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Donald Sutherland: Der Tribun von Panem

Den Tyrannen in "Die Tribute von Panem" zu spielen, war eine Herzensangelegenheit für Donald Sutherland. Im Interview erklärt er, warum er den Stoff so wichtig fand, dass er sich für die Rolle des Präsidenten Snow bewarb.

Donald Sutherland, geboren 1935 in New Brunswick, Kanada, arbeitete nach dem Ingenieurs- und Theaterstudium zunächst als Theaterschauspieler in Großbritannien, bevor ihm mit "Das dreckige Dutzend" 1967 der Durchbruch als Kinostar gelang. Seitdem war Sutherland unter anderem in den Klassikern "M.A.S.H." und "Wenn die Gondeln Trauer tragen" zu sehen. In dem Franchise "Die Tribute von Panem" spielt Sutherland den despotischen Präsidenten Snow, den die kämpferische Teenagerin Katniss Everdeen (gespielt von Jennifer Lawrence) herausfordert. Der dritte Film in der Reihe "Mockingjay Part 1" läuft seit dieser Woche in den deutschen Kinos.
SPIEGEL ONLINE: Herr Sutherland, kennen Sie den Bechdel-Test?

Sutherland: Nein, was ist das?

SPIEGEL ONLINE: Das sind drei Fragen zur Beurteilung von Frauenrollen in Spielfilmen: Gibt es zwei namentlich bekannte Frauenfiguren? Die miteinander sprechen? Über etwas anderes als einen Mann? "Die Tribute von Panem" ist in der Beziehung vorbildlich - war das ein Kriterium für Sie?

Sutherland: Deutschland ist ebenso vorbildlich, mit einer Kanzlerin... Aber ja, das Thema ist für mich sehr wichtig. Neulich habe ich meiner Frau erzählt, dass ich bei vielen meiner Filme, zum Beispiel "Klute" oder "Wenn die Gondeln Trauer tragen", für eine Erstnennung des Schauspielerinnennamens im Vorspann war. Weil es wirklich starke Frauencharaktere waren. Aber den Bechdel-Test hätten sie dennoch nicht bestanden, fürchte ich.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie die Drehbücher also auch mit diesem Aspekt im Kopf?

Sutherland: Um ehrlich zu sein: Ich denke am meisten über die Figur nach, die ich spielen soll. Darüber, ob ich in ihr eine relevante Wahrheit finde, die ich ausdrücken möchte. Wenn der Film mir missfällt, wenn er beispielsweise eine Moral vertritt, die nicht die meine ist, dann sage ich ab. Aber das ist oft der Fall, wenn die Frauenrollen flach angelegt sind.

SPIEGEL ONLINE: Und bei "Die Tribute von Panem" hat Ihnen alles gefallen?

Sutherland: Dazu bin ich eher zufällig gekommen - mein Agent weiß, dass ich ein alter Mann mit viel Zeit bin und einfach gern Drehbücher lese. Also gab er es mir und sagte: Das wirst du lieben! Die Figur des Präsidenten - die Einzige die ich spielen konnte - war mir noch gar nicht angeboten worden. Der Präsident hatte eh nur eine einzige Dialogzeile, die Originalbücher kannte ich nicht.

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"Hunger Games - Mockingjay Part 1": Der Tribun von Panem
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wollten Sie mitmachen?

Sutherland: Ja, ich glaubte an Jennifer Lawrences Rolle. Und ich sah eine politische Qualität in dem Stoff, mit der man junge Menschen mitreißen, vielleicht sogar politisieren kann. Panem soll ja ganz klar die Vereinigten Staaten symbolisieren, und im Film ist der Staat Panem seit 30 Jahren in einer Art Ruhezustand, bis Jennifer Lawrences Figur ihn aufweckt. Ich denke, wenn ihre Figur männlich gewesen wäre, hätte sie mich viel weniger interessiert. Übrigens dachte ich zuerst, das sei ein Animationsfilm! Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie man ein solches Setting tatsächlich als Realfilm umsetzen will. So altmodisch bin ich.

SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie sich initiativ um die Rolle beworben?

Sutherland: Ja, ich habe eine Brief an die Produzentin geschrieben, und die hat ihn Gary Ross, dem Regisseur vom ersten Teil, gezeigt. Er schrieb dann drei Szenen für mich, die im Rosengarten spielen. Das waren Gedichte! Wundervoll.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Snow riecht bekanntlich streng - wie vermittelt man das im nicht-olfaktorischen Medium Kino?

Sutherland: Man muss es die ganze Zeit im Kopf haben. Ich habe zum Beispiel in meiner Rolle oft mit der Rose gespielt, die an meinem Revers steckte, und sehr viel darüber nachgedacht, was man tut, wenn man weiß, dass man schlecht riecht, und jeder in der Umgebung das wahrnimmt. Die Körpersprache verändert sich dadurch.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jemand, der seine Rollen stark mitgestaltet?

Sutherland: Natürlich muss man seinem Regisseur vertrauen, egal ob es ein Neuling ist oder ein alter Hase. Aber trotzdem - ich mische mich überall ein. Ich sage dann immer: Die Figur mischt sich ein, ich kann gar nichts dafür! 1993 habe ich den Film "Young and younger" mit dem deutschen Regisseur Percy Adlon gemacht, und wir diskutierten lange über eine Szene - im Endeffekt waren wir alle beide überrascht davon, was meine Figur schließlich anstellte, es war nicht abgesprochen, aber wir mussten zugeben, dass es Sinn ergeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Unterschiede zwischen Blockbuster-Produktionen wie "Panem" und Independent-Projekten werden immer größer. Was bedeutet das?

Sutherland: Mein Sohn Roeg finanziert Independentfilme, er macht das glücklicherweise enorm erfolgreich. Ich denke und hoffe also, dass Blockbuster und Indies weiter koexistieren werden. Momentan gibt es aber schon einen Umbruch, weil kaum noch mittelteure Filme finanziert werden - nur noch entweder Megaetat oder verschwindendes Budget. Das macht es schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt dafür, sich komplett Ihrem Beruf hinzugeben. Dabei wollten Sie früher mal Ingenieur werden.

Sutherland: Na ja, ich bin ja in New Brunswick geboren worden und in Nova Scotia aufgewachsen, in einem kleinen Kaff mit tausend Einwohnern. Keiner von uns ging je ins Theater oder hatte auch nur eins von außen gesehen. Doch eines Tages, als ich mit meinem Vater einen Ausflug machte, sagte ich: Ich möchte Schauspieler werden. Er antwortete: Ist okay, aber vorher musst du etwas Solides lernen. Also bestritt ich erst ein Ingenieurstudium, jedenfalls fast. Die Abschlussprüfung habe ich nicht geschafft. Damals betreute ich als Student in Finnland ein Projekt zum Abbau von Titan, zusammen mit einem ostdeutschen Studenten. Der fand, ich sei der schlechteste Ingenieur, den er je gesehen hatte.

Das Interview führte Jenni Zylka

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Werbung
archback 20.11.2014
Sie können diesen Film und seine Fortsetzungen noch so pushen, sie sind und bleiben Schrott.
2. Verkehrte Logik
superswissmiss 20.11.2014
Warum gibt es in der Fotostrecke mehr Fotos von Donald Sutherland als von der Hauptdarstellerin?
3. Eine Frage,
colephelps 20.11.2014
was bedeutet "Mockingjay".
4.
archback 20.11.2014
Zitat von colephelpswas bedeutet "Mockingjay".
Ich verrate Ihnen was: Es gibt ein Internet, in dem man alles "nachschlagen" kann.
5. mockingjay
lemmy 20.11.2014
Das ist ein "Kunstwort". Setzt sich aus dem englischen Wort für Tölpel und Spott zusammen. In dem Kontext ist es ein Vogel, also eigentlich ein spottender Tölpel, sinngemäß.
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