Sklaverei-Drama "12 Years a Slave": Damit gewinnt man Oscars

Aus Toronto berichtet

Sklaverei-Drama "12 Years a Slave": Mit dunkler Geschichte auf Oscar-Kurs Fotos
TOBIS

Das Filmfestival in Toronto gilt als Testlabor für mögliche Oscar-Kandidaten. Seit der umjubelten Premiere von "12 Years a Slave" steht fest: Am ebenso gewaltigen wie poetischen Sklaverei-Drama des britischen Regisseurs Steve McQueen wird keine Preis-Jury vorbeikommen.

So einig sind sich US-Kritiker selten: "12 Years A Slave is the must-see movie of the year, and should win all the Oscars", schrieb der Filmexperte der News-Website "Buzzfeed" erregt in seiner Rezension. Das Branchenblatt "Hollywood Reporter" bescheinigte dem Filmfestival in Toronto, wo der Film am Freitagabend Premiere feierte, einen klaren Gewinner im Programm zu haben.

Toronto gilt als Signalgeber für die Oscar-Saison. In der kanadischen Metropole stellen die großen US-Studios ihre prestigeträchtigsten Produktionen vor, testen Kritiker- und Publikumsgeschmack - und starten den "Buzz" für die Saison der Preisverleihungen im Januar und Februar.

"12 Years A Slave" ist erst der dritte Film des britischen Installations- und Konzeptkünstlers Steve McQueen nach dem IRA-Hungerstreik-Drama "Hunger" (2008) und der Sexsucht-Ballade "Shame" (2011). Er basiert auf der realen Geschichte des in Saratoga, New York beheimateten Afroamerikaners Solomon Northup, der 1841 gekidnappt und in den Südstaaten als Sklave verkauft wurde. Nach 12 Jahren Demütigung und Folter gelangte der ehemals freie, gebildete Bürger und begabte Violinist zurück zu seiner Familie. 1853 veröffentlichte er seine Erfahrungen als Buch.

Plötzlich Sklave

Die Versklavung von Afrikanern auf den Zuckerrohr- und Baumwollplantagen, die bis zur Niederlage der Südstaaten im Bürgerkrieg (1861 - 1865) andauerte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der amerikanischen Geschichte. Sie wurde bisher nur vereinzelt im Kino oder Fernsehen behandelt. Am prominentesten in dem TV-Mehrteiler "Roots" (1977), dessen teils elegische Atmosphäre und Tonalität sich in "12 Years A Slave" spiegelt. Im vergangenen Jahr erregte Kino-Querschläger Quentin Tarantino mit seinem Rache-Spektakel "Django Unchained" erneut mediale Aufmerksamkeit für das Thema.

Solomon Northup ist, zu Beginn, ein lebenslustiger, glücklicher Familienvater, ein geachtetes und respektiertes Mitglied der Gesellschaft Neu-Englands. Mit dem selbstverständlichen Stolz des freien Mannes trägt er ein gewinnendes Lächeln ebenso zur Schau wie einen lässigen, blauen Anzug. Als zwei Showbetreiber ihn anwerben, mit ihnen nach Washington D.C. Zu fahren, um dort gegen Geld Violine zu spielen, lässt sich Solomon arglos mit den Weißen ein. Die jedoch machen ihn betrunken und verkaufen ihn an einen Sklavenhändler aus dem Süden. Eine gängige Praxis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem die Abolitionisten-Bewegung per Gesetz neue Sklaven-Importe aus Afrika unterbunden hatte. In der Folge wurde der Nachschub aus den Nordstaaten organisiert.

Der Horror, den Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor im Gesicht trägt, als er in Ketten gelegt erwacht, die langsam dämmernde Erkenntnis, dass er jeglicher Menschenrechte beraubt wurde, dieses für jeden nachvollziehbare Entsetzen verleiht McQueens Film seine besondere Wucht.

Zweifelnde, gequälte Despoten

Nach dem ersten Aufbegehren und den darauf folgenden, krachenden Hieben fügt sich Solomon schnell in das servile, demütige Leben als Sklave ein. Zunächst gerät er an den gemäßigten Master Ford (Benedict Cumberbatch), der in ihm durchaus das Besondere erkennt. Doch als Solomon mit einem Aufseher (Paul Dano) aneinandergerät, der ihn daraufhin lynchen will, ist Feingeist Ford unfähig, ihn zu beschützen. Statt sich gegen seinen dummdreisten und unmenschlichen Sklaventreiber durchzusetzen, verkauft er Solomon an seinen Nachbarn Epps. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Epps, eine historisch reale Figur, ist ein "Slaver" der alten Schule, der glaubt, seinem Menschen-Besitz etwaige Flausen mit der Peitsche austreiben zu können. Er ist allerdings auch ein Trunkenbold, dem seine herrische Gattin vor den versammelten Sklaven Impotenz vorwirft, und der sich lüstern an der blutjungen Patsy (Lupita Nyong'o) vergeht, seiner besten Baumwollpflückerin, deren Anmut er mit Brutalität zu zerstören trachtet. Weil nicht edel sein darf, was den weißen Herrenmenschen als wild und barbarisch gilt.

