TriBeCa Filmfestival Rauchzeichen aus New York

Das erste TriBeCa-Filmfestival sorgte nach der 9/11-Depression für neuen Kulturaufschwung und gab den New Yorkern wieder einen Grund zum Feiern. Auch im zweiten Jahr gelang den Veranstaltern der Spagat zwischen Glamour, Musik und unabhängiger Filmkunst. Sogar Brit-Star Robbie Williams kam auf seine Kosten.

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Glamour in TriBeCa: Hollywood-Star Renée Zellweger stellte ihren neuen Film "Down With Love" vor
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Glamour in TriBeCa: Hollywood-Star Renée Zellweger stellte ihren neuen Film "Down With Love" vor

New York City, Stadtteil TriBeCa, jenes Dreieck in lower Manhattan, unterhalb der belebten Canal Street, war vom 3. bis zum 11. Mai zum zweiten Mal Tummelplatz der Cineasten aus aller Welt. Gleich mit der Premiere im vergangenen Jahr war das neue Kino-Fest am Hudson River ganz nach oben in der Publikums- und Kritikergunst geschossen. Kein Wunder, immerhin stehen die Kino-Giganten Robert De Niro und Martin Scorsese Pate und locken mit Glamour und Publicity.

Seltsam frische Luft wehte den Besuchern des diesjährigen TriBeCa-Festivals entgegen, vor allem, wenn sie die soeben gesehenen Kinowerke in Bars oder Restaurants diskutieren wollten. Dort herrschte auch während der cineastischen Feiertage oft ungewohnte Leere. Das lag weniger an den provokanten Ideen der Regisseurinnen und Regisseure, als an dem seit März akuten generellen Rauchverbot an öffentlichen Plätzen in New York. Dazu gehören eben auch alle geselligen Treffpunkte, von Kneipen bis hin zu Hotels, Diners, Delis und Discos. "It's the law" steht allerorten geschrieben, und man hält sich angesichts der recht drastischen Strafen dran und glimmstengelt draußen vor der Tür. Das Gesetz ist auch ansonsten stets präsent, viel Polizei in den Straßen und natürlich auch rund ums Festival, wenngleich Ground Zero - in unmittelbarer Nähe des Triangle Below Canal Street gelegen - mehr und mehr zur normalen Baustelle wird.

Initiator und Schirmherr: Cineasten-Ikone Robert De Niro
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Initiator und Schirmherr: Cineasten-Ikone Robert De Niro

Doch der Begeisterung an den über 200 Festivalbeiträgen tat dies keinen Abbruch. Lange Schlangen bei den Ticketverkäufen und geduldiges Ausharren selbst bei Nieselregen dokumentierten das intensive Interesse der New Yorker und der vielen internationalen Gäste, das sowohl neuen Werken von Regiestars wie Stephen Frears ("Dirty Pretty Things"), Danny Boyle ("28 Days Later") oder Neil LaBute ("The Shape Of Things"), aber auch den zahlreichen Beiträgen des Dokumentarfilm-Wettbewerbes galt. New Yorks derzeit wegen Steuererhöhungen nicht sehr populärer Bürgermeister Michael Bloomberg ließ es sich nicht nehmen, neben De Niro und U2-Sänger Bono bei der Eröffnung wieder etwas Freude und Entspanntheit zu verbreiten.

Man muss es den Organisatoren zugute halten, dass sie den Avantgardisten, Experimentierern und Underdogs mehr Raum als bei vielen anderen vergleichbaren Filmfesten einräumen. Glamour musste natürlich dennoch sein: Al Pacino und Helen Hunt hielten in Diskussionen und Workshops Hof, Gwyneth Paltrow und Renée Zellweger (feierte die Premiere ihrer Nostalgie-Komödie "Down With Love") glitzerten in Promotionveranstaltungen außerhalb des reinen Festivalbetriebes, und für Vergnügungssüchtige gab es Partys zuhauf. Mit Whoopie Goldberg und Michael Moore wies auch die Jury prominenten Namen auf. In den Vorführräumen jedoch glühte der Enthusiasmus der Puristen.

