Abenteuerfilm "Trash" Die drei Fragezeichen von der Müllhalde

Ihr Alltag besteht darin, Müll auf Verwertbares zu durchsuchen - bis sie ein mysteriöses Portemonnaie finden. In "Trash" erzählt Stephen Daldry von drei Jungen aus der Favela, die den Kampf gegen korrupte Politiker aufnehmen.


Exkremente, einmal sogar die Leiche eines Kindes: Was der 14-Jährige Raphael und seine Freunde auf jener Müllhalde finden, auf der sie von klein auf arbeiten, dürfte bei jedem anderen Ekel und Schauder auslösen, für die Straßenkinder bedeutet es Alltag. Sie leben in einer Stadt aus Abfall, berghoch und täglich wachsend, in ihr suchen die "Mülljungen" nach verwertbaren Resten wie Plastik und Glas. Auf Interessantes stoße man dort nie, erklärt Ich-Erzähler Raphael im Jugendroman "Trash", nur einmal sei da diese kleine Ledertasche gewesen. Mit ihr beginnt in Andy Mulligans 2010 erschienenem Buch ein Abenteuer um Korruption, Polizeigewalt und Mord.

Mit dem englischen Regisseur Stephen Daldry hat nun ein Landsmann Mulligans die Romanvorlage verfilmt und den Schauplatz dabei von der philippinischen Hauptstadt Manila in die Favelas von Rio de Janeiro verlegt. Die Gründe scheinen auf der Hand zu liegen, zwischen Fußballweltmeisterschaft und Olympischen Spielen blickt die Welt verstärkt nach Brasilien, soziales Elend und windige Finanzgeschäfte dürften dem globalen Publikum hier vertrauter vorkommen als im gefühlt so viel ferneren südostasiatischen Inselstaat.

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"Trash": Wer ist hier käuflich?
Im Zentrum von Buch und Film steht ein junges Trio, die beiden Freunde Raphael und Gardo sowie der Außenseiter Ratte. Als sie im Müll auf die gefüllte Brieftasche und einen Schlüssel stoßen, schwingen sie sich zu Ermittlern auf, gewissermaßen einer südamerikanischen Version der "Drei Fragezeichen".

Wie die legendären Hobby-Detektive ergänzen auch sie sich perfekt: Der eine kann lesen, der andere hat die cleveren Ideen, der Dritte den nötigen Mut. Verfolgt von der Polizei führen die Spuren sie schnell bis in die höchste Politik, während sich der Zuschauer angesichts verschlüsselter Briefe und versteckter Botschaften bisweilen im "Da Vinci Code" für Nachwuchskräfte wähnt.

Popcorn-Kino-taugliche Akteure, klinische Bildersprache

Die Vita von Regisseur Stephen Daldry beeindruckt, für drei seiner bisherigen vier Langfilme war er für den Oscar nominiert: "Billy Elliot", "The Hours", "Der Vorleser". Nimmt man noch seine jüngste Arbeit hinzu, die Romanverfilmung "Extrem laut und unglaublich nah", dann fallen Daldrys Hang zu heranwachsenden Helden und seine Vorliebe für literarische Vorlagen auf. Im Fall von "Trash" adaptierte Drehbuchautor Richard Curtis ("Mr. Bean", "Bridget Jones") den Stoff, bedauerlicherweise entschärfte er dabei kräftig.

Die "Welt qualmenden Mülls" mit ihren Tonnen an menschlichem Kot sieht auf der Leinwand eher aus wie ein Abenteuerspielplatz. Die drei Hauptdarsteller sind fotogene Jungs mit ein wenig Ruß im Gesicht, wo im Roman noch einem von ihnen die kaputten Zähne aus dem Mund ragen und er "den starrenden Ausdruck von kleinen Affen hat".

Martin Sheen und Rooney Mara in ihren Nebenrollen verstärken den Eindruck: Der Zuschauer hat es im Kontrast zum Buch durchweg mit betont Popcorn-Kino-tauglichen Akteuren zu tun und - da das Geruchskino weiter auf sich warten lässt - auch mit weitgehend klinischen Bildern, untermalt von schmissigem brasilianischen HipHop. So kratzt "Trash" kräftig am Ethno-Kitsch und erinnert an "Slumdog Millionär" von Danny Boyle (mit dem sich Daldry im Übrigen für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London verantwortlich zeichnete). Auch beim Indien-Melodram waren allzu brisante Themen wie Kindesmissbrauch der Adaption fürs Kino zum Opfer gefallen.

"Trash" bleibt im Schubladendenken verhaftet

Zugutehalten sollte man "Trash" allerdings, dass er (wenigstens) die im Buch seitenlang geschilderten Gewaltexzesse der Polizei gegen Kinder nicht ausspart, sondern erstaunlich explizit in Szene setzt - so schwer sie auch zu ertragen sind. Als Folge dessen wird der Film - trotz seiner 14-jährigen Protagonisten - in den USA für alle unter 17 nur in Begleitung eines Erwachsenen zu sehen sein. Hierzulande ist er hingegen schon ab 12 zugelassen.

Seinen kämpferischen Übermut will man dem Film nachsehen, Pathos steckt schließlich schon in der Vorlage und dürfte dort dem Genre des Jugendromans geschuldet sein. Die mitunter doch arg naiven Plädoyers der drei Helden für mehr Gerechtigkeit und gegen die Allmacht des Geldes stehen aber dann doch zu oft ohne differenzierende Einordnung im Raum. Was bleibt: ehrliche Arme versus korrupte, wohlstandsfette Elite.

An den Kosten der britisch-brasilianischen Ko-Produktion dürfte sich übrigens auch ein deutsches Unternehmen beteiligt haben. Schon im Vorspann wird das Logo der Düsseldorfer Modekette C&A eingeblendet, das Unternehmen lässt sich schließlich auf die denkbar platteste Weise in Szene setzen: Als einer der drei Jungen für einen einzigen Tag aus der Favela hinauskommt und neue Klamotten braucht, führt ihn sein Weg zu einem Geschäft des Bekleidungsriesen.

Das hat Geschmäckle, ohne Frage, in seiner Aufdringlichkeit aber auch unfreiwillige Komik. Zumal der Film auf diese Weise sein Thema "Käuflichkeit" höchstselbst ad absurdum führt.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Trash"

"Trash"

Brasilien, Großbritannien 2014

Regie: Stephen Daldry

Drehbuch: Richard Curtis

Darsteller: Rickson Tevez, Eduardo Luis, Gabriel Weinstein, Rooney Mara und Martin Sheen

Verleih: Universal Pictures Germany

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 18. Juni 2015

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