Es ist dem geradezu unheimlich intensiven und differenzierten Spiel des "Shame"-Stars Michael Fassbender zu verdanken, dass Epps nicht zum Bösewicht-Klischee gerinnt. Stattdessen zeigt sich das Elend des Sklavenhalters, der seine Untaten mit der Bibel rechtfertig, tief im Inneren aber ahnt, dass er sich an der Menschheit versündigt. Epps und Ford, diese zweifelnden, gequälten Despoten, symbolisieren das Elend der historischen Perversion Sklaverei. McQueen illustriert diese Verrottung durch betörende, Fäulnis verströmende Bilder von Mangroven in den Sümpfen Louisianas, die schwer an ihren Ästen tragen.

Fluchthelfer Brad Pitt

In einem Akt totalitärer Unterdrückung zwingt Epps Solomon, Patsy auszupeitschen. Es wäre der Moment, in dem er gegen das Unrecht, das ihm widerfahren ist, gewaltsam aufbegehren könnte: Mit der Peitsche in der Hand, was wäre einfacher, als den Tyrannen zu bestrafen? Doch McQueen, gebunden an seine historische Vorlage, verweigert diesen kathartischen "Django Unchained"-Moment. Solomon gehorcht, und lässt sich, als er zu schwach schlägt, von Ebbs die Knute entwenden, der daraufhin umso furchterregendere Furchen ins Fleisch der jungen Frau treibt.

Am Ende gelingt Solomon dank eines liberalen Kanadiers (Brad Pitt, dessen Firma Plan B den Film produzierte) die Flucht von der Plantage, er kehrt in den sicheren Norden und zu seiner Familie zurück. Patsy und die anderen Sklaven überlässt er ihrem Schicksal. Solomon ist kein Kämpfer und kein Held, nur ein Mensch, der überleben will. McQueen verrät viel über die moralische Zerrissenheit und Bigotterie der Weißen, die ihre Greuel vor sich selbst und ihrem Glauben stets neu rechtfertigen müssen und diese Anstrengung mit Gewalt kompensieren.

Er entlarvt aber auch die Lethargie jener Sklaven, die im Leben nichts anderes kennengelernt haben, als die Gesetzmäßigkeiten der Plantage. Als Solomon in einer erschütternden Szene stundenlang mit einer Schlinge um den Hals auf den Zehenspitzen um sein Leben balancieren muss, gehen die anderen Sklaven um ihn herum ihrem normalen Tagewerk nach, Kinder spielen ausgelassen, trotz seines Todeskampfes.

Es sind solche Bilder, die "12 Years A Slave" zu einem ebenso berührenden wie intellektuell anspruchsvollen Kinoereignis machen. Das britische Schauspieltalent Chiwetel Ejiofor ("American Gangster") brilliert als Solomon in seinem ausgewogenen Porträt eines Mannes, der in einer aussichtslos scheinenden Lage mit dem Wahnsinn und um seine Menschenwürde ringt. Den manchmal etwas zu dramatisch anschwellenden Soundtrack von Hans Zimmer verzeiht man diesem Film ebenso wie seine aufs weiße, intellektuelle Bildungsbürgertum zugeschnittene Hollywood-Konventionalität. Von einem Außenseiter wie Steve McQueen hätte man ein formal und ästhetisch radikaleres Werk erwartet. Aber damit, das weiß niemand besser als Quentin "Django" Tarantino, gewinnt man keine Oscars.

Deutschlandstart am 31. Oktober

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1.
NewsDjango 08.09.2013
Leider geht aus dem Artikel nicht genau hervor, was der Film gewonnen hat, aber ich interessiere mich auf jeden Fall für den Film..
2. Hans Zimmer...
Franz Medardus 08.09.2013
...hat die Musik "komponiert"? Gut zu wissen, dann fällt der Kinobesuch schon mal aus. Des Autors Großmut im Verzeihen ist mir leider nicht gegeben, wenn es um Filmmusik geht.
3.
hk1963 08.09.2013
Zitat von NewsDjangoLeider geht aus dem Artikel nicht genau hervor, was der Film gewonnen hat, aber ich interessiere mich auf jeden Fall für den Film..
Da das Festival noch bis zum 15. geht, vermutlich noch gar keinen :-) Laut Artikel ist der Film aber klarer Favorit.
4. Top..
justizmatze 09.09.2013
Klasse Artikel. Bin gespannt auf diesen Film....
5. Kinogenie
glnf 09.09.2013
Mit Steve McQueen hat das Kino wieder einmal ein rares Talent, vermutlich sogar ein neues Genie gewonnen. Das hatte bereits sein Erstling "Hunger" eindrucksvoll gezeigt, ein äusserst sehenswerter Film mit dem er aus dem Stand in Cannes einen Preis gewonnen hat. Spannend an McQueen ist unter Anderem, wie ihm scheinbar mühelos der Wechsel von seiner sehr reduzierten und konzeptuelle Videokunst zu narrativen Film gelungen ist und das, nebenbei, ohne je eine eigentliche Filmausbildung zu machen. Vielleicht zu seinem Glück übrigens.
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