Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tragikomödie "Another Year": Kippen, Bier und Lebensgier

Von

Wenn die Freunde den Kühlschrank leertrinken: In "Another Year" erzählt Meisterregisseur Mike Leigh von einem perfekten Paar, das einer Reihe ziemlich unperfekter Leute Unterschlupf gewährt. Eine leise Komödie, die mit der Unausweichlichkeit der Jahreszeiten in menschliche Abgründe führt.

Tragikomödie "Another Year": Helden des britischen Alltags Fotos
Prokino

Freunde können eine echte Plage sein. Besonders die richtig guten. Sie ertragen jeden Fehltritt, jeden Ausfall, jede eigentlich unverzeihliche Tat mit dem größten Gleichmut. Das eigene Versagen wird einem dadurch nur umso schmerzlicher bewusst. Können diese Loyalitätskolosse nicht wenigstens mal so richtig zürnen und aufgebracht die Tür hinter sich zuschmeißen?

Nein, so was wird man bei Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) nicht erleben. Die beiden sind nicht nur die perfekten Freunde, sie bilden gleich auch noch das perfekte Paar. Vor dem Herd reicht der eine dem anderen wortlos das richtige Gewürz, im Gespräch mit Gästen beendet einer zärtlich den Satz des anderen. Wer genau hinhört, der erfährt, dass die beiden Mittfünfziger auch im Bett noch bestens harmonieren. Und das Schlimmste ist: Tom und Gerri spielen das alles nicht vor. Die sind wirklich so.

Der soziale Anhang des Pärchens sieht die beiden deshalb mit gemischten Gefühlen: Einerseits freuen sich die Freunde, dass sie in der gemütlichen Wohnküche auch in den desolatesten Lebenslagen Asyl finden, andererseits führt ihnen das Familienglück von Tom und Gerri die eigene Misere nur umso deutlicher vor Augen.

Mary, ein Sperrfeuer der schlechten Laune

Da ist zum Beispiel der gute alte Kumpel Ken (Peter Wight), der in schneller Taktung Bier, Wein und Whisky in seinen klobigen Körper hineinschüttet, um dann nachts im Garten auf der alten Kinderschaukel in Tränen auszubrechen über die Leere in seinem Leben. Und da ist Toms Bruder Ronnie (David Bradley), ein wortkarger Witwer aus Englands grauem Norden, der vom eigenen Sohn verflucht wird. Tom und Gerri peppeln ihn in ihrem Londoner Vorortidyll seelisch auf.

Das schrägste Wesen in diesem Paradies der Ungeliebten aber ist Mary (Lesley Manville), die all die verpassten Chancen in ihrem Leben bei Unmengen Kippen und randvoll geschenkten Gläsern Chardonnay betrauert. Als eine Art Sperrfeuer der schlechten Laune agiert diese Freundin; zum unablässig ausgestoßenen Tabakqualm dampfen Selbstzweifel, Menschenhass und desolate Lebensgier aus jeder ihrer Poren.

Kein Grund für Tom und Gerri, Mary umerziehen zu wollen. Und erst recht kein Grund, ihr die Freundschaft zu kündigen. In diesem Punkt sind die beiden ganz die Schrebergärtner, die in einer grünen Parzelle vor der Stadt ernten, was sich so unter den Wolken Großbritanniens aus der Erde heraustraut: Wenn die Tomaten besonders prall und rot sind, freuen sich die beiden; ein paar schrumpelige Kartoffeln werden aber ebenso gefeiert. Bei Tom und Gerri wird nicht gedüngt und gerupft, stattdessen spricht man bei Bedarf mit dem Grünzeug. Unkraut, klar, lässt man stehen. Flurbereinigung ist nicht so die Sache von Tom und Gerri, weder in sozialer noch in floristischer Hinsicht.

Als betont ruhigen Zyklus der Jahreszeiten hat der große britische Sozialtragöde Mike Leigh sein Freundschaftsstück angelegt. Frühling und Sommer, Herbst und Winter: Das Jahr zieht dahin, die Freunde bleiben. Aber ist das Leben wirklich ein langer ruhiger Fluss? Nicht wirklich: Mit der Unausweichlichkeit der Jahreszeiten führt "Another Year" - da darf man sich nicht vom Humor in die Irre leiten lassen - schließlich in die menschlichen Abgründe der Protagonisten.

