Brit-Schauspieler Tom Hiddleston "Wir machen uns gerne kleiner, als wir sind"

Warum sind eigentlich britische Schauspieler in Hollywood so erfolgreich und populär? Tom Hiddleston, aktuell mit "Crimson Peak" im Kino, ist einer von ihnen. Wir haben mal nachgefragt.

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Zur Person
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    Tom Hiddleston, 1981 in London geboren, ist vor allem als Filmbösewicht Loki aus den "Thor"-Filmen von Marvel bekannt. Seinen Durchbruch hatte der Eton-Schüler Shakespeare-Rollen, darunter "Henry V" und "Cymbeline". 2013 spielte er einen Vampir in Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive". Seine zahlreichen weiblichen Fans werden "Hiddlestoners" genannt.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Hiddleston, Loki-Fans auf der ganzen Welt möchten Sie am liebsten nur noch in großen Hauptrollen sehen, Sie aber überlassen in "Crimson Peak" (eine Kurzkritik lesen Sie am Ende des Artikels) das Feld zwei starken Frauenfiguren. Sind Sie so bescheiden?

Hiddleston: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber ich kann Ihnen sagen, was mich für den Film eingenommen hat. Zum einen war es eine Chance, mit Guillermo del Toro zu drehen, dessen "Pans Labyrinth" ich sehr bewundere. "Crimson Peak" verhalte sich dazu wie eine Zwillingsschwester, sagte er mir. Zum anderen war sein Drehbuch voller komplexer Charaktere. Ich fand es sehr berührend, dass Thomas Sharpe, den ich spiele, zwischen diesen beiden starken Frauen gefangen ist. Nur durch die Reinheit und Ehrlichkeit der einen, seiner Geliebten, kann er sich aus den Fesseln und Manipulationen seiner Schwester befreien.

SPIEGEL ONLINE: Also ist "Crimson Peak" nur vordergründig ein Schauermärchen und eher die Geschichte einer Emanzipation?

Hiddleston: Es ist vor allem eine sehr leidenschaftliche Liebesgeschichte, die von fantastischen Elementen unterstützt und ergänzt wird. Darüber hinaus geht es um einen besonderen Moment der Selbsterkenntnis, den jeder im Leben hat: Du erkennst, wer du wirklich bist - im Abgleich zu deinen Eltern und deiner Vergangenheit. Im Zuge dieses Prozesses organisierst du deine Herkunft. Als Thomas seine Braut Edith zum ersten Mal in sein morbides, zerfallendes Familienanwesen führt, fragt sie ihn, wie er all das bewältige, und Thomas sagt einen meiner Lieblingssätze: "Es ist ein Privileg, mit dem wir geboren wurden, eines, das wir niemals aufgeben können." Aber am Ende gibt er es auf, durch die Kraft der Liebe.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat England spielt Herkunft immer noch eine große Rolle - auch in der Kunst? Der Labour-Politiker Chris Bryant kritisiert, es gebe aktuell unter den vielen erfolgreichen Schauspielern aus Großbritannien zu wenige, die nicht aus gutem, privilegiertem Hause kommen. Sie selbst wurde an einer Eliteschule ausgebildet...

Hiddleston: Ja, aber das ist doch Unsinn: Was ist mit Michael Fassbender, Idris Elba, Daniel Craig? Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Zugang zu der Möglichkeit erhalten sollte, zu versuchen, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was er wirklich liebt. Gerade Kino und Theater sind doch sehr vereinheitlichende Institutionen: Gute Filme und Stücke sprechen jeden an, unabhängig von Bildung, Klasse oder Herkunft. Eine Diskussion über Schauspieler, die posh oder nicht sind, halte ich da für hinderlich - wenn nicht sozial spaltend.

SPIEGEL ONLINE: Sicher hatten Sie als Eton-Schüler aber leichteren Zugang zu Schauspielunterricht mit guten Lehrern als jemand, der weniger wohlhabend ist.

Hiddleston: Absolut. Und dieses großen Glücks bin ich mir sehr bewusst. Ebenso wie der Privilegien, die ich genossen habe, ganz besonders zu Beginn meiner Karriere. Umso härter gehe ich mit mir ins Gericht, wenn es darum geht, die bestmögliche Arbeit zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind eigentlich britische Schauspieler gerade so angesagt in Hollywood?

Hiddleston: Das ist für mich als Briten natürlich schwer zu sagen. Ich wünschte, ich hätte einen klareren Blick darauf. Es könnte etwas mit einer bestimmten Kultur britischer Schauspieler zu tun haben, die ich vor allem in der Generation über mir sehe, in Leuten wie Kenneth Branagh, Ian McKellen oder Judi Dench. Sie besitzen eine bestimmte Demut, gepaart mit einer Entschlossenheit, sehr hart zu arbeiten. Es gibt ein seltsames Verhältnis zu Disziplin, dass uns britischen Schauspielern schon in der Theaterschule eingehämmert wurde, auch mir.

SPIEGEL ONLINE: Weil es viel Disziplin erfordert, lange und komplizierte Shakespeare-Dramen und -Sonnette zu lernen?

Hiddleston: Haha, ja, wahrscheinlich! In der Kultur des britischen Schauspiels gibt es eine Philosophie, nach der es nicht um den Schauspieler selbst geht, sondern er nur im Dienst dieser Kunstform steht. Ich glaube, wir sind einfach stolz darauf, etwas zur Konversation über die Form des Theaters oder Kinos beizutragen. Starrummel und Geld sind nicht so wichtig. Wir machen uns gerne kleiner, als wir sind. Viele von uns bekommen zurzeit vielleicht auch deshalb so leicht einen Job in Hollywood, weil wir ein so rigoroses Training absolviert haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eng mit Benedict Cumberbatch befreundet, der Ihnen die Rolle des Thomas Sharpe in "Crimson Peak" vermittelte, nachdem er sie selbst nicht spielen konnte oder wollte. Ein Glücksfall, sagt Guillermo del Toro. Was können Sie, was Ihr Kumpel nicht kann?

