Tragikomödie "Das Leben ist zu lang" Schale Scherze auf eigene Kosten

Erektionsprobleme, aber den Kopf voll stimulierender Bilder. Das Vorbild für den trotteligen Filmemacher in der Tragikomödie "Das Leben ist zu lang" ist dessen Regisseur Dani Levy persönlich - seine Botschaft: Eigentlich würde ich ja gern bessere Filme drehen. Soll er doch!

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Ist der deutsche Film eine Lachnummer? Wenn es nach Dani Levy geht, auf jeden Fall. Als Sammelsurium von Egomanen und eitlen Fatzkes stellt er den hiesigen Kinobetrieb in seinem neuen Werk dar. Da ist zum Beispiel der Typ des greisen Produzenten, der eigentlich nur noch deshalb Filme in Auftrag gibt, damit seine junge Freundin eine Rolle bekommt. Da ist das ewige Soap-Sternchen, das so gerne Charakterdarstellerin wäre. Und da ist der Mime mit internationalem Ruf, der sich in der deutschen Medienprovinz als Filmgott feiern lässt.

Am peinlichsten aber ist in diesem Panoptikum der Filmpreisträger (bei Levy mit Anspielungen auf Atze Brauner, Yvonne Catterfeld und Armin Mueller-Stahl in Szene gesetzt) der Typ des Regisseurs: im Bett keinen Ständer mehr, aber den Kopf voller stimulierender Bilder. So trottelt er als impotenter Poet von Filmparty zu Filmparty, um über seine ungedrehten Meisterwerke zu schwadronieren.

Korrekterweise hat Dani Levy sich selbst als Vorbild für diesen Tölpel gewählt: Sein Alter Ego im Film heißt Alfi Seliger, und der Schauspieler Markus Hering hat bei den Dreharbeiten offensichtlich nichts anderes gemacht, als vor der Kamera diesen Typen zu imitieren, der ihm hinter der Kamera Anweisungen gegeben hat: Mit seinen abstehenden Haaren und dem verwirrten Blick hinter dicken Brillengläsern sieht er in "Das Leben ist zu lang" dem echten Levy in zum Verwechseln ähnlich.

Angedachter Titel: "Moha-ha-med"

Gleich am Anfang lässt Levy sein Film-Ebenbild Seliger - von seinen Kollegen verkannt, von den eigenen Kindern verhöhnt - in selbstzerstörerischer Selbstvermarktung über eine Produzentenparty tapsen. Im Jutebeutel hat Seliger sein neues Drehbuch dabei, eine Komödie über den Karikaturenstreit, angedachter Titel: "Moha-ha-med". Das Interesse der versammelten Kinoprominenz an dem neuen Projekt ist bescheiden, dafür erinnern sich alle an Seligers schon 15 Jahre zurückliegende Erfolgskomödie "Das blaue Wunder". Wie wunderbar die war!

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"Das Leben ist zu lang": Sammelsurium von Egomanen
Auch hier spielt Levy auf die eigene Biografie an: Geliebt für seine lässige jüdische Komödie "Alles auf Zucker" (sechs Lolas beim Deutschen Filmpreis 2005) und verhöhnt für seine bemühte Hitler-Reflexion "Mein Führer" (wahrscheinlich keine einzige positive Besprechung im deutschen Feuilleton 2007), leidet Levy wie sein Filmheld Seliger am nur schwierig zu unterwandernden Unterhaltungsgebot der Branche.

Und vielleicht liegt hier auch der Grund für das Scheitern dieser Künstlerselbstbespiegelung: Hinter der ironischen Fassade tut sich bald unendliche Larmoyanz auf. All die Witze, die Levy quasi auf eigene Kosten reißt, enden in dem Hilferuf einer unverstandenen, sinnsuchenden und in die Welt geworfenen Künstlerseele. Zum Finale gerät der fiktive Regisseur denn auch mit dem realen Regisseur aneinander: Da erkennt Seliger, dass er nur eine Erfindung dieses Levy ist und hält mit ihm Zwiesprache.

Sind wir nicht alle, so könnte die große philosophische Frage hinter dem kleinen Trash-Späßchen lauten, nur Spielfiguren in einem Film? Wie gut, wenn man da Regisseur ist und glauben darf, bei diesem Film selbst die Fäden in der Hand zu haben.

Soweit geht die Selbstironie doch nicht

Das aber hat Dani Levy eben leider nicht bei seiner Ego-Show: So wie er am Anfang bei den in Tempo und Timing erschreckend schwachen Szenen über den Filmbetrieb schnell die inszenatorische Hoheit verliert, so verheddert er sich am Ende in seiner Meditation über Wirklichkeit und Filmwirklichkeit.

Die unzähligen Kurzauftritte der deutschen Kino- und Fernsehprominenz etwa haben bei aller Peinlichkeit nichts Entlarvendes: Warum zum Beispiel lässt Levy Veronica Ferres eine russische Möchtegernschauspielerin karikieren, anstatt sie die eigene Rolle als ewig tränenseliges Muttertier auf die Schippe nehmen zu lassen? Nein, soweit geht die Selbstironie der meisten Mitwirkenden dann doch nicht.

Am deutlichsten werden die Mängel, wenn man "Das Leben ist zu lang" mit Andreas Dresens erst letztes Jahr erschienenen Tragikomödie "Whisky mit Wodka" vergleicht, in der ebenfalls die Pathologien und Plattheiten des Metiers ins Visier genommen werden - denn sie erwächst am Ende zu einer formvollendeten und von jedem Selbstbetrug freien Reflexion über die Macht des Kinos, Illusionen zu erzeugen.

"Das Leben ist zu lang" indes wirkt wie der Ausbruchsversuch eines verzweifelten Regisseurs und seiner frustrierten Schauspielerfreunde: Eigentlich würden wir ja gern ganz andere Filme machen.

Entschuldigung, macht sie doch! Aber bitte nicht so.



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