Trashfilm-Forschung "Fliegende Haie, laute Schreie, Blutgespeie"

Was bedeutet es, wenn sich jemand B-Horrorfilme über fliegende Haie ansieht? Eine am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik entstandene Studie liefert darauf eine Antwort: Es ist ein Zeichen von Intelligenz.

ddp images/ Capital Pictures

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Wir leben in goldenen Zeiten für Menschen mit seltsamem Verhalten und abseitigen Vorlieben. Spätestens seit der Sitcom "Big Bang Theory" wissen wir, dass man Menschen ihre Intelligenz nicht unbedingt ansieht oder anmerkt. Vermeintlich kindische Vorlieben für Dinge wie bizarre Billigfilme können darauf hindeuten, dass jemand nicht etwa bescheuert ist, sondern Astrophysiker.

Ob das tatsächlich so ist, wollte der Filmwissenschaftler Keyvan Sarkhosh vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main wissen. In der ersten empirischen Studie zum Thema ging er der "Lust am filmischen Müll" nach. Was er wissen wollte: Wer sieht sich die vordergründig unsäglichen Trashfilme der B- bis Z-Kategorie eigentlich an - und warum?

"Auf den ersten Blick", erklärt er, "erscheint es paradox, warum sich jemand bewusst schlecht gemachte, peinliche und oft sogar verstörende Filme anschauen sollte."

Sein Paradebeispiel für diese Art Film ist die "Sharknado"-Reihe, die seit dem ersten Teil im Jahr 2013 drei Fortsetzungen erlebt hat (Teil vier feierte am 3. August in Berlin Premiere, die Teile fünf bis acht sind bereits in Planung).

Alle bisher in rekordverdächtigem Tempo gedrehten Teile kommen im Grunde mit nur einem Drehbuch aus: Tornado wirbelt Haie in die Luft, die über Städten vom Himmel regnen und Menschen fressen. Zu den Stars auf dem aktuellen Speiseplan gehören Ex-Größen wie David Hasselhoff und Haifutter wie Sarah Knappik (in deutschen Boulevardmedien als "Star" des Films gefeiert, in der Besetzungsliste leider unerwähnt).

Sarkhosh kocht das Konzept auf die knackige Formel "Fliegende Haie, laute Schreie, Blutgespeie" herunter: "Ich habe mich gefragt, warum so etwas erfolgreich sein kann, wer solchen Schund guckt und vor allem - warum?"

Eine gute Frage. Sarkhosh und sein Mitautor Winfried Menninghaus stellten sie sehr gezielt Filmkonsumenten, die Interesse an B-Filmen zeigten: "Gefunden haben wir die in Internetforen und Facebookgruppen. Und einige Labels, die solche Filme vertreiben, haben die Aufrufe zur Teilnahme an der Befragung auf ihre Webseiten gestellt."

Sarkhosh befragte damit eine Auswahl von Personen, die Filme wie Sharknado nicht versehentlich entdecken, sondern bewusst konsumieren - und goutieren. "Natürlich ist das nicht repräsentativ, aber empirisch und explorativ."

Was da exploriert wird, ist eine besondere Gruppe durchaus cineastisch orientierter Konsumenten. 372 von ihnen beantworteten Sarkhoshs Fragen in verwertbarer Form. Sarkhosh traf auf ein Publikum, das diese Filme mit ironischem Abstand und "Lust am Billigen" goutiert. Um das zu können, sagt Sarkhosh im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, brauche man aber einen fast schon analytischen Blick auf die besondere Ästhetik des Trashfilms.

Trash ist gut, wenn er gut schlecht gemacht ist

Sarkhosh: "Wir haben es hier mit überdurchschnittlich gebildeten Zuschauern zu tun, die man in gewisser Weise als 'kulturelle Allesfresser' bezeichnen könnte. Sie interessieren sich für ein breites Spektrum an Kunst- und Medienformen."

Ihr Spaß an der Sache resultiere zum Teil aus der bewussten Abkehr vom Mainstream-Film, aus dem Erkennen der ganz eigenen Konventionen des Trashfilms - und aus "einem künstlerischen Interesse" an der Umsetzung von Klischees, Trash-typischen Konventionen und Zitaten aus den B-Movies vergangener Zeiten. Monster- und Sci-Fi-Filme der Fünfziger- oder die Tierhorrorfilme der frühen Siebzigerjahre lieferten die Grundmuster vieler heutiger B-Movies. Spaß mache das vor allem dann, wenn man das auch erkenne.

Keyvan Sarkhosh: Will in weiteren Studien tiefer in den Trash tauchen
Dorothee Rietz

Keyvan Sarkhosh: Will in weiteren Studien tiefer in den Trash tauchen

Für Sarkhosh ist das die zentrale Erkenntnis der Studie: Dieses Publikum glotzt nicht geistlos, sondern sieht seine B-Filme ganz im Gegenteil höchst bewusst. "Vielleicht kann man solche Filme nur goutieren, wenn man so daran geht."

Natürlich werde es auch den Zuschauer geben, der quasi versehentlich beim B-Film im Nachtprogramm lande. "Aber der findet dann vielleicht schnell die Tricks zu schlecht, um den Film gut zu finden."

Der Trash-Fan möge es dagegen, wenn der Trash auf gute Weise schlecht gemacht sei - und originär: "Es gibt sogar Fans, die dagegen protestieren, wenn eine Produktionsfirma ihre Erwartungen zu offensichtlich bedient. Sharknado wurde beispielsweise deshalb kritisiert. Vielen ist das zu kommerziell."

Sarkhosh glaubt, dass solche B-Fans das eigentliche Publikum der vermeintlich schlechten Filme seien. Damit wären Sharknado und Co. nicht etwa Billig-Action für Anspruchslose. Sie seien vielmehr Angebote für Trash-liebende Cineasten mit künstlerischem Anspruch: "Das ist wirklich spannend. Der Trash der Fünfziger hat eine Ästhetik hervorgebracht, die heute zitierfähig ist. Manche Filme, wie Ed Woods' 'Plan 9 from Outer Space' oder John De Bellos Trash-Parodie 'Angriff der Killertomaten' sind heute schon fast kanonisch."

Und morgen? Bringt die Trash-Branche heute Dinge hervor, auf die man in 30 Jahren ähnlich verweisen wird?

Sarkhosh bezweifelt das. Der Trashfilm der letzten Jahre lebte von Zitat und Nostalgie, "und der Hype um solche Sachen ist oft periodisch" - Trash ist Mode. Zum künftigen Zitat taugten da eher andere Dinge: "Mir fällt da Quentin Tarantino ein."

Auch der bewegt sich tatsächlich oft genug auf einem Grad zwischen Kunstfilm und Trash: Nicht nur mit "Django Unchained" wandelte er genüsslich auf den Spuren trashiger Vorlagen.

Der Nerd und Trash-Genießer darf sich jedenfalls geadelt fühlen: Seine Liebhaberei ist künstlerisch-ästhetisch motiviert. Und auch für den Rest seiner Marotten bietet die akademische Forschung prächtige Alibis: Schon gehört, dass unordentliche, spät zu Bett gehende Menschen, die viel fluchen, besonders intelligent sind?

Stimmt bestimmt.



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