Berlinale-Gewinner "Touch Me Not" Um Sex geht es hier nicht!

Als Sexfilm gründlich missverstanden, kommt der Berlinale-Gewinnerfilm "Touch Me Not" nun in die Kinos. Er wagt ein Experiment: Wie entsteht Nähe zwischen fremden Körpern?

Alamode

Alles taucht Adina Pintilie in Weiß - für ihren ambitionierten Versuch, in aller Freundlichkeit und Freiwilligkeit an die persönlichen Grenzen dreier Menschen zu gehen. Ob im Hotelzimmer, beim Workshop oder in den Gängen eines nach Krankenhaus riechenden Gebäudes: Die kleine Welt des bei der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Projekts "Touch Me Not" ist ein Labor. Von einem geschützten Raum ist die Rede, und die Regisseurin selbst zeigt etwas schüchtern ihr Gesicht. Sie blickt in die Kamera, aber nicht primär, um die Kinozuschauer zu adressieren, sondern um ihre Protagonisten anzublicken.

Am meisten redet Pintilie mit Laura, einer Frau mittleren Alters, die nicht gern berührt werden will, sich aber vorgenommen hat, ihre Ängste zu überwinden. Auch sie ist schüchtern. Laura sitzt angespannt in einem großen Sessel, während sie einem Callboy beim Masturbieren zuschaut. Eine Szene, wie geschrieben für den Film. Sie will mit ihm reden, etwas über seine Tattoos erfahren, er erzählt nur widerwillig. Wir sehen seinen nackten Körper, die Tinte auf der Haut und einige stark geformte Muskelpartien, nicht aber sein Gesicht. Eine Versuchsanordnung, die die Menschen herausfordert, die sich vor die Kamera trauen. Um dieses Sich-Trauen geht es - und die Bravour der kleinen Schritte.

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"Touch Me Not": Experimente zwischen Körpern

Bedächtig wird das inszeniert. Bei aller Unklarheit, was dokumentarisch, was erfunden ist, betont "Touch Me Not" sanft den Ernst der Situation. Laura ist eine Schauspielerin (und nicht die einzige) in diesem Film, der die Grenzen verwischt und das Allgemeingültige im Privaten sucht. Meistens filmt Pintilie Begegnungen. Selbst aus größter Nähe wirkt ihr Blick dabei noch respektvoll distanziert. Christian, ein körperlich schwer behinderter Mann, hat einen funktionierenden Penis und ein erfülltes Sexleben mit seiner Freundin. In einer Art Selbsterkundungs-Workshop hilft er Tómas, dem seit Kindesalter nirgends mehr Haare wachsen, sich seiner unausgesprochenen Hemmungen bewusst zu werden.

Um Sex geht es kaum

Die Beziehung von Tómas und Christian ist der Ankerpunkt eines transgressiven Potenzials. Christian fordert Tómas heraus, und die Intimität, die sie unter therapeutischen Anweisungen miteinander aufbauen, ist etwas anderes als das, was man sich so unter Sexualität vorstellt. Eher fragt der Film, was es heißt, mit anderen zu interagieren und sich verwundbar zu zeigen. Tómas fällt es nicht leicht, mit Christians sichtbarer Behinderung umzugehen - ein Unwohlsein, das die Kamera durch Zurückhaltung dämpft.


"Touch Me Not"
Rumänien 2018
Buch und Regie: Adina Pintilie
Darsteller: Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein
Verleih: Alamode Film
FSK: Ab 16 Jahren
Länge: 123 Minuten
Start: 1. November 2018


Pintilies Originalität besteht denn auch darin, einen Film über intime Grenzen für ein bürgerliches Publikum zu inszenieren: geschmeidig, aber ohne die Dinge in Wohlgefallen aufzulösen. Sie vermeidet Eindeutigkeiten, indem sie Situationen antriggert, ohne sie auszuerzählen, und eröffnet ein Panorama unterschiedlicher Wirklichkeiten. Um Sex geht es dabei kaum.

Auf den ersten Blick ist "Touch Me Not" ein durchaus raffinierter Film, auf den zweiten Blick aber auch erstaunlich erkenntnisarm. Radikale Ehrlichkeit ist ein Konzept, das immer wieder aufscheint: Sagen, was man denkt, egal wie sehr es schmerzen kann. Die Regisseurin setzt sich dafür selbst auf die Couch. Sie erzählt von einem Traum, in dem ihre Mutter nackt vor ihr steht und den Sex von Pintilie mit ihrem Partner unterbricht. Es ist eine intime Geschichte, zweifelsohne, die aber völlig ohne Bedeutung bleibt, weil man so wenig weiß über die Menschen und die Zusammenhänge, in denen sie leben und lieben.

Im Video: Der Trailer zu "Touch Me Not"

Alamode

Geld, Status, Macht, Herkünfte und Kontexte: Pintilie blendet sehr vieles aus. Ist Laura eine einsame reiche Frau, die sich tagtäglich in Hotelzimmer einbucht, um Callboys zu rufen? Oder ist der sterile Raum doch eher ihre Wohnung, und den Callboy hat die Filmproduktion bezahlt? Überhaupt, wer leistet sich welche Sexualität? An dieser Stelle könnte es schmutzig werden, doch das lässt der Film nicht zu. Stattdessen schleichen die Protagonisten weiter irgendwelche Gänge entlang und flüstern sich Worte zu, die ihnen und dem Film bedeutsam erscheinen. Hoffentlich haben sie jemanden berührt.

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