Traffic Im Herzen der amerikanischen Finsternis

Hollywood wird mutiger: Steven Soderbergh drehte einen ungewöhnlichem Film über den sinnlosen Krieg der Amerikaner gegen sich selbst und gegen die Drogen. Obwohl es in "Traffic" weder Helden noch Sieger gibt, gewann der Film vier Oscars.

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Oscar-Gewinner und Sympathieträger: Benicio Del Toro gerät als mexikanischer Polizist in den Machtkampf der Drogenbosse
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Oscar-Gewinner und Sympathieträger: Benicio Del Toro gerät als mexikanischer Polizist in den Machtkampf der Drogenbosse

Bester Film wurde er nicht. Der begehrteste aller Oscars ging an einen Film über einen guten Krieger, der im Kampf gegen die Unmoral im Alten Rom alles verliert, sogar sein Leben. Doch auch wenn der Gladiator am Ende stirbt, so stirbt er doch aufrecht und integer. Im Krieg gegen das Böse muss das Individuum halt manchmal dran glauben, das Gute bleibt jedoch ewig bestehen. In Hollywood hat alles seine Ordnung.

Vielleicht ist auch Ridley Scotts nun oscarprämiertes Epos eine Allegorie auf das Amerika von heute, wenngleich eine, deren Formen und Charakter-Klischees uns hinlänglich bekannt sind. Ganz anders Steven Soderberghs "Traffic", jener Film, der das Prädikat "Bester Film des Jahres" schon eher verdient hätte, doch das wäre von der auf griffige Schemata eingeschworenen Kinoindustrie zugegebenermaßen zu viel verlangt. Immerhin ergatterte "Traffic" vier Oscars, nur einen weniger als "Gladiator".

Eine mutige Entscheidung der Academy, denn Soderberghs Film beantwortet - ganz hollywooduntypisch - keine Fragen, er zeigt in seinem lakonischen Episodenfilm lediglich, wie der Stand der Dinge im Krieg der USA gegen die Drogen und die eigene Gesellschaft ist. Sein beklemmendes Fazit: Nichts ist in Ordnung.

Im Herzen der Angst

"Traffic" beginnt im Herzen der Angst Amerikas, in Mexiko, das der Regisseur in giftig-gelben Tönen zeigt. Aus Mexiko, so beharrt die US-Regierung nicht nur im Kino, kommen die illegalen Einwanderer, und der Abschaum bringt auch die teuflischen Drogen ins Land. Eine populistische Lüge, aus blinder Hilflosigkeit geboren.

Ein Drogenfahnder der örtlichen Polizei (Cool: Benicio Del Toro) hat einen kleinen Sieg errungen. Auf einer staubigen Landstraße nimmt er einem Dealer seine Sucht erzeugende Fracht ab. Doch die Freude währt nicht lange, denn das korrupte mexikanische Militär hat ebenfalls seine Finger im Spiel mit den lukrativen Drogen und nimmt ihm die Ware wieder ab. Sie braucht den Stoff, um das örtliche Drogenkartell zu übervorteilen und dessen Platz einzunehmen. Der ob dieser Erkenntnis desillusionierte Polizist wird in die Machenschaften seiner Regierung verwickelt, kann sich am Ende aber durch geschicktes Taktieren in eine sichere Neutralität retten.

Blaue Kälte im Zentrum der Macht

Er kämpft einen Krieg, der schon verloren ist: Michael Douglas als karrieresüchtiger Politiker
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Er kämpft einen Krieg, der schon verloren ist: Michael Douglas als karrieresüchtiger Politiker

Szenenwechsel: In Washington übernimmt ein wohlhabender und karrieresüchtiger Politiker aus dem Süden (Michael Douglas) das Amt des obersten Drogenbekämpfers der USA. Die Szenen im Zentrum der Macht sind in stahlkalten Blautönen gehalten, die ungemütliche Kühle signalisieren. Der Politiker tritt an, um dem vermeintlich Unheil bringendem Gesindel jenseits der Grenze das Handwerk zu legen. Doch den unpopulären Job übernimmt er nur, um auf der Karriereleiter noch schneller weiter nach oben zu kommen. Was er (noch) nicht weiß: Das Drogenproblem hat schon längst nichts mehr mit armen, südamerikanischen Schluckern zu tun - es sitzt bereits tief im dekadenten Schoß der feinen Gesellschaft.