Märchenonkel werden zu Helden des britischen Alltags

So gesehen schließt "Another Year" an Leighs gefeierten Großstadtreigen "Happy-Go-Lucky" von 2008 an: Wie dort steckt auch hier der Teufel oft im lustigen Detail. Etwa wenn die Schnapsdrossel Mary unterm drolligen Gezwitscher immer aggressiver ihre Umwelt attackiert und sich bei jedem Versuch der Kontaktaufnahme noch stärker isoliert. Hier regiert die große Schauspielkunst, die unterschiedlichste Emotionen in ein und derselben Szene auszubreiten versteht.

Ein ganzes Jahr hat sich Mike Leigh für "Another Year" mit seinen Darstellern an die Charaktere heranimprovisiert, die meisten der Schauspieler gehören schon ewig zu seiner Stammmannschaft. Typen sind das, die aufgrund ihrer ausladenden Nasen oder windschiefen Visagen in Hollywood auf den Sidekick-Status abonniert sind. Viele der hier Mitwirkenden mussten ihre pittoresken Physiognomien schon an diverse "Harry Potter"-Verfilmungen ausleihen.

Leigh aber erhebt die Märchenonkel und Fantasy-Tantchen zu Helden des britischen Alltags. Und das seit Jahrzehnten: Mit Ruth Sheen etwa hat der einstige BBC-Serienfilmer bereits 1988 seine Kulturclashkomödie "High Hopes" in Szene gesetzt, mit Peter Wight 1993 das Gewaltdrama "Naked". Und Jim Broadbent war schon 2004 in Leighs Engelmacherinnen-Kammerspiel "Vera Drake" zu sehen. Dessen Hauptdarstellerin Imelda Staunton setzt nun mit einem Gastauftritt gleich zu Anfang von "Another Year" ein böses Fanal: Da bittet sie die als Therapeutin arbeitende Mary in einer Sprechstunde, sie möge ihr doch Schlaftabletten besorgen, damit diese Misere namens Leben endlich ein Ende finde.

So gesehen versprüht "Another Year" trotz des Wiedersehens mit den in die Jahre gekommenen Leigh-Protagonisten keinerlei Veteranen-Nostalgie oder Altersmilde. Bei aller Herzlichkeit, mit dem das Vorzeigepärchen ein Hafen für all die Gestrandeten und Gebrochenen, für die Nikotinwracks und Dosenbierjunkies bietet: Im Spiegel dieser beiden Glücksbärchen offenbart sich das Scheitern der anderen nur umso grausamer. Ehrlich, gute Freunde können eine Gemeinheit sein.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Pfeffer?
HHeureka 27.01.2011
Zitat von sysopWenn die Freunde den Kühlschrank leer trinken: In "Another Year" erzählt Meisterregisseur Mike Leigh von einem perfekten Paar, das einer Reihe ziemlich unperfekter Leute Unterschlupf gewährt. Eine leise Komödie, die mit der Unausweichlichkeit der Jahreszeiten in menschliche Abgründe führt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,741179,00.html
Ich war bisher der irrigen Meinung, dass es 'päppeln' heißen muss, aber SPON-Kultur hat bestimmt Recht. Im Englischen kommt das Wort sicher von Pepper, oder? Wäre mal einen Extra-Artikel wert.
2. Beatles?
marcmerc 27.01.2011
Ich war bisher der irrigen Meinung, dass pepper klein geschrieben wird. Das groß geschriebene Wort 'Pepper' kommt sicher von 'Sgt. Pepper' und den Beatles. Das wäre mal einen extra Artikel wert.
3. päppeln
Emil Peisker 27.01.2011
Zitat von HHeurekaIch war bisher der irrigen Meinung, dass es 'päppeln' heißen muss, aber SPON-Kultur hat bestimmt Recht. Im Englischen kommt das Wort sicher von Pepper, oder? Wäre mal einen Extra-Artikel wert.
Es bleibt bei päppeln = füttern, fettfüttern.:-) Man könnte aus dem englischen Begriff "Pep" = Elan, Schwung, ebenfalls eine Bedeutung herleiten. Allerdings ist päppeln ein anerkanntes Verb im deutschen Duden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Another Year

GB 2010

Regie: Mike Leigh

Drehbuch: Mike Leigh

Darsteller: Ruth Sheen, Jim Broadbent, Peter Wight, Lesley Manville

Produktion: Thin Man Films u.a.

Verleih: Prokino

Länge: 129 Minuten

FSK: o.A.

Start: 27. Januar 2011

Offizielle Website zum Film



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: