Tragikomödie von Woody Allen Zum Geburtstag viel Griesgram

Nach einigen Reinfällen läuft Woody Allen zu alter Form auf: In "Ich sehe den Mann deiner Träume" schaut er Glücksrittern dabei zu, wie sie Trugbildern folgen. Eine gelungene Mixtur aus großer Metaphysik und kleinen Pointen - und das beste Geschenk, das sich Allen zum 75. Geburtstag machen konnte.

Concorde

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So wahnsinnig kompliziert ist das Leben nun auch wieder nicht. Im Grunde genommen lässt sich all das Streben, Strecken und Recken der Menschheit auf ein einfaches Gleichnis bringen: Man guckt aus dem Fenster und wünscht sich in die Wohnung des Nachbarn - während der sich in die eigene Wohnung wünscht. Wie verlockend das Leben der anderen doch zuweilen vor einem erstrahlt! Die Sehnsucht ist nun mal eine Freundin einfacher Bilder.

Woody Allen hat diese Erkenntnis in seinem neuen Film mit angemessen sachlicher Tragikomik in Szene gesetzt: Einmal sehen wir den unglücklichen Londoner Schriftsteller Roy (Josh Brolin) aus seinem Arbeitszimmer ins Apartment gegenüber spannen, wo sich gerade die schöne junge Inderin Dia ( Freida Pinto) bis auf ihre rote Wäsche entkleidet. Später, nach einigen Verwicklungen, landet er dann tatsächlich im Schlafgemach der Schönen - und starrt nun nicht minder gebannt in seine ehemalige Behausung, in der sich seine blonde Ex-Freundin Sally (Naomi Watts) bis auf ihre schwarzen Nylons auszieht.

Was für eine Zumutung dieses Dasein doch ist: Überall, wo wir gerade nicht sind, scheint die Erfüllung auf uns zu warten.

Einen saloppen, klugen Film hat Woody Allen, der am Mittwoch seinen 75. Geburtstag feiert, mit "Ich sehe den Mann deiner Träume" gedreht. Ganz unangestrengt folgt er dabei einer Gruppe locker miteinander verbandelter Charaktere, die Illusionen, Trugbildern und Kaffeesatzprophezeiungen hinterherjagen, aber doch eigentlich nur jede reale Chance verpatzen.

Ein bisschen ist es so, als hätte Allen die Tragik seines eigenen späten Künstlerdaseins auf die Leinwand gebracht. Die vergangenen Jahre war er ja ebenfalls in einem ständigen Unruhezustand, um sich die Illusion eines weiteren perfekten Films zu erfüllen. Dabei agierte er kaum anders als die Figuren in "Ich sehe den Mann deiner Träume": nervös, untreu sich selbst gegenüber und immer den Kopf reckend, ob da nicht noch irgendwo etwas Besseres geht. Die eine Produktion war noch nicht im Kino, da bastelte er schon an der nächsten. Oder gar der übernächsten.

Über die Ergebnisse konnte man sich, gelinde gesagt, nur ärgern: über den total schiefen Londoner Halbwelttragödien-Klamauk " Cassandras Traum" (2007) zum Beispiel, über das Altherren-Reisedramolett " Vicky Cristina Barcelona" (2008) und natürlich ganz besonders über das beinahe schon senil runtergefilmte Misanthropenporträt " Whatever Works" (2009), in dem Allen mit dem grantigen jüdischen Drehbuchautor, Schauspieler und Gesamtkunstwerk Larry David eine Hardcore-Version seiner selbst vor der Kamera in einem pseudo-libertinären Feelgood-Movie verheizte.

Laszives Räkeln, bis das Viagra wirkt

Mit "Ich sehe den Mann deiner Träume" hat der New Yorker Regisseur nun zu einer gewissen Balance zurückgefunden. Zugegeben, ein zweites " Match Point", jenes späte Meisterwerk aus dem Jahr 2005 über Glück und Gier, ist dieser souverän hingeworfene Film nicht geworden. Aber die Beiläufigkeit, mit der er hier große Metaphysik als Abfolge kleiner Pointen präsentiert, erinnert gelegentlich trotzdem an seine besten Tage. Die Grunderkenntnis lautet: Unser Schicksal ist immer hausgemacht. Und je mehr wir es zu lenken versuchen, desto tiefer reiten wir uns in den Schlamassel.

Denn wie all die Neurotiker in den klassischen Woody-Allen-Werken werden auch hier all die Unglücksritter und Pechmariechen von dem Glauben getrieben, dass ihnen die Welt vorenthalte, was sie eigentlich verdienten. Klar, dass sich da die alte, frisch von ihrem Gemahl verlassene Dame Helena (Gemma Jones) bei einer Wahrsagerin allerlei unwahrscheinliche Prognosen andrehen lässt; erhöhter Sherry- und Scotch-Konsum helfen ihr bei der Weitung der Vorstellungskraft.

Doch auch die anderen Figuren, die betont sachlich agieren, verrennen sich dabei, das eingeforderte Glück in die Realität umzusetzen. Helenas Schwiegersohn Roy, einem erfolglosen Schriftsteller, gelingt zwar der Frauenwechsel, doch als er seinen eher uninspirierten Roman mit dem eines im Koma liegenden Kollegen vertauscht, geht er doch ein zu hohes Risiko ein. Roys Ex-Frau Sally indes gesteht endlich nach langer Zeit ihrem Chef (Antonio Banderas) ihre Liebe - und stößt dabei auf allerhöflichste Ablehnung.

Es sind diese Szenen zerbrechender Illusionen, in denen abgrundtiefer Pessimismus und saloppe Pointe geschmeidig wie in Woody Allens grimmigsten Tagen zusammengehen. Sehr schön in diesem Zusammenhang ist der gewagte Befreiungsschlag von Sallys Vater (Anthony Hopkins), der auf seine alten Tage noch mal den Stenz gibt und sich eine Scheckbuchblondine (Lucy Punch) gönnt, die nicht mal halb so alt ist wie er. In einem der düstersten und lustigsten Momente des Films sieht man, wie sich die Neue in Dessous lasziv auf dem frisch erworbenen Pelzmantel räkelt, während er die Minuten zählt, bis das Viagra wirkt.

"Manchmal wirken die Illusionen besser als die Pillen", heißt es denn auch einmal in diesem Film, mit dem der alte Griesgram Woody sich selbst und uns seinen 75. Geburtstag gerettet hat. Happy Birthday, Mr. Allen, bleiben Sie Pessimist!

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
vielblabla, 01.12.2010
1. Welche Reinfälle
Zitat von sysopNach einigen Reinfällen läuft Woody Allen zu alter Form auf: In "Ich sehe den Mann deiner Träume" schaut er Glücksrittern dabei zu, wie sie Trugbildern folgen. Eine gelungene Mixtur aus großer Metaphysik und kleinen Pointen - und das beste Geschenk, das sich Allen zum 75. Geburtstag machen konnte. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,732069,00.html
Von welchen Reinfällen spricht den der Autor hier? Alle Filme der letzten Jahre waren erfolgreich, gut und alles andere als Reinfälle. Mag sein das sie nicht dem Geschmack und Erwartungen von Herrn Buß entsprachen aber die interessieren doch auch niemanden.
Der Markt, 01.12.2010
2. Perlen
Alles Gute zum Geburtstag, Woody und danke für die vielen wunderbaren Filmperlen!
Pnin, 01.12.2010
3. .
Zitat von vielblablaVon welchen Reinfällen spricht den der Autor hier? Alle Filme der letzten Jahre waren erfolgreich, gut und alles andere als Reinfälle. Mag sein das sie nicht dem Geschmack und Erwartungen von Herrn Buß entsprachen aber die interessieren doch auch niemanden.
Kommt drauf an, wie Sie "erfolgreich" definieren. Am BoxOffice waren die zum großen Teil ziemliche Rohrkrepierer. Der neue Streifen in den USA sogar ganz besonders. Fast so eine Nullnummer wie Cassandra's Dream.
distributer 01.12.2010
4. Stimmt
Zitat von PninKommt drauf an, wie Sie "erfolgreich" definieren. Am BoxOffice waren die zum großen Teil ziemliche Rohrkrepierer. Der neue Streifen in den USA sogar ganz besonders. Fast so eine Nullnummer wie Cassandra's Dream.
Habe das eben mal nachgeguckt bei imdb: Box Office Budget: £13,000,000 (estimated) Opening Weekend: $437,643 (USA) (20 January 2008) (107 Screens) Gross: $971,561 (USA) (17 February 2008) Allerdings denke ich nicht, dass Woody Allen Filme fuer die breite Masse sind? Z.B der Fluch des Jadescorpions ist einer meiner Lieblingsfilme, neben Schmalspurganoven und Anything Else :) All diese Filme haben das Budget nicht eingespielt...
ocinator 01.12.2010
5. auf & ab
Zitat von vielblablaVon welchen Reinfällen spricht den der Autor hier? Alle Filme der letzten Jahre waren erfolgreich, gut und alles andere als Reinfälle. Mag sein das sie nicht dem Geschmack und Erwartungen von Herrn Buß entsprachen aber die interessieren doch auch niemanden.
sein letzter ökonomisch erfolgreicher film war Vicky Cristina Barcelona (2008). Davor war es Match Point (2005). Zwischendrin hat er immer mal wieder wirtschaftlich nicht wirklich erfolgreiche Filme, die meines Erachtens auch zu Recht kaum Publikum ins Kino locken konnten. Whatever works war imho sehr, sehr schwach, Cassandra's Dream hat mir persönlich gefallen, war aber auch kein Erfolg an den Kassen. Im großen & Ganzen denke ich aber, das Woody's Filme, die am Box Office nicht sehr erfolgreich sind, das Budget über dvd & BluRay Verkäufe weltweit wieder reinspielen. Bei ihm gehts immer auf & ab, finde ich ganz amüsant zu sehen. Man klicke sich nur mal durch imdb, da ist immer mal wieder ne Perle- und dann dann immer mal wieder ein ökonomischer- sowie auch küstlerischer totalausfall dabei.
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