Die ebenso übersättigte wie intelligente Tochter des Politikers (brillant: Erika Christensen), hat sich nämlich längst von ihren Elite-Unifreunden zum Konsum harter Drogen überreden lassen und prostituiert sich schließlich für den Stoff, während ihr Vater nach Mexiko reist, um (natürlich unwissentlich) mit den neuen Kartellbossen über gemeinsame Strategien zu beraten.

Soderbergh zeigt den Teenager nicht wie einen typischen Hollywood-Drogenjunkie, er bildet lieber die Glückseligkeit in ihren Augen, ihre Verzückung und ihre Flucht in eine betäubte Welt ab, statt ihr Elend und ihre Verkommenheit zu betonen.

Am Ende erkennt der Drogenpolitiker seine Verirrung und tritt zurück, resigniert, um sich seiner Familie zu widmen. Ohne Effekt: Auf seinen Posten wartet wahrscheinlich schon der nächste Karrierist. Und auch zu Hause erreicht er nichts. Ironischerweise steckt er seine Tochter in eine jener Selbsthilfegruppen, die zwar auf quälende Weise die Reue und Katharsis des Opfers erwirken, nicht aber die Ursache des Problems bekämpfen. Eine wiederum sehr amerikanische Lösung.

Die notgedrungene Drogenbaronin

Übernimmt das Drogengeschäft ihres Mannes: Catherine Zeta-Jones als Mutter mit Existenzängsten
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Übernimmt das Drogengeschäft ihres Mannes: Catherine Zeta-Jones als Mutter mit Existenzängsten

In einem weiteren Handlungsstrang stellt uns Soderbergh außerdem die gutsituierte kalifornische Mutter zweier Kinder (Catherine Zeta-Jones) vor, deren in der Gesellschaft hoch angesehener Ehemann sich als Drogenboss entpuppt. Er wird von einem amerikanischen Drogenfahnder (Don Cheadle) entlarvt, der zwar, um die Information zu bekommen, einen mexikanischen Zwischenhändler zum Reden bringen konnte, dafür aber bei einem blutigen Anschlag seinen Partner verliert. Die vom Doppelleben ihres Mannes völlig überraschte Frau sieht ihre Existenz bedroht und entscheidet sich schließlich aus pragmatischen Gründen, das Geschäft ihres Mannes knallhart fortzuführen. Die Schlussszene zeigt die notgedrungene Gangsterlady auf einer luxuriösen Party mit ihren neuen Geschäftspartnern, auf der plötzlich der zornige Drogenfahnder auftaucht. Er ist zwar machtlos, signalisiert er ihr, aber er wird nicht locker lassen.

Frontschweine als Sympathieträger

Steven Soderbergh: Regie-Oscar für den mutigsten Film des Jahres
AP

Steven Soderbergh: Regie-Oscar für den mutigsten Film des Jahres

Der amerikanische Drogenfahnder und der mexikanische Polizist sind die einzigen Figuren in Soderberghs wirkendem Film, denen am Ende Sympathie zuteil werden darf. Sie sind die zerquälten, hartnäckig kämpfenden Frontschweine einer sinnlosen Politik, die nur von der allumfassenden Verflechtung von Drogen und Gesellschaft ablenken soll.

"Traffic", oft verstörend dokumentarisch anmutend und von Soderbergh selbst über weite Strecken mit Handkamera gedreht, zeigt die Mächtigen genauso wie die Süchtigen, will sich aber bewusst auf keine Seite schlagen, klagt noch nicht einmal an.

Sein Ziel ist es nur, abzubilden, wie sich eine Gesellschaft selbst belügt und sich damit immer mehr von der Lösung des Problems entfernt. "George W. Bush wäre großartig, wenn er zugeben würde, in den siebziger Jahren eine Menge Koks genommen zu haben", sagte Soderbergh einmal, ein Bekenntnis, das einer Menge Leute helfen würde, glaubt er.

Das Gute bleibt also vielleicht wirklich ewig bestehen. Zumindest, solange es wache Regisseure wie Soderbergh gibt, die ungewöhnliche Filme wie "Traffic" drehen und von mutigen Juroren dafür belohnt werden. Das dankbare Publikum machte "Traffic" ohnehin zu einem der Kinoerfolge des letzten Jahres. Der Drogenkrieg mag verloren sein, Hollywood vielleicht noch nicht ganz.

"Traffic". USA 2000. Regie: Steven Soderbergh; Buch: Stephen Gaghan; Darsteller: Michael Douglas, Benicio Del Toro, Catherine Zeta-Jones, Don Cheadle, Erika Christensen, Luis Guzmán, Dennis Quaid; Länge: 147 Min.; Verleih: Fox; Start: 5. April 2001



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