Treut-Film "Ghosted" Vom geistreichen Trauern

Ein traumatischer Verlust, ein nachgeholter Abschied: Monika Treuts neuer Film "Ghosted" leistet Trauerarbeit mit den Mitteln des Kinos. Und ist eine weitgespannte Bilderreise in eine fremde Kultur, um das eigene Seelenleben zu erkunden.

Von Birgit Glombitza


"Während der Arbeit habe ich mich oft an Silvia Brugnera erinnert", sagt Monika Treut. Die Filmemacherin zündet sich die zweite Zigarette an und betrachtet das Fragezeichen einer Haarsträhne zwischen ihren Fingern.



"Eine sehr enge Freundin, die in Venedig lebte, plötzlich an Leukämie erkrankte und in sehr kurzer Zeit starb. Ich habe mich nicht von ihr verabschiedet. Das hat mich traumatisiert. Während der Dreharbeiten zu 'Ghosted' begegnete ich diesem Schmerz wieder. Mein Umgang mit dem Tod ist nicht sehr entspannt. Mir tat die Leichtigkeit des taiwanesischen Totenkults gut, in dem die Verstorbenen wieder präsent sind."

Jetzt ist es soweit. Die Toten schicken ihre Geister, und sie nehmen in Treuts neuem, deutsch-taiwanesischen Film Gestalt an. Diese Geister können ziemlich nachtragend sein - gut, wenn man sich ihren lebendigen Pendants gegenüber anständig verhalten hat.

Doch trotz aller Furcht, so erfahren wir in "Ghosted", lassen es sich die Lebenden in Taiwan eben nicht nehmen, im Geistermonat ausgelassen zu feiern.

Der Tod ist zwar auch hier eine Endgültigkeit, aber nichts an ihm ist im abendländischen Sinne fatal. Da gibt es keine Schreckensbilder von Sensemännern und von Würmern bevölkerten Gerippen.

Der Tod gehört zum Leben und die Toten in das Reich der Projektionen. Das ist ein bisschen wie im Kino selbst. Man kauft eine Karte, setzt sich hin, es wird dunkel und dann kommen die Gespenster.

Bei der Filmemacherin Monika Treut, 50, sahen die virtuellen Geschöpfe ursprünglich ganz anders aus. Es waren überwiegend weibliche Figuren, befreit oder gerade auf dem Weg zum emanzipierten Wesen. Sie redeten über Sex und stellten allerhand mit ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen an.

Sie nahmen sich und gaben, was sie wollten. Und ging das mal schief, brachte das auch mal Leid und Zerstörung, so belieferten diese häufig dokumentarischen Heldinnen die Mythologie des Weiblichen doch immerhin mit einer neuen auratischen Experimentierfreude und selbstbestimmten Leidenschaft.

Machtfragen und Geschlechterrollen

Filme wie "Gendernauts" (1999) und "Die Jungfrauenmaschine" (1988) setzen in jeder Hinsicht Meilensteine in der deutschen feministischen Filmkunst. Und sie versetzen Magnus Hirschfelds stufenlose sexualwissenschaftliche Bestimmungsskala von Männlich- und Weiblichkeit in wundervolle Schwingungen.

Sexus, Gender, Geschlecht, alles eine Frage der Politik und des Machtgefälles. Einerseits. Aber auch eine des Selbstverständnisses, der Lust und nicht zuletzt des Muts.

Monika Treuts Filme wollten alle Facetten der Weiblichkeit zeigen und auf der Leinwand den Feminismus vom Klischee befreien, knäckebrothässlich, zugeknöpft und unsinnlich zu sein.

Und wer sich die Kritiken beispielsweise zu "Die Jungfrauenmaschine" anschaut, sieht an den Gefechtsfeuern, welche Minenfelder die Regisseurin sogar noch in den ausgehenden Achtzigern mit ihrer Arbeit in Deutschland betreten hat. "Die Jungfrauenmaschine" verhalte sich zur Pornografie "wie Schokoladeneis zu einer doppelten Portion Eisbein", schrieb Katrin Bettina Müller damals angetan in der "taz". Während Helmut Schödel in seiner Tirade in "Die Zeit" dem Film ungebremst "Tod und Hass" wünschte. Filme wie dieser, so schrieb er, "vernichten das Kino".

Die Kunst des Risikos

Treuts Filme riskierten stets viel. Und manche werfen ihr vor, dass sich das seit "Kriegerin des Lichts" (2002) über die Künstlerin und Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra de Mello, die sich in den Favelas Rio de Janeiros engagiert, in Gutmenschelei und Harmlosigkeit aufgelöst habe.

Dazu ließe sich beschwichtigend anführen, dass jemand, der sich seit über 20 Jahren um die Selbst- oder Rück-Eroberung des weiblichen Körpers und der Lust kümmert, vielleicht auch einmal sanfter und gelassener werden darf, ohne dabei in das knautschige Reich der Altersmildheit abzurutschen. Doch das muss man gar nicht. Dafür ist der Themenwechsel in Treuts Filmographie viel zu überraschend.

In "Ghosted" begibt sich die Filmemacherin erneut auf fremdes, vordergründig mystisches Terrain. Und das nicht mit dem Sicherheitsabstand des Dokumentarischen, sondern mit einer Fiktion, die selbst ein bisschen gespenstisch zwischen Lebenswelten und Kulturen, zwischen Sehnsüchten und Projektionen wandelt.

Da gibt es eine Fotografin, Sophie (Inga Busch) und deren Geliebte, die Taiwanesin Ai-ling (Huan-Ru Kel), die tragisch ums Leben kommt. In der Video-Installation mit dem Titel "Remembrance" präsentiert die verlassene Künstlerin der Öffentlichkeit die Bilder, die sie von Ai-ling gemacht hat und lernt Mei-li (Ting-Ting Hu) kennen, die sich fortan hartnäckig in Sophies Leben klemmt.

Doppeltes Spiel

Und obwohl sich die Gesichter der Toten und ihrer Nachfolgerin zueinander wie Positiv und Negativ verhalten, die Augenwinkel bei der einen eher nach unten, bei der anderen eher nach oben gehen, der Mund bei der einen eher zart, bei der anderen eher keck ausfällt, kann man sie doch nur als Doppelgängerinnen verstehen. "Ghosted" ist selbst so etwas wie Mausoleum, eine Erinnerungsinstallation für ein "Original" geworden.

"Wir kennen das ja auch von Freud: Erinnern, um zu vergessen. Etwas herstellen, um es dann loszulassen. Das beschreibt ja auch den künstlerischen Prozess. Und 'Ghosted' ist das möglicherweise auch für mich gewesen", sagt Monika Treut und nippt in ihrem Hamburger Büro an einem grünen Tee.

Die Mittagssonne lässt das Kunstfell ihrer beiden beeindruckend großen Kuschel-Tiger links und rechts auf der Sofalehne aufleuchten. Die Expeditionsreisen der Dr. Monika Treut sind noch lange nicht zu Ende.

In ihren Zwischenstopps unterrichtet sie in Kalifornien und New York. Ihre Lehre: "Freigeistiges Denken. Sie sollen begreifen, wie vorgeprägt sie durch ihre Kultur sind. Viele von ihnen kennen kaum europäisches Kino und Weltkino."

Sie hält kurz inne und schaut der letzten Rauchfahne hinterher. "Drei Wochen sehen sie bei mir jeden Tag einen Film von z.B. Fassbinder. Das ist erstaunlich, was mit ihnen geschieht, was sie dann träumen und welche Geister ihnen plötzlich über den Weg laufen."



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