Toronto Film Festival: Schaulaufen der Oscar-Favoriten
Weltraumaction oder Formel-1-Thriller? Familienkomödie oder Sklavendrama? Beim Filmfestival in Toronto wurden einige der Kino-Schwergewichte der Herbstsaison gezeigt. Darunter waren brillante Arbeiten, die Oscar-Potential haben.
Die Blockbuster-Saison ist vorbei, viel Geld wurde verdient, jetzt geht es um die Preise. Und beim Filmfestival in Toronto (TIFF) gab es das frisch geprägte Tafelsilber der Major- und Independent-Studios aus Hollywood zu betrachten.
Nur wenige der neugierig erwarteten Filme enttäuschten, darunter Bill Condons dramaturgisch problematischer Wikileaks-Thriller "The Fifth Estate" sowie "Third Person", das nachgerade hirnrissige Ensembledrama von Oscar-Gewinner Paul Haggis ("L.A. Crash") oder das leider sehr behäbige Epos "Mandela: Long Walk to Freedom", das erste offiziell abgesegnete Biopic über den südafrikanischen Freiheitskämpfer.
Umso erfreulicher sind die zahlreichen Entdeckungen und Triumphe des Festivals. Hier eine Übersicht der Toronto-Höhepunkte:
"12 Years a Slave": Der dritte Kinofilm des britischen Konzept- und Installationskünstlers Steve McQueen nach seinen gefeierten Dramen "Hunger" und "Shame". Formalästhetisch konventioneller als die Vorgänger, entfaltet die wahre Geschichte eines im 19. Jahrhundert gekidnappten und versklavten Afroamerikaners emotionale und intellektuelle Wucht. Chiwetel Ejiofor brilliert als Mann, der sein kostbarstes Gut verliert, seine Freiheit. Michael Fassbender begeistert als innerlich zerrissener Sklavenhalter. Kaum ein anderer Film wurde in Toronto mehr bejubelt. Wenn der Hype hält, sind multiple Oscar-Nominierungen zu erwarten (Deutschland-Start am 31. Oktober).
"Gravity": Seit sieben Jahren der erste Film des mexikanischen Regie-Hoffnungsträgers Alfonso Cuarón ("Children of Men") - und ein Comeback nach Maß: Sandra Bullock und George Clooney spielen zwei im Orbit der Erde verunglückte Astronauten, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen. "Gravity", in Venedig bereits bestaunt, ist der klare Publikumsfavorit in Toronto. Zugleich hochdramatischer Action-Thriller und anspruchsvolle, visuell beeindruckende Metapher über die Isolation der Seele nach einem Schicksalsschlag (Deutschland-Start am 3. Oktober).
"August: Osage County": Hochkarätige Verfilmung des gleichnamigen Broadway-Erfolgs von Tracy Letts. Eine Mittelwesten-Familie im totalen Meltdown, dargestellt unter anderem von Meryl Streep (die dafür wahrscheinlich ihre 18. Oscar-Nominierung erhalten wird) und einer überraschend explosiven, giftig fluchenden Julia Roberts. Produziert von den Independent-Mogulen Harvey und Bob Weinstein, ist das der große, literarische Stoff, aus dem Oscar-Träume gemacht werden. Hier ist alles drin, wenn die Weinstein-Propaganda-Maschine erst einmal warmgelaufen ist (Deutschland-Start am 9. Januar 2014).
"Can a Song Save Your Life?": Der zweite Trumpf im Ärmel der mächtigen Weinstein-Brüder. Keira Knightley als in New York gestrandete, von der Liebe enttäuschte Songwriterin, Mark Ruffalo als idealistischer, abgebrannter Musikproduzent, ein Traumpaar in einer rührenden, sehr charmanten Komödie über die Einsamkeit der Stars und die Tücken der Pop-Industrie. Der Soundtrack allein verspricht ein Hit zu werden, Teenies werden mit Maroon-5-Frontmann Adam Levine gelockt, der Keiras Verflossenen spielt. Und ja: Keira kann singen! Könnte zu einem ähnlichen Abräumer werden wie einst "Once" (Deutschland-Start am 1. Mai 2014).
"Rush": Amerikaner (und Kanadier) haben zwar keine Ahnung, wer Niki Lauda ist, dennoch gehörte Ron Howards rasante Verfilmung des dramatisch endenden Formel-1-Duells zwischen James Hunt (Chris Hemsworth) und Lauda Ende der Siebziger zu den großen Publikumsrennern in Toronto und wurde von der Kritik gleichermaßen bejubelt. Vor allem Hauptdarsteller Daniel Brühl dürfte mit seiner famosen Lauda-Darstellung seinen internationalen Durchbruch erleben. In Toronto blickt der Deutsche einem von beinahe jeder Wand entgegen, von den zahlreichen Plakaten für "Rush" und "The Fifth Estate", in dem er, nicht minder beherzt, den Assange-Intimus Daniel Domscheit-Berg verkörpert. Oscar-Nominierung für Brühl? Warum nicht? (Deutschland-Start am 3. Oktober).
