 85 Minuten

Verleih: Studio Canal

FSK: ohne Beschränkung

Start: 19. Juni 2014

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
uzsjgb 17.06.2014
1. Originaltitel
Schön, dass wir in Deutschland einen abweichenden Titel bekommen, der Englisch ist. Zumindest macht er sprachlich Sinn, was ja in solchen Fällen nicht immer der Fall ist. Aber ob er inhaltlich Sinn macht? Warum kann Locke nicht umkehren?
miss_moffett 17.06.2014
2.
Zitat von sysopAuf der Autobahn, nachts, allein: Schauspieler Tom Hardy begeistert in dem Ein-Mann-Kinodrama "No Turning Back" als Betonbauer, dessen Leben während einer Fahrt komplett aus den Fugen gerät. http://www.spiegel.de/kultur/kino/tom-hardy-in-no-turning-back-ein-mann-ein-auto-ein-drama-a-974795.html
Schön, dass man den Titel "eingedeutscht" hat. Das macht wirklich Sinn! Ansehen werde ich ihn mir trotzdem.
GSYBE 17.06.2014
3. Die 3 Grossen des Films von heute
Hardy, Mikkelsen und Gosling....kann´s kaum abwarten den Film zu sehen.
Fonso 17.06.2014
4. gaaanz schlecht
Zitat von uzsjgbSchön, dass wir in Deutschland einen abweichenden Titel bekommen, der Englisch ist. Zumindest macht er sprachlich Sinn, was ja in solchen Fällen nicht immer der Fall ist. Aber ob er inhaltlich Sinn macht? Warum kann Locke nicht umkehren?
"macht Sinn", verehrte/r Forist/-in, ist nicht nur schlechtes Deutsch, das ist gar kein Deutsch. Sondern kommt nur im Englischen vor. Das dortige "makes sense" heißt übersetzt "ergibt einen Sinn", "hat Sinn" oder "ist sinnvoll". Auch wenn das heute viele falsch machen. Dieselben meist, die auch nichts dabei finden, von "in 2014" zu faseln. Oder gar "in zwanzigvierzehn". Guten Englischunterricht gehabt zu haben, ist leider keine Voraussetzung, um an öffentlichen Foren teilnehmen zu dürfen...
Robeuten_II 17.06.2014
5.
Zitat von uzsjgbSchön, dass wir in Deutschland einen abweichenden Titel bekommen, der Englisch ist. Zumindest macht er sprachlich Sinn, was ja in solchen Fällen nicht immer der Fall ist. Aber ob er inhaltlich Sinn macht? Warum kann Locke nicht umkehren?
Hm, bei wem "etwa Sinn macht", der hat ganz andere Probleme mit der deutschen Sprache - "makes sense" ist wohl eher "ob das sinnvoll ist?" Viel ärgerlicher ist zumindest für mich, daß die Assoziationskraft des Nachnamens des Protagonisten so verwischt wird - oder bin ich der Einzige, der an John Locke denkt?
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