Einer dieser Puristen und letzen Einzelkämpfer des Kinobetriebes ist der Hamburger Filmemacher Peter Sempel, der zuletzt mit seinen Filmbiographien von Nina Hagen und Motörheads Lemmy Kilmister für Insider-Furore sorgte. Sempel ist ein Globetrotter des Kinos und fast permanent Gast kleiner und größerer Festivals zwischen Singapur, Los Angeles, Genf und Quedlinburg. Ständig hat er seine Kamera dabei und filmt Leute, Situationen und Ereignisse. Seine assoziative und freie Bildsprache nähert sich auf Augenhöhe seinen Sujets und Protagonisten und schafft gerade dadurch eine Intensität, die den Betrachter sogartig mitreißt.

New Yorker Band The Ramones: Zwei Dokumentationen huldigen den Protopunks
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New Yorker Band The Ramones: Zwei Dokumentationen huldigen den Protopunks

Beim diesjährigen TriBeCa-Festival war er mit seinem neuen Dokumentarfilm "Jonas At The Ocean" vertreten, der sich mit dem Leben und Werk von Jonas Mekas befasst, einem Schriftsteller, Regisseur, Dozenten und großen Ikonen des Avantgardefilms. In Litauen geboren begründete er 1970 in New York die berühmten Anthology Film Archives, heute eines der international angesehensten Film-Institute mit angeschlossener Fach-Bibliothek. "Jonas At The Ocean" ist ein Mix aus Fakten, poetischen Bildern und Lebensstationen des Künstlers und Innovators. Dazu gibt es Interviews mit Nam June Paik, Wim Wenders, Allen Ginsberg und Musik von Nick Cave, Philip Glass oder Velvet Underground. Anders als mit Sempels radikalem und forderndem Filmstil könnte man sich einem Universalisten wie Mekas, in dessen New Yorker Wohnung einst Federico Fellini und Andy Warhol über Kunst fachsimpelten, wohl kaum nähern. Mekas leitet heute mit 80 Jahren noch immer "sein" Film-Institut und gehörte selbstverständlich zu den Ehrengästen des TriBeCa-Festivals.

Wie wichtig man in diesem Jahr vor allem die Musik auf dem Festival nahm, zeigte eine Reihe von Premieren, die sich sowohl mit Geschichte, Mythos und aktuellen Entwicklungen der Popmusik beschäftigten. Gleich zwei Dokumentationen huldigten den Punk-Großmeistern The Ramones. Das über einstündige Interview von Lech Kowalski mit dem 2002 an einer Überdosis Heroin gestorbenen Bassisten Dee Dee Ramone (alias Douglas Colvin) fächert die Selbstzerstörung, aber auch den Humor und die verzweifelte Lebensgier des Protopunks auf, der - hautnah gefilmt - offen, selbstkritisch und stolz seine eigene Geschichte erzählt. Die fabulöse Story der vier Kids aus Forrest Hills im New Yorker Stadtteil Queens besorgte dann der Film "End Of The Century" von Michael Gramaglia und Jim Fields, dem man jedoch trotz allen Detailreichtums und saftiger Interviews doch etwa mehr optischen Wagemut gewünscht hätte. Immerhin glorifizieren die beiden Regisseure kaum, zeigen die öden Anfänge im schäbigen "CBGB's"-Club in der Bowery, den keimenden Kult und den frustrierten Abschluss nach dem Tod von Sänger und Frontman Joey Ramone.

