Zum Tode Tony Scotts Der Action-Künstler

Sein Bruder Ridley gilt als Genie, an ihm selbst klebte das Image des begabten Handwerkers. Dabei war "Top Gun"-Regisseur Tony Scott ein Meister des modernen Actionfilms, der mit seinem Stakkato-Stil bis an die Schmerzgrenze des Publikums ging. Jetzt hat sich der 68-Jährige das Leben genommen.

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Blöd, wenn der große Bruder einen so großen Schatten wirft. Als Tony Scott Anfang der Achtziger in Hollywood ankam, hatte Ridley Scott mit "Alien" und "Blade Runner" bereits Meilensteine des utopischen Films gedreht, die Kritik feierte ihn als Visionär. Tony Scotts erste größere US-Produktion floppte dagegen. Der Vampirfilm "Begierde" ("The Hunger") fiel bei Journalisten und Publikum durch. Er habe Angst vor den Schauspielern gehabt, sagte Scott später einmal.

Zwar hatten Ridley und Tony, der sieben Jahre jüngere Bruder, der einst in Ridleys Kurzfilm "Boy And Bicycle" die Hauptrolle spielte, vor ihrem Einstieg ins Filmgeschäft mit ihrer Firma RSA Hunderte Werbeclips gedreht und so das nach neuen visuellen Impulsen gierende Hollywood auf sich aufmerksam gemacht. Doch das mit Catherine Deneuve und David Bowie so hochkarätig wie schwierig besetzte Drama um Lust und Körpersäfte bekam Tony nicht in den Griff. Es dauerte drei Jahre, bis er erneut eine Chance erhielt.

Diesmal von den Produzenten der Kassenhits "Flashdance" und "Beverly Hills Cop", Don Simpson und Jerry Bruckheimer, die gerade dabei waren, dem Hedonismus-Zeitgeist der Achtziger mit knalligem Kino-Fast-Food voller Pophits eine Entsprechung zu verschaffen. "Top Gun", die schnulzig-patriotisch erzählte Geschichte einer Gruppe junger US-Jetpiloten, wurde 1986 zum Kassenschlager, machte Hauptdarsteller Tom Cruise zum Superstar und brachte Tony Scott als einen Regisseur in Stellung, dem Hollywood sein neues Popcornkino anvertrauen konnte.

Stetes Flimmern und Flackern

Wie einflussreich Scotts Filme aus dieser Zeit, darunter "Days Of Thunder" (ebenfalls mit Cruise), "Last Boy Scout" (mit Bruce Willis) und "True Romance" (nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino), für den ästhetischen Stil der Achtziger und frühen Neunziger waren, zeigt sich erst jetzt, wenn ein Regie-Hipster wie der Däne Nicolas Winding Refn die pastellfarbene Pop-Rasanz Scotts in seinem Film "Drive" zelebriert. Damals galt diese ganz und gar auf Kinetik und simple Emotionen bauende Art, Kino zu inszenieren, bei der Kritik als reaktionäres Teufelswerk. "Viagra in Form geiler Kampfmaschinen" nannte die "Welt" den bunten Fliegerfilm "Top Gun". Dennoch legten Simpson, Bruckheimer und Scott damit den Grundstein für den Actionfilm moderner Machart.

Denn zu Scotts frühen Markenzeichen gehörte schon damals ein Stil, der sich entscheidend von dem seines Bruders unterschied: Schnelle, grobe Schnitte, viel Dampf oder Rauch, oft seitlich oder durch Fensterläden einfallendes Sonnenlicht sowie das intensive Spiel mit Kamerafiltern geben Scotts Inszenierungen selbst bei größtem Realismus der Handlung etwas Artifizielles - ein Überbleibsel aus der Werbefilmschule, das Tony, anders als der zu Erdfarben und schwerer Opulenz neigende Ridley, zur Kunstform im Actiongenre erhoben hat.

Das zeigt sich vor allem in den jüngeren Produktionen Tony Scotts, darunter das Remake des Geiselnehmer-Thrillers "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123", der Eisenbahn-Krimi "Unstoppable" oder der Mystery-Film "Déjà vu". Begonnen hat diese visuelle Konsequenz 1998 mit dem nervösen Überwachungs-Thriller "Enemy Of The State" (mit Will Smith). Und als Vollendung seines mit Licht- und Filtereffekten verzerrten Stakkato-Stils dürfte das Terrorismus-Drama "Domino" von 2005 gelten: Mutwilliger wurde das Kinopublikum selten an die Schmerzgrenzen seiner Rezeption geführt.

"Domino" mag inhaltlich kein gelungener Film sein, ästhetisch aber zeigte er die Möglichkeiten auf, die Actionkino mit den Mitteln des klassischen Handwerks, also ohne CGI-Technik, besitzt. Von hier führt eine direkte Linie zu Paul Greengrass' hektischem "Bourne Ultimatum" (2007). Gleichzeitig distanzierte sich Scott vor allem im vergangenen Jahrzehnt vom Hurra-Patriotismus seiner frühen Blockbuster und zeichnete in seinen flirrenden Actiondramen das Bild einer verunsicherten, moralisch ambivalenten Moderne.

Tiefe dank Denzel

Seine frühe Unbeholfenheit im Umgang mit Schauspielern kompensierte Scott unter anderem damit, sich mit Vertrauten zu umgeben. Ähnlich wie bei John Ford und John Wayne oder beim Thriller-Duo Don Siegel/Clint Eastwood schmiedete Tony Scott eine Arbeitsallianz mit Denzel Washington. Fünf Filme drehten die beiden gemeinsam, darunter den harten Rache-Thriller "Man On Fire", "Déjà vu" und "Unstoppable".

