Tragikomödie "Ein freudiges Ereignis": Ein Paar im Windel-Wahnsinn

Von Simon Broll

Tragikomödie "Ein freudiges Ereignis": Vom Umtausch ausgeschlossen Fotos
Camino / Nicolas Schul

Babyblues statt Mutterstolz: In "Ein freudiges Ereignis" erlebt ein Endzwanziger-Paar, was es wirklich heißt, Mama und Papa zu werden - nämlich beileibe nicht nur Spaß. Neu ist das nicht. Doch so ehrlich wurde der Mythos von der glücklichen Elternschaft selten zerpflückt.

"Warum hat mich niemand gewarnt?" - Barbara (Louise Bourgoin, "Das verflixte 3. Jahr") fühlt sich von aller Welt verraten. Sie hatte sich wirklich auf ihr erstes Kind gefreut und dafür sogar die Karriere aufs Spiel gesetzt. Die sichere Stelle an der Universität liegt auf Eis, stattdessen wechselt die Philosophie-Doktorandin nun Windeln, gemeinsam mit Neu-Papa Nicolas (Pio Marmaï). Das Kind sollte die Erfüllung ihres Lebens sein. So hatte man es den beiden erzählt.

Doch die Realität sieht anders aus. Zwischen Babygeschrei in der Nacht, Ärger mit dem Doktorvater und einem überforderten Partner will sich kein Mutterglück bei Barbara einstellen. Die Freude auf das Wunschkind, von Frauenzeitschriften und der Werbung propagiert, ist der Ernüchterung gewichen. Und ständig drängt sich die Frage auf: Liegt es an mir?

In seiner dritten Regiearbeit zerlegt der Franzose Rémi Bezançon beeindruckend ehrlich den Mythos der glücklichen Elternschaft. Bereits der Filmtitel "Ein freudiges Ereignis" ist ironisch gemeint: statt Ekstase empfindet Barbara vor allem Angst, wenn sie ihre Tochter Léa in den Armen hält. So hat es die Schriftstellerin Éliette Abécassis in ihrem gleichnamigen, teilweise autobiografischen Roman angelegt, auf dem der Film basiert. Abécassis schilderte die Geburt als Grenzerfahrung, als Eingriff in den Körper und auf die Psyche der Frau. Das Buch löste in Frankreich eine Debatte aus. Und erregte das Interesse von Bezançon.

Kubrick, Enterprise und Lebensdrama

Der Regisseur, bekannt für seine tragikomischen Gesellschaftsporträts ("C'est la vie - So sind wir, so ist das Leben"), geht das hochsensible Thema zum Glück mit genug Humor an. Dafür sorgt vor allem Barbaras Hippie-Mutter Claire (Josiane Balasko), die der Tochter zur Beruhigung einen Joint anbietet und sie über alternative Erziehungsmethoden aufklärt. Außerdem baut Bezançon immer wieder ein paar lustige filmische Verweise ein: Barbaras Träume mit einem Embryo im Weltall erinnern an Szenen aus "2001" von Stanley Kubrick, sie selbst sieht sich als Crewmitglied des Raumschiffs Enterprise, unterwegs zur unergründeten Galaxie der Mutterschaft.

Die erste Hälfte des Films - von der Begegnung des Paares in einer Videothek bis hin zur Geburt der Tochter Léa - entspricht noch den gängigen Klischees einer Schwangerschaftskomödie. Natürlich hat Barbara als Schwangere mit Gefühlsschwankungen zu kämpfen, natürlich fällt Nicolas während der Geburt im Kreissaal in Ohnmacht. So hat man es schon in anderen Filmen gesehen, etwa in Chris Columbus' "Nine Months" mit Hugh Grant und Julianne Moore.

Umso beeindruckender ist der zweite Teil von "Ein freudiges Ereignis". Hier folgt auf die chaotischen neun Monate der Schwangerschaft kein Wohlgefallen, sondern eine Depression. Das Vorzeigepaar lebt sich immer mehr auseinander, die freizügigen Sexszenen sind einer Schlafzimmer-Einöde gewichen. "Ich kenne kein Paar mit Kindern, das glücklich ist", sagt Barbara.

