Videospielverfilmung "Tomb Raider" Lara blutet, kreischt - und rennt

Die Archäologin Lara Croft war mal eine Hochglanz-Männerfantasie. Im neuen Film "Tomb Raider" ist sie eine ganz normale Frau, die von der Fahrradkurierin zur Superheldin wird.

AP

Archäologie, sagte ein berühmter, wenngleich fiktiver Experte einmal, sei die Suche nach Fakten. Mit solchen Sätzen wurde Indiana Jones berühmt. Die Ironie, dass er den Mysterien im Dunkel der Zeit und in der Tiefe der Erde begrabenen Menschheitsgeschichte ebenso gerne hinterherjagt, war ihm dabei sicherlich bewusst.

Ohne Indy, so viel ist klar, gäbe es keine Lara. Seit Mitte der Neunzigerjahre rast, springt, kombiniert und schießt diese Videospielfigur sich durch ihre Abenteuer - gute 15 Jahre lang als synthetisches Wunderwesen mit Wespentaille und absurd riesiger Oberweite. 2013 wurde sie neu erfunden in der Games-Welt, als Frau diesmal, nicht als Männerfantasie. Der Name dieses Spiels ist identisch mit dem Titel der neuesten Filmadaption nach zwei so vergessenswerten wie vergessenen Spektakeln mit Angelina Jolie aus den frühen Nullerjahren: Tomb Raider. Alles auf Anfang also.

Betrachtet man den Film so, kann man sich auf eine Enttäuschung gefasst machen. Der Norweger Roar Uthaug hat ein solides Actionabenteuer inszeniert - mit faszinierenden Szenen, sicher, aber auch mit Phasen gähnender Langeweile. Nun geht es aber in den großen Franchises unserer Zeit, in all den Fortsetzungen und Remakes, ja eigentlich in der Genre-Filmemacherei überhaupt, nicht um die Suche nach neuen Tatsachen, sondern um die Variation einer Formel. Wo sind die Vorbilder noch erkennbar, und wie werden Dinge nicht etwa neu, sondern anders gemacht?

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Neuer "Tomb Raider"-Kinofilm: Lara Croft, Superstar

Zunächst einmal kriegt Lara hier gewaltig eins auf die Mütze. Beim Kämpfen zeigt sich als größtes Talent ihre Beharrlichkeit - möglichst spät abklopfen bleibt die letzte Gegenwehr in einem aussichtslosen Kampf. Die Schwedin Alicia Vikander, 2016 mit einem Oscar für ihre Rolle in "The Danish Girl" ausgezeichnet, wird bluten, schwitzen, kreischen und wimmern; Lara erlebt Panik und begegnet ihrer anstehenden Feuerprobe mit Ausdauer, Trotz und Sturheit. Oder, wie ihr Vater es nennt: Tapferkeit.

Lara als Fahrradkurierin

Zur Backstory aus dem Kosmos von Film und Game gesellt sich eine ganz persönliche: Lara weigert sich, den vor Jahren verschwundenen Vater für tot erklären zu lassen. So steht das klassizistische Croft Manor leer, während die potenzielle Erbin als Fahrradkurierin durch London fegt. Doch dann stößt sie auf das versteckte Studierzimmer ihres Vaters und erfährt vom Ziel seiner damaligen Expedition: Er brach auf zum Teufelsmeer vor Japan, wo er auf einer Insel die Gruft einer furchtbaren Gewaltherrscherin vermutete. Sollte er nicht zurückkehren, sagt er in einer Videobotschaft, müsse Lara all seine Unterlagen vernichten. Der Fluch von Himiko dürfe nicht losgelassen werden auf die Welt.

Trotz und Tapferkeit raten Lara zu etwas anderem, zu einer Reise ans Ende der Welt, wo menschliche und womöglich übermenschliche Feinde lauern. Bis dahin flitzt sie durch die Straßenschluchten Londons, hüpft über die Piers von Kapstadt, das im Film für Hongkong einsteht.

Sie wird Schluchten überwinden, Plattformen und Rätsel meistern. Im Umgang mit dem Terrain beweist Roar Uthaug einen guten Blick für den Raum und ein gutes Gespür für die Dynamisierung von Bewegung. Korridore, Sprints und gähnende Abgründe eignen sich ohnehin, um Action in drei Dimensionen zu inszenieren - wobei der Presse vorab nur die 2D-Version gezeigt wurde.


