Tragikomödie "Das Leben gehört uns": Liebestrunken ohne Scham

Von Johan Dehoust

Kitsch? Kein bisschen! Auch wenn seine Protagonisten Roméo und Juliette heißen, ist der französische Film "Das Leben gehört uns" ein echtes, ein bewegendes Stück Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und werden auf eine furchtbare Zerreißprobe gestellt.

Was soll man von einem Film halten, dessen Protagonisten Roméo und Juliette heißen? Nicht viel, oder? Zu oft schon wurde Shakespeares Liebespärchen auf die Leinwand kopiert, als dass mit diesem Namenspaar nicht automatisch ein lautes Kitschgeläut einher klingen würde. Viel abgenudelter geht es nicht, denkt man also, als Roméo und Juliette einander zu Beginn des Films "Das Leben gehört uns" in einer Kneipe antanzen.

Aber: Nicht nur als Zuschauer mag man nicht an dieses Zusammentreffen glauben, auch die Figuren selbst sind fassungslos. "Machst du Witze?", fragt Juliette, als sich die beiden gegenseitig unter schwerem Bassgegrummel vorstellen. Ein erzählerischer Kniff, klar. Trotzdem löst diese ironisch-charmante Kommentierung die gerade noch gehegte Ablehnung auf - und, schwupps, verkehrt sie ins Gegenteil.

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Tragikkomödie „Das Leben gehört uns“: Liebestrunken ohne Scham
Nein, diesem kleinen Film kann man nichts lange übelnehmen. Und dafür gibt es drei Gründe: Der erste sind die Liebenden selbst. Schnell nimmt man hin, dass die Protagonisten so heißen, wie sie nun mal heißen. Es erscheint einem sogar fast logisch: Der Zauber, den das von Valérie Donzelli, 39, und Jérémie Elkaïm, 31, gespielte Paar entfaltet, ist überwältigend. Wie sie durch Paris tänzeln, wie sie Zuckerwatte zupfen, wie sie sich über ihren gemeinsamen Sohn Adam freuen, ist - man kann gar nichts dagegen machen - wahnsinnig herzallerliebst.

Ja, es könnte noch eine Weile so weitergehen. Aber dann passiert, was diese fatale Namenskombination von Beginn an heraufbeschwört: Aus der Komödie wird langsam eine Tragödie.

Techno-Beats und Vivaldi-Streicher

Juliettes und Roméos Kind, der kleine Schreihals Adam, entwickelt sich nicht so wie die anderen Kinder in der Krippe. Er übergibt sich häufig und hält seinen Kopf schief. Sich einzugestehen, dass das eigene Kind anders ist, fällt Roméo und Juliette schwer. Es entspinnt sich ein Hin und Her zwischen gegenseitigen Vorwürfen und Treueschwüren. Und als ein Arzt feststellt, dass in Adams Kopf ein Tumor wächst, wird aus ihrem Liebesrausch immer mehr ein Liebesbrand. Mal liegen sie im Krankenhaus eng aneinandergekuschelt neben dem Bett ihres todkranken Sohnes, mal streiten sie sich draußen auf dem Flur. Ein Ziel nur verlieren sie dabei nie aus dem Blick: Adams Heilung.

Der zweite Grund für den Zauber dieses Films ist noch einfacher: Es ist ein französischer. Zugegeben, das klingt ein wenig platt. Aber in wohl keinem anderen Land gelingt es Regisseuren so häufig, einen zunächst banal und schwülstig anmutenden Stoff so vielschichtig und trotzdem lebensbejahend umzusetzen - man schaue sich nur "Ziemlich beste Freunde" oder "Die fabelhafte Welt der Amélie" an. Immer wieder die haargenau richtige Kombination aus Musik, Bildern und Sprache, dass Zuschauer lebenstrunken aus Kinosälen torkeln, ohne sich für ihren Dusel zu schämen. Und genauso ist das auch in "Das Leben gehört uns".

Bunt glitzernde Jahrmärkte wechseln sich mit grauen Krankenhauswänden ab; der Sound springt von Techno-Beats zu Streicherklängen von Vivaldi; die Protagonisten hauchen sich in der einen Szene blumige Worte in die Ohrmuschel und brüllen in der nächsten ihren Frust in den Wind. Ein Stück Leben. Das Drehbuch hierzu haben übrigens Valérie Donzelli und Jérémie Elkaïm, die beiden Darsteller, geschrieben. Und Donzelli hat auch Regie geführt. Die zwei Schauspieler waren bis vor einiger Zeit ein Paar und haben das im Film Erzählte selbst erlebt.

Und das ist der dritte Grund, warum aus ihrer Geschichte kein sentimentaler Kitsch, sondern ein echt bewegender Film geworden ist.


Das Leben gehört uns. Start: 26.4. Regie: Valérie Donzelli. Mit Jérémie Elkaïm, Valérie Donzelli.

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h.hass 26.04.2012
Zitat von sysopPROKINOKitsch? Kein bisschen! Auch wenn seine Protagonisten Roméo und Juliette heißen, ist der französische Film "Das Leben gehört uns" ein echtes, ein bewegendes Stück Leben. Ein junges Paar verliebt sich ineinander und wird auf eine furchtbare Zerreißprobe gestellt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,829696,00.html
Der Vergleich mit dem überschätzten, vorhersehbaren, klischeehaften, bestenfalls schauspielerisch überzeugenden "Ziemlich beste Freunde" lässt schlimmes ahnen. Bei diesem Film wusste man nach fünf Minuten genau, was passieren würde. Seltsam, dass ausgerechnet er als Kontrastprogramm zum pööösen Hollywood-Kino empfohlen wurde, wo er doch nach Schema F konzipiert wurde. Wie dem auch sei: Ob die französischen Filme wirklich so viel besser sind als die - zugegeben größtenteils unerträglichen und öden - deutschen, darf man schon infrage stellen.
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