Auch wenn Bezançon die starke Botschaft mit einem kitschig-versöhnlichen Ende abschwächt, stellt sein Film dennoch wichtige Fragen zu modernen Rollenverhältnissen und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es ist der passende Film zur aktuellen Feminismusdebatte, die von Erfolgsfrauen wie der Yahoo-Vorsitzenden Marissa Mayer und Facebook-Chefin Sheryl Sandberg angestoßen wurde. Frauen können alles haben, lautet deren Motto. Sie müssen sich nur genügend reinhängen.

"Ein freudiges Ereignis" zeigt, wie weit diese Parolen von den Erfahrungen vieler junger Mütter entfernt sind.


"Ein freudiges Ereignis". Start: 4.4. Regie: Rémi Bezançon. Mit Louise Bourgoin, Pio Marmaï, Josiane Balasko.

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insgesamt 102 Beiträge
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1. Ohne Kinder glücklich.
olletolle 04.04.2013
Was ich schon immer ahnte wurde jetzt mal verfilmt. Überforderter Partner, ständiges Gebrüll, nur Nerverei, Job weg. Das wusste ich schon vor 35 Jahren und habe entsprechend dafür gesorgt, nicht schwanger zu werden. Besser hätte ich mich nicht entscheiden können.
2. Komisch...
hi-ob 04.04.2013
...die Geburt unserer Tochter war & ist das größte Glück. Natürlich stöhnt man manchmal über zu wenig Schlaf & Arbeit, aber man bekommt es tausendfach zurück. Ziatat:"Ich kenne kein Paar mit Kindern, das glücklich ist", sagt Barbara" Das scheint wohl eher an Barbara zu liegen. Ich kenne kein Elternpaar, das diesen Schritt bereut und ihr Kind am liebsten zurück geben möchte.
3.
deefens 04.04.2013
Zitat von olletolleWas ich schon immer ahnte wurde jetzt mal verfilmt. Überforderter Partner, ständiges Gebrüll, nur Nerverei, Job weg. Das wusste ich schon vor 35 Jahren und habe entsprechend dafür gesorgt, nicht schwanger zu werden. Besser hätte ich mich nicht entscheiden können.
Was für eine primitive Sichtweise auf so ein Thema. Natürlich sind Kinder stressig, der Spruch "die Anfangszeit musst du geniessen" war der Satz den ich zeitweise wirklich verflucht habe. Die erste Zeit ist ist mit Abstand die nervenaufreibendste, vor allem wenn Dreimonatskoliken oder Verdauungsbeschwerden dafür sorgen, dass das Baby nie schläft oder ständig schreit. Meine Kleine ist jetzt knapp 2 Jahre alt, und das ist in meinen Augen die Beste Zeit. Mitzuerleben wie sie sich entwickelt, wie sie die ersten Schritte gemacht hat, die ersten Zweiwortsätze formuliert und auf ihre Umgebung reagiert, das sind Emotionen die unbezahlbar sind. Traurig, wenn man aufgrund der "Nerverei" freiwillig auf diese Erfahrungen verzichtet.
4. alles relativ
atemlos9 04.04.2013
Zitat von olletolleWas ich schon immer ahnte wurde jetzt mal verfilmt. Überforderter Partner, ständiges Gebrüll, nur Nerverei, Job weg. Das wusste ich schon vor 35 Jahren und habe entsprechend dafür gesorgt, nicht schwanger zu werden. Besser hätte ich mich nicht entscheiden können.
1) Wir haben drei Kinder (eins behindert), große Probleme (u. a. wegen der Kinder), und trotzdem sind sie ein Schatz, der einfach unersetzlich ist (eine "Karriere" ist doch kein "Ersatz" für einen Menschen?? Was ist das für ein Dualismus, der hier propagiert wird - absurd). 2) Man möge berücksichtigen, dass ein solcher Film keine Doku ist, sondern polarisieren muss (!), um wenigstens ein Minimum an Publikum ins Kino zu locken.
5. ohne Worte
diam0nd 04.04.2013
Sie haben keine Kinder, dass ist offensichtlich, dem Sie haben keine Ahnung! Ja, das Leben mit Kindern kann manchmal stressig sein, aber man bekommt für all die kleinen Unannehmlichkeiten einen Gegenwert, der nicht zu bezahlen ist und den man sich auch nicht kaufen kann. Da Sie aber keine Kinder haben, erwarte ich auch nicht das Sie das verstehen. Traurig ist es trotzdem. Ein glücklicher Vater einer 15 Monate alten Tochter
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