Tomb Raider
USA 2018
Regie:
Roar Uthaug
Drehbuch: Geneva Robertson-Dworet, Alastair Siddons, Evan Daugherty
Darsteller: Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas, Derek Jacobi
Produktion: GK Films, Metro-Goldwyn-Mayer, Square Enix
Verleih: Warner Bros. GmbH
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 118 Minuten
Start: 15. März 2018


Die Videospiele um Lara Croft gehören zu den prägenden Reihen, die den Kampf mit der Umgebung aus der zweiten Dimension der Hüpfspiele in die dritte brachten. Dieses Erbe belebt Uthaug neu. Eine Frau in gefährlichem Gebiet - darum geht es.

Die Schießereien, die irgendwann folgen, sind läppisch, ebenso läppisch wie die Riege der Nebenfiguren um den zwielichtigen Bootsmann Lu Ren (Daniel Wu). Der gravitätische Dominic West sticht da noch heraus als liebevolle Vaterfigur, deren Schicksal aber bald eine sehr merkwürdige Wendung nimmt. Und das Geheimnis um Himiko, die Blutsäuferin aus der Vergangenheit, entpuppt sich als grausam und doch banal zugleich.

Erzählt wird also eine Art Gründungsmythos, in dem der Alltag ganz allmählich aufgefressen wird von einer Welt, die mehr birgt, als sich ein Londoner Hipster im Allgemeinen so vorstellen kann. Wo Mysterien zu Fakten werden und Ängste zu Gewissheiten. Zu befürchten ist: Die Narben dieser Erfahrung graben sich dabei nur in die Körperoberfläche ein. Alicia Vikander, diese geschundene, verletzliche, zähe, verbissene Lara Croft, könnte in den potenziellen Fortsetzungen zum Profi werden - und damit nur zu einer weiteren Game-Legende, die die Leinwand nicht braucht.

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insgesamt 13 Beiträge
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Top-Experte 14.03.2018
1. Gähn
Klingt langweilig... Wohl ein Film für Frauen ^^
fisschfreund 14.03.2018
2.
Bei der oberweite muss ich leider sagen: DAS IST NIEMALS LARA CROFT!
remcap 14.03.2018
3.
Lara Croft. Das ist quasi ihr erstes Abenteuer. Klar das nicht jeder Schuss und Cliffhanger sofort sitzt. Einmal auf den Geschmack gekommen entwickelt sie sich in den späteren Jahren dann zum Tomb Raider. Das die vielen Verletzungen auch zu Operationen führten, hat wohl den Hormonhaushalt etwas durcheinander gebracht...welches wir in den späteren Abenteuern auch deutlich wahrnehmen.
Flauschie 14.03.2018
4. Lara C war mal fleischgewordene Fantasie ...
... brilliant verkoerpert von Angelina Jolie. Ok, die Skripte waren mies, aber was kummerte das? Und nu? Aschenputtel. Frau Stokowski hat sicher Ihre helle Freude daran.
quark2@mailinator.com 15.03.2018
5.
Zitat von Flauschie... brilliant verkoerpert von Angelina Jolie. Ok, die Skripte waren mies, aber was kummerte das? Und nu? Aschenputtel. Frau Stokowski hat sicher Ihre helle Freude daran.
Also wenn ich mich recht entsinne, war LC eine sog. Männerphantasie, als sie eine Computerspielfigur vor den Filmen mit A. Jolie war. Von dem Moment an wurde eine permanente Wandlung vollzogen, die i.e. parallel auch mit James Bond passiert ist. Man kann das Reverse-Feminismus nennen :-) ... der ursprüngliche unrealistische Unsinn wird gewissermaßen angeprangert und ein kritischer Realismus dagegen gestellt. So macht das natürlich keinen Spaß mehr (Was will ich mit einem James Bond, der von Frauen kommandiert und gerettet wird, während er zunehmend körperlich verfällt und ein psychisches Wrack ist, daß sich seinen archetypischen Sexismus noch ständig vorwerfen lassen muß ? Natürlich ist das von Anfang an Unfug gewesen, was ja auch jeder wußte.). Bezogen auf LR läuft es auf das Gleiche hinaus und somit kann man sich eine Fortsetzung sparen. Es war nie realistisch, daß eine Frau mit dieser Figur hundert Männer verprügelt, schneller rennt und immer gewinnt und solche Szenen sind langweilig (und ebenfalls sexistisch). Game over. Indiana Jones hingegen ... :-) ...
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