Tragikomödie über Angstattacken Es kann jede treffen

Unbeschwert tänzelt eine junge Mutter durchs Leben - bis eine Angststörung sie aus der Bahn wirft. In "Hedi Schneider steckt fest" erzählt Autorenfilmerin Sonja Heiss mit warmem Humor von Panikattacken, die sie am eigenen Leib erfuhr.

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Mit verträumtem Blick radelt Hedi Schneider anfangs durch Frankfurt, in geblümtem Kleid und roter Strumpfhose. Die junge Frau, gespielt von Laura Tonke, ist Mitte dreißig, doch im Herzen Kind geblieben. So mädchenhaft wie ihre Kleidung scheint auch ihr Gemüt zu sein. Als sie auf dem Weg zur Arbeit im Fahrstuhl stecken bleibt, meistert sie die Situation wie vermeintlich alles in ihrem Leben: unbeschwert, verspielt. Über die Notrufanlage schäkert sie mit dem Mitarbeiter der Aufzugfirma, bestellt Burger und Pommes. Nach einem Tag im Reisebüro geht sie mit Freund Uli (Hans Löw) und Sohn Finn (Leander Nitsche) auf Faultierjagd im heimischen Garten.

Im an dysfunktionalen Beziehungen so reichen Kino mutet Hedi Schneiders Kleinfamilie zunächst wie eine unerschütterlich harmonische Ausnahme an. Was soll dieser Frau schon passieren?

Die Antwort folgt bald, mitten im Liebesspiel auf dem Küchenfußboden. Hedi Schneider wird kurzatmig, ihr Herz beginnt zu rasen, sie spürt Lippen und Hände nicht mehr. Panisch fleht sie ihren Freund an, den Notruf zu wählen. Sie glaubt, sterben zu müssen.

Von einem plötzlichen Warnschuss des Körpers, einer Angststörung aus heiterem Himmel, erzählt der Film "Hedi Schneider steckt fest", der seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale feierte. Er beginnt dabei als charmante Wohlfühlkomödie, behält aber - und das ist seine größte Stärke - auch dann noch den sanft-ironischen Tonfall bei, als es Hedi Schneider schon so richtig dreckig geht.

Die kleinen Helfer in Pillenform

Es vergehen Wochen und Monate, in denen sie pflegebedürftig zu Hause bleibt, mal völlig lethargisch durch den Einfluss sedierender Pillen, mal aufgedreht und euphorisch durch deren Kombination mit Alkohol, immer aber seltsam entrückt. "Mother's Little Helpers" sollte der Film ursprünglich heißen, nach jenem Song der Rolling Stones, der vom Medikamenten-Missbrauch gelangweilter Hausfrauen erzählt.

Von allen Seiten schlägt Hedi Schneider Unverständnis entgegen, im besten Fall gibt es gut gemeinte, wenn auch haarsträubend unbeholfene Ratschläge. Die Mutter, sichtlich überfordert von der Krankheit ihrer Tochter, traktiert sie mit Tipps: "Iss doch was!", "Jetzt trink nicht so viel!", "Wenn's mir schlecht geht, gehe ich kalt duschen", bevor die Verzweiflung aus ihr herausbricht: "Ich hätte nie gedacht, dass du mal so was bekommst."

Wie "Hedi Schneider" entstanden ist: Im Video erklärt Regisseurin Sonja Heiss, wie sie die Konfrontation zwischen Mutter und Tochter gefilmt hat.

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"So was" meint hier: eine depressive Phase mit Panikattacken. Plötzlich rächt sich, dass Hedi Schneider schwer Nein sagen kann, sich ständig zu viel aufbürdet. Die einzelnen Auslöser der Angststörung lässt Regisseurin Heiss bewusst im Unklaren, den einen entscheidenden wird es ohnehin nicht geben. Dass mit Hedi Schneider ausgerechnet die Lebenslust in Person erkrankt, verleiht dem Film eine besondere Fallhöhe: Es kann jeden treffen.