Englishman in New York: Popstar Robbie Williams buhlt um die Gunst der Amerikaner
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Englishman in New York: Popstar Robbie Williams buhlt um die Gunst der Amerikaner

Einen Hauch herber Weiblichkeit bringt Gina Gershon ("The Player", Showgirls") mit ihrer Darstellung einer alternden Punk-Gitarristin in den Reigen der Rockerfilme: Als Chefin einer Girlgroup kämpft sie in "Prey For Rock'n'Roll" gegen Drogen, Kerle, Promoter und den Frust über mangelnden Erfolg und fehlendes Geld. Angelehnt an die Autobiographie der Musikerin Cheri Lovedog gab hier Alex Steyermark sein Regiedebüt, nachdem er zuvor als Music Supervisor für Regisseure wie Spike Lee, Jonathan Demme, Paul Schrader und Ang Lee gearbeitet hatte. "Prey" hat die Traurigkeit von Bette Midlers "The Rose", doch die Story, bei der es letztlich um Leben und Sterben geht, pendelt lose um die Figuren, denen man ein bissigeres Drehbuch und einen zupackenderen Spielleiter gewünscht hätte.

Viel Wirbel gab es um den ersten Kinofilm des umtriebigen HipHoppers Damon Dash: Sein Erstling "Death Of A Dynasty" zeigte einen ebenso professionellen Touch, wie es der selbstbewusste Musiker auch mit seiner Produktionsfirma Roc-A-Fella angehen lässt. Dash zeigt in seinem Film Ironie und Witz, ganz gezielt agiert er gegen das aggressive Image, das Rap und HipHop und damit aktuelle schwarze Musik immer noch umgibt. Damon Dash ist ein vielseitiges Talent, das neben der Musik Erfolge mit seiner Modemarke Rocawear feiert. Mit 32 Jahren ein gemachter Mann, wozu sollte man da auch noch gewalttätig sein...

Einer der Musikfilme des Festival wurde vom Publikum auch mit einem Preis bedacht: David Bergers Biographie des Jazzbassisten Milt Hinton ("Keeping Time"), die auch die fotografischen Ambitionen des Musikers reflektierte, überzeugte die Fans.

HipHopper Damon Dash (mit Freundin Rachel Roy): Vielseitiges Talent
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HipHopper Damon Dash (mit Freundin Rachel Roy): Vielseitiges Talent

Die Jury vergab den Hauptpreis für den besten Spielfilm an den chinesischen Regisseur Yi Lang und dessen Werk "Blinder Schacht" über illegale Bergarbeiter in China. Elf Preise verteilten die Juroren insgesamt. Dokumentationen über Kosovo-Albaner ("A Normal Life" von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Hugo Berkley) und verfolgte Filmemacher im Iran ("Mohakeme" von Molem Manouris) gewannen die Preise in ihrem Segment, während die französische Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi ("Il est plus facile pour un chameau...") und der Tunesier Mohammed Zran ("Le chant du millénaire") als beste Nachwuchsregisseure ausgezeichnet wurden.

Aber TriBeCa war auch diesmal kein hermetisches Festival, das sich ausschließlich in dunklen Kinoräumen und exklusiven Party-Events abspielte. Schon 2002 gab es das große "Family Festival", das fast 100.000 Menschen auf die engen Straßen des Künstlerstadtteils brachte. Ganz so viele waren es diesmal nicht, doch immerhin rund 10.000 Fans drängten sich am vergangenen Freitag im Battery Park im Süden Manhattans, als Grammy-Darling Norah Jones und die HipHopper The Roots zu einem abendlichen free concert einluden.

Ach ja, und einer war auch noch auf der Bühne: Robbie Williams, Europas größter Popstar. In den USA läuft seine Karriere noch immer auf Sparflamme, also muss auch er ein wenig kämpfen. So gab Robbie für eine halbe Stunde den Underdog aus "old europe" und verdonnerte das Publikum nach jedem Lied dazu, bei den Radio-DJs der Stadt nach seinen Songs zu verlangen. "My name is Robbie Williams", rief er immer wieder in die Menge. Künstler müssen arbeiten. Es gibt eben nichts geschenkt. Nicht mal in TriBeCa.



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