Mit Scott wurde Washington zu einem der wenigen Darsteller im Actiongenre, der seinen Charakteren - und damit auch den Filmen - Tiefe verleihen kann. Vor zwei Jahren erklärte er der "New York Times", warum er so gerne mit Scott arbeitete: "Du kannst einfach nicht mehr arbeiten als dieser Typ! Er kann kämpfen, er ist gründlich, er macht seine Hausaufgaben, er kann filmen und schneiden. Er kann alles machen, und er liebt es. Und das ist ansteckend."

Am Set trug "T-Scott", wie er scherzhaft genannt wurde, stets eine ausgewaschene rote Baseballmütze. Das Accessoire tauchte sogar in einigen Filmen auf, unter anderem im Stalker-Krimi "Der Fan" (1996) mit Robert De Niro. Ellen Barkin spielte die weibliche Hauptrolle, an einem Tag bekam sie ihre Frisur nicht in den Griff. Kurzerhand, so erzählte es Scott dem "Premiere"-Magazin, setzte er ihr seine Mütze auf, die Barkin dann auch im Film trug. Eine seiner vermutlich unzähligen roten Kappen wurde, erinnerte sich Scott, auch einmal von Jerry Bruckheimers Hund verspeist.

Mit der Konkurrenz zu seinem Bruder, der im Gegensatz zu Tony mehrfach für den Oscar nominiert wurde, hatte der 1944 im nordenglischen Stockton-on-Tees geborene Regisseur seinen Frieden gemacht. "Man sagt meinen Filmen ja oft nach, sie wären nur schicke Oberfläche ohne Inhalt. Seltsamerweise bleiben einige von ihnen dann doch lange im Gedächtnis der Zuschauer, etwa 'Top Gun' oder 'True Romance'. Irgendwas mache ich also schon richtig", sagte er 2009 der "Berliner Zeitung".

Zusammen mit Ridley unterhielt Tony Scott die Produktionsfirma Scott Free, mit der er unter anderem die erfolgreiche TV-Serien "The Good Wife" und "Numb3rs" produzierte. Auch der von Google in Auftrag gegebene, nach dem Wiki-Prinzip gedrehte Dokumentarfilm "Life In A Day" entstand unter der Ägide der beiden Brüder. Einen gemeinsamen Film haben Tony und Ridley jedoch nie gemacht. "Ganz im Ernst, so was ginge gar nicht, wir würden uns nach drei Minuten an die Kehle gehen", sagte Tony Scott in einem Interview. Die Brüder verstünden sich zwar "fast immer gut", sonderlich ähnlich seien sie sich aber nicht, "eher Gegenpole".

In der Nacht zu Montag nahm sich Tony Scott aus bisher ungeklärten Gründen im Alter von 68 Jahren das Leben. Scott war in dritter Ehe mit der Schauspielerin Donna Wilson verheiratet und hinterlässt zwei Söhne.



insgesamt 10 Beiträge
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tomkey 20.08.2012
1. Danke Tony Scott ..
.. für ein paar tolle Filme! Ich bin zwar nicht der Actionkinogänger, aber die Filme von Tony Scott haben mir immer ganz gut gefallen. R.I.P. R.I.P.
grubbi 20.08.2012
2. Sehr traurig.
Zitat von sysopREUTERSSein Bruder Ridley gilt als Genie, an ihm selbst klebte das Image des begabten Handwerkers. Dabei war "Top Gun"-Regisseur Tony Scott ein Meister des modernen Actionfilms, der mit seinem Stakkato-Stil bis an die Schmerzgrenze des Publikums ging. Jetzt hat sich der 68-Jährige das Leben genommen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,850972,00.html
Das ist eine sehr traurige Nachricht. Tony Scott hat nicht nur "Top Gun", "Days of Thunder", "Crimson Tide", "Spy Game" und "The Last Boy Scout" gedreht, sondern auch "Man on Fire" und "True Romance", zwei Meisterwerke die zu meinen absoluten Liebslingsfilmen gehören.
BlakesWort 20.08.2012
3.
Tony Scott war ein sehr guter Regisseur. Selbst seine hypernervösen Filme wie "Domino" waren auf jeden Fall sehenswert und Teile seiner Arbeit stilbildend. Hollywood verliert einen seiner prägenden Köpfe.
flippert0 20.08.2012
4. Cooler Regisseur
Die visuelle Grandeur seines Bruders erreichter er nicht, aber trotzdem waren einige Werke sehr stimmungsvoll. Vor allem das vielgescholtene 'Hunger' war äußerst atmospärisch. Schade um ihn. Für mich war er so eine Art Bruder im Geiste mit Michael Mann (der ja auch längst seiner poppig bunten TV-Vergangenheit entwachsen ist).
count_zer0 20.08.2012
5. Frage mich...
...immer wiso sich solche Leute das Leben nehmen. Egal welche Probleme er hatte, er hatte sicherlich ein paar Millionen auf dem Konto. Und sein Gesicht ist nicht so bekannt. Da könnte man leicht einfach eine große Menge Bargeld abheben, und sich irgendwo in der Provinz eine Hütte kaufen, und den Rest des Lebens faulenzen oder sonstwas machen. Gerade in einem Land ohne nennenswertem Meldesystem wie die USA.
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