So wie Regisseurin und Autorin Sonja Heiss. Deren präzises Gespür für die Balance aus Tragik und Komödie dürfte mit ihrer eigenen Geschichte zusammenhängen. Denn sie selbst wurde vor einigen Jahren von einer Angststörung heimgesucht, erstaunlicherweise nachdem sie schon mit dem Drehbuch für "Hedi Schneider" begonnen hatte.

Die Betroffenheitsfalle umgeht der Film aber, weil es der Regisseurin gar nicht primär um die Geschichte einer Krankheit geht. Sie interessiert sich stattdessen dafür, was die Angststörung mit einer Beziehung macht, auf welche Probe sie auch den Partner stellt, dessen eigene Lebenspläne nun zurückstehen müssen. Als Hedi nach Monaten von ihrem Mann Uli wissen möchte, warum er eigentlich so dringend mit einer NGO nach Afrika will, entgegnet er nur: "Das ist die erste Frage, die du mir seit einem halben Jahr stellst. Die kannst du dir jetzt selbst beantworten."

Das verkrampfte Streben nach Glück

Vor acht Jahren gelang Sonja Heiss mit "Hotel Very Welcome" schon einmal ein filmisches Kleinod. Ihre damalige Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule begleitete in mehreren Episoden europäische Rucksacktouristen auf ihren (Irr-)Wegen durch Indien und Thailand und zeichnete auf diese Weise ein angenehm beiläufiges Generationenporträt.

Auch Heiss' neuer Film zeigt mehr als ein Einzelschicksal, nämlich das Dilemma junger Großstadtfamilien: Das Streben nach Glück droht zum Dogma zu werden, Selbstverwirklichung zum trügerischen Heilsversprechen. Dass "Hedi Schneider" trotzdem ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, stattdessen einen jederzeit mitfühlenden Ton anschlägt, ist dem warmherzigen, nie aber betulichen Humor von Sonja Heiss zu verdanken. Er bringt einem die Figuren näher, als es eine schwermütige Krankheitsgeschichte vermocht hätte.

Das Interesse des Zuschauers an Hedis Wohlergehen liegt zuvorderst in ihrer Liebenswürdigkeit begründet, es ist aber auch das Verdienst von Laura Tonke, die zwar seit 25 Jahren Teil des Filmgeschäfts ist und für ihre Darstellung der Gudrun Ensslin in "Baader" schon für den Deutschen Filmpreis nominiert war, oft aber unterhalb des medialen Radars spielt. Die Rolle der Hedi Schneider füllt sie nun dermaßen überzeugend und passgenau aus, als sei sie ihr auf den Leib geschrieben.

Laura Tonke wie auch Hans Löw als Uli spielen komische und tragische Momente mit der ähnlichen, nötigen Trockenheit, nur so gelingt dem Film seine ambitionierte Gratwanderung: glaubhaft von den Folgen einer seelischen Erkrankung zu erzählen, ohne dem Zuschauer die Figuren zu sehr zu entfremden. Humor ist dabei der Zuckerguss, der die bittere Pille erträglich schmecken lässt.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Hedi Schneider steckt fest":

Hedi Schneider steckt fest

Deutschland/Norwegen 2015

Buch und Regie: Sonja Heiss

Darsteller: Laura Tonke, Hans Löw, Simon Schwarz, Alex Brendemühl, Leander Nitsche, Melanie Straub, Margarita Broich, Matthias Bundschuh

Produktion: Komplizen Films, FilmCamp, ZDF

Verleih: Pandora

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 7. Mai 2015

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
theadlaberlin 07.05.2015
1. werde
ich mir anschauen. immer noch ein nicht oeffentliches thema. ich leide selber unter einer generalisierten angststoerung inklusive panikattacken, die dank pillen und therapie momentan weg sind. mal sehen wie gut der film das rueberbringt :-)
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