"Prisoners": Krimis, wie jeder Genre-Film, haben es zumeist schwer bei den Oscars, dem frankokanadischen Regisseur Denis Villeneuve könnte allerdings das Kunststück gelingen, sich zwischen die Familien-, Historien- und Sozialdramen zu schummeln. So atmosphärisch dicht, spannend erzählt und brillant gespielt ist sein abgründiger Entführungs-Thriller. Hugh Jackman zeigt eine seiner besten Leistungen als allmählich durchdrehender Vater einer verschwundenen Tochter, Jake Gyllenhaal begeistert als düsterer, somnambul agierender Detektiv, der nach und nach eine religiös motivierte Verbrechensserie aufdeckt. Erinnert in Tonalität und Machart an David Finchers Meisterwerke "Sieben" und "Zodiac" (Deutschland-Start am 10. Oktober).
"Dallas Buyers Club": Ein auf einer realen Biografie basierenden Außenseiterkandidat, der überraschend zu den Favoriten des Festivals zählte. Matthew McConaughey spielt den tödlich an HIV erkrankten Ron Woodroof, der sich in den achtziger Jahren dafür einsetzte, alternative Medikamente für Aids-Kranke ins Land zu schmuggeln und zu verkaufen. McConaughey, der sich fast bis zum Skelett herunterhungerte für die Rolle, dürfte hier die Leistung seines Lebens abgeliefert haben. Eine Oscar-Nominierung dürfte ihm ebenso sicher sein wie dem kanadischen Regisseur Jean-Marc Vallée ("C.R.A.Z.Y.", "Café de Flore") (Noch kein deutscher Starttermin).
"Labor Day": Eine Schnulze, fast zu schön, um nicht im Kitsch zu versinken. Kanadier Jason Reitman ("Juno", "Up in the Air") traut sich diesmal das große Drama, ganz ohne Ironieschutz, zu. Kate Winslet als vereinsamte, sexuell frustrierte Kleinstadtmutter eines zehnjährigen Sohns, Josh Brolin als Gefängnisflüchtling, der im Haus der beiden Zuflucht sucht und sich vom bedrohlichen Geiselnehmer zum willkommenen Lover und Ersatzvater wandelt. Feelgood-Movie of the Year! (Deutschland-Start am 24. April 2014)
"Philomena": Manche Kritikerkollegen sagen bereits, dass Dame Judi Dench den Oscar sicher hat. Man wird sehen (siehe auch: Meryl Streep, Julia Roberts). Im neuen Film von Brit-Meister Stephen Frears ("High Fidelity") spielt sie eine Ordensschwester, deren uneheliches Kind in den Fünfzigern von fiesen Nonnen in die Fremde verkauft wird. Im hohen Alter versucht sie, ihren Sohn wiederzufinden und begibt sich zusammen mit einem zynischen Journalisten (Steve Coogan) auf einen berührenden und sehr amüsanten Roadtrip. Fair wäre es, neben Dench auch den wie immer brillanten Coogan auszuzeichnen. (Deutschland-Start am 27. Februar 2014).
"Enough Said": James Gandolfini (mit Julia Louis-Dreyfus) in einer seiner letzten Rollen
Ein paar weitere potentielle Preisträger hat Hollywood immer noch im Ärmel, sie wurden für Toronto nicht rechtzeitig fertig: George Clooneys Weltkriegs-Rachethriller "The Monument Men" zum Beispiel gehört zu den sicheren Höhepunkten des Winters. Auch Martin Scorseses Finanzdrama "The Wolf of Wall Street" muss erst noch anlaufen, ebenso wie David O. Russells Zeitgeschichts-Thriller "American Hustle" über den sogenannten ABSCAM-Skandal des FBI Ende der Siebziger, der die "Silver Linings"-Stars Jennifer Lawrence und Bradley Cooper erneut vor der Kamera vereint. Und dann wären da noch die hinreißende Musiker-Tragikomödie "Inside Llewyn Davis" der Coen-Brüder, die bereits in Cannes zu sehen war, sowie Paul Greengrass' Somalia-Piraten-Drama "Captain Philips" mit Tom Hanks als Frachterkapitän in Nöten. Und das sind erst die Amerikaner!
Und da niemand weiß, wie das Rennen um die Oscars tatsächlich ausgeht, gilt auch hier der schöne Satz: Alle Angaben ohne Gewähr.
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Volker Hage:
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