Hiddleston: Ich wünschte, er würde hier jetzt mit uns sitzen, das wäre ein sehr lustiges Gespräch. Ich habe keine Ahnung, was Benedict aus Thomas Sharpe gemacht hätte. Wir werden es nie erfahren. Am Ende bin ich vier, fünf Jahre jünger als Benedict, ich weiß nicht, ob das ein Faktor für Guillermo war. Vielleicht wirkte ich verletzlicher.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie eigentlich an Geister?

Hiddleston: Ich habe Freunde, die viel schlauer als ich sind, die mir erklärt haben, warum es wissenschaftlich unmöglich ist - und trotzdem glaube ich an Geister. In dem Sinne, dass wir Menschen immer wieder Geistergeschichten gebraucht haben, um uns Dinge zu erklären, die wir nicht verstehen: Teile unserer Vergangenheit, unverarbeitetes Leid. Erinnerungen können einen heimsuchen wie Geister, Gebäude behalten die Energie von Dingen, die sich in ihnen ereignet haben. Vor allem Kinder glauben an Geister, sie verstehen, dass wir ein bisschen Magie brauchen, um mit dem Unbekannten umzugehen. Außerdem wäre das Kino um einiges ärmer, wenn es "Ghostbusters" nicht gegeben hätte. Und wenn wir Geisterjäger brauchen, dann muss es auch Geister geben.

Kurzkritik "Crimson Peak"
  • AP
    Ein lebendiges Geisterhaus, in dessen Adern blutroter Lehm fließt, dazu Gespenster-Horror und dunkle Geheimnisse: Es spukt ganz gewaltig in "Crimson Peak", dem neuen Film von Kino-Fantast Guillermo del Toro ("Pans Labyrinth", "Hellboy"). Neben viel Gothic-Grusel geht es um eine vertrackte Dreiecksbeziehung zwischen Jessica Chastain, Tom Hiddleston und Mia Wasikowska (Foto). Neben den sehr guten Schauspielern gibt es einige packende Momente und Szenen, insgesamt bleibt das Schauermärchen aber vor allem visuell hinter del Toros früheren Filmen zurück. Für alle, denen Tim Burtons "Dark Shadows" zu albern war. (bor)

Das Gespräch mit Tom Hiddleston führten wir Ende September in Berlin.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Elizabeth_Tudor 18.10.2015
1. Simply marvelous
Da waere noch Tom Hardy (u.a der 4-Teiler 'The Take--brilliant), Helen Mirren, Idris Elba, Alan Rickman, Ray Fiennes....und wer britische Serien schaetzt kommt an den vielen wunderbaren Schauspielern einfach nicht vorbei. Broadchurch, Whitechapel, Wire in the blood...u.v.m. Sehr zu empfehlen 'Peaky Blinders' mit dem irischen Schauspieler Cillian Murphy und Sam Neil. Wobei ich persoenlich Eddie Marsan mag, der momentan als Terry Donovan zusehen ist (in der US Serie 'Ray Donovan') Alle Serien werden natuerlich im O-Ton geschaut.
esheisstextravertiert 18.10.2015
2. Nicht vergessen
Zitat von Elizabeth_TudorDa waere noch Tom Hardy (u.a der 4-Teiler 'The Take--brilliant), Helen Mirren, Idris Elba, Alan Rickman, Ray Fiennes....und wer britische Serien schaetzt kommt an den vielen wunderbaren Schauspielern einfach nicht vorbei. Broadchurch, Whitechapel, Wire in the blood...u.v.m. Sehr zu empfehlen 'Peaky Blinders' mit dem irischen Schauspieler Cillian Murphy und Sam Neil. Wobei ich persoenlich Eddie Marsan mag, der momentan als Terry Donovan zusehen ist (in der US Serie 'Ray Donovan') Alle Serien werden natuerlich im O-Ton geschaut.
und natürlich Maggie Smith, Helena Bonham-Carter und der wunderbare Hugh Laurie.
epicur 18.10.2015
3.
Ich fahre mehrmals im Jahr nach London, um diese Schauspieler im Theater zu sehen. Sie lieben was sie tun. Es geht nicht darum den Zuschauer zu belehren. Es geht um gute Stücke, gute Unterhaltung und geistige Anregung. Man geht enerviert aus vielen Stücken heraus. Das ist gutes Theater.
der-wahrsager 18.10.2015
4. Diese Frage sollte man einen Amrikaner stellen!
Warum die Briten?! Wie wir wissen, werden die Hollywood-Filme für amerikanischen Kino nicht gedoubelt und daher nutzt man bei amerikanischen Kinobesucher ein anderes Gefühl als bei der heimischen Schauspieler die vor der Linse mit amerikanischen Akzent sprechen! Ein Brite fällt in USA nicht als Ausländer auf, sondern als Brite und manchmal auch Irre! Es kommt auch öfter auf dem Film an was und wo etwas gespielt wird, daher die Sprache (Akzent) ist so sehr wichtig!
lachina 18.10.2015
5. Englische Schauspieler (und Schauspielerinnen)
sehen gut aus, aber haben nicht diesen "Plastic look" von Hollywood Schauspielern. Ihre Helden sind Menschen mit Ecken und Kanten, oft gebrochen : Tom Hiddleston ist als Loki mein Lieblingscharakter in Thor, Bendict Cumberbitch und Martin Freeman in Sherlock einfach genial etc etc....sie kriegen es hin!
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