Ach, was für ein symbolreiches Meisterwerk hätte John Woo aus einem Stoff wie diesem machen können. Wie viel Ironie und schmuddeligen Realismus hätte David "Fight Club" Fincher auf die glattpolierte Oberfläche dessen reiben können, was nun als Verfilmung des Action-Spiels "Tomb Raider" auf die Leinwände geraten ist? Ein bisschen mehr Hollywood der neueren Generation hätte hier ausnahmsweise nicht geschadet
Aber Lara Croft, schneidige Hauptfigur des erfolgreichsten PC-Spiels aller Zeiten und feuchter Traum abertausender Computernerds auf der ganzen Welt, ist nun einmal britischer Abstammung, also musste auch alles möglichst britisch wirken. Nicht nur, weil Lara Croft das geistige Produkt der englischen Software-Schmiede Eidos Interactive ist, sondern vor allem, weil sie die Tochter des berühmten fiktiven Archäologen Lord Croft ist, die außerhalb Londons in einem Hightech-Landgut residiert und hauptberuflich Grabjägerin - "Tomb Raider" - ist.
Verpflichtet wurde mit Simon West ein Regisseur britischer Abstammung, der seine fehlende Vision bereits bei seinem Erstling, der von Jerry Bruckheimer produzierten Ballerorgie "Con Air" unter Beweis stellte. Ein eigensinniger Filmemacher hätte aber auch nur gestört, denn den lizenzgebenden Software-Königen und dem umsetzenden Paramount Studio ging es offenbar vor allem darum, möglichst risikolos ihre Zielgruppe der Spielefreaks und Lara-Lovers zu erreichen. Das Ergebnis ist ein in Effekten, Schnitt und Dramaturgie konventionell gemachter Action-Streifen, der in seiner unzeitgemäßen Ästhetik an die mäßigen Bond-Filme der späten Achtziger erinnert und gegenüber Action-Standards wie "Mission: Impossible 2" und "Matrix" dementsprechend alt aussieht.
Auch bei den Nebendarstellern setzte man auf weitgehend unbekannte, farblose Briten. Vermutlich, um jede Ablenkung von Angelina Jolie als Lara Croft zu vermeiden. Dazu stückelten West und mehrere Auftragsschreiber ein weitgehend pointenloses Skript zusammen, das die pragmatische und streng episodische Handlung der Spiele eins zu eins kopiert.
Wer sich die Mühe macht, der Story zu folgen, sieht sich mit einem klassischen James-Bond-Plot konfrontiert: Die smarte Archäologie-Amazone Lara Croft muss die Welt vor der bösen Geheimloge der Illuminati retten, die sich eines antiken Artefakts bemächtigen wollen, das ihnen die Herrschaft über die Zeit, ergo über die ganze Welt sichern soll. Laras Gegenspieler ist der von den Illuminati beauftragte Anwalt Manfred Powell (Iain Glen), der sich mit der Heldin einen Wettlauf von Kambodscha nach Sibirien liefert, der mit den nötigen Explosions-, Kampf- und Verfolgungs-Szenen gespickt ist. Bond meets Batman meets Indiana Jones, und das alles in Weiblich.
Ein bisschen interessanter ist die Nebenhandlung, in der es um die Sehnsucht der Heldin nach ihrem Vater geht, der auf mysteriöse Weise verschwand, als die wilde Lara noch ein Teenager war. Hier kommen Hobby-Psychologen auf ihre Kosten: Trotz und Trauer über den Verlust der überlebensgroßen Vaterfigur - passenderweise gespielt von Jolies echtem Daddy Jon Voight - manifestieren sich in der männermordenden und burschikosen Härte der Film-Lara, die einerseits am liebsten genau wie ihr Vater wäre, andererseits aber einen gehörigen Hass auf alle Männer pflegt, weil sie der wichtigste Mann in ihrem Leben allein gelassen hat.
Somit verfügt Lara zwar über eine äußerst attraktive Oberweite, fällt ansonsten aber als Männerphantasie komplett durch. Die kalte Verachtung, mit der die Croft den Kerlen begegnet, kann jeden Mann, von schluffigen Nerds ganz zu schweigen, nur abschrecken - Sexbombe hin oder her. In Laras Augen sind wir alle Versager.
Dass sich die Bildschirm-Ikone auf der Leinwand also von der Männer-Gespielin zur Frauenphantasie wandelt und den Film dadurch doch noch sehenswert macht, ist alleiniger Verdienst von Angelina Jolie. Die selbst in Hollywood als exzentrisch und radikal geltende Schauspielerin hat sich ihrer Rolle voll und ganz bemächtigt und schöpft ihre ganz eigene Lara aus sich selbst und der Lust am Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen. Frauen finden die selbstbewusste Angelina cool, weil sie smart, stark und eigenwillig genug ist, um in der Männerwelt bestehen zu können.
Durch die Vermischung mit Jolies realer Persönlichkeit wird Lara Croft zum Wunschbild jener Frauen, die sich nie trauen würden, so frech, tough oder hart zu sein. So dürfen diese befriedigt grinsen, wenn sich der eigentlich bis über beide Ohren in Lara verknallte Grabjäger-Kollege Alex Cross aus Geldgier auf die Seite der Illuminati schlägt und schon allein deshalb den ganzen Film über keine Chance auf ein amouröses Abenteuer erhält. Der von Daniel Craig als dummdreist dargestellte Typ ist - logisch - ein Loser, und im Finale muss ihm das vermeintlich schwächere Geschlecht sogar noch das Leben retten.
Mit geringen Mitteln verleiht Jolie ihrer eindimensionalen Vorlage große Tiefe. Ein verächtliches Mundwinkelzucken hier, ein stechender Blick da - und plötzlich ist diese absurde, comicartige Person mit den überdimensionierten Brüsten und Pistolen auf wundersame Weise glaubwürdig. Auf einmal wundert man sich nicht mehr darüber, dass Lara Croft scheinbar jede Strapaze ohne einen Kratzer oder das leiseste Zeichen von Anstrengung übersteht. Und als sie durch die sibirische Eiseskälte mit offenem Mantel stapft, damit man auch ja das obligatorische T-Shirt mit dem signifikanten Busen darunter sieht, schmunzelt man nur noch leise in sich hinein.
Für Angelina Jolie bietet sich mit "Tomb Raider" die Gelegenheit, dem seit Ende der "Alien"-Saga männlich dominierten Action-Kino wieder einen femininen Akzent zu verleihen. Eine Chance, die mit der tatsächlich zur Männerphantasie geratenen Kinoversion von "Charlie's Angels" leider vertan wurde. Wer weiß, vielleicht findet sich für "Tomb Raider 2" sogar ein visionärer Regisseur und ein gutes Drehbuch, damit beim nächsten Mal nicht nur die Hauptfigur charmant ist.
"Tomb Raider". GB/USA 2001. Regie: Simon West; Buch: Mike Werb, Michael Colleary, Simon West und andere. Darsteller: Angelina Jolie, Jon Voight, Iain Glen, Daniel Craig, Noah Taylor. Länge: 100 Minuten; Verleih: Concorde; Start: 28. Juni 2001.
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