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Filmbiografie "Trumbo": Als Hollywood zu hetzen begann

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Er war einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren, doch als Kommunist hatte er faktisch Berufsverbot: Das Filmporträt "Trumbo" mit TV-Star Bryan Cranston erzählt verblüffend unterhaltsam von Hollywoods dunkelsten Stunden.

Es gibt Fragen, auf die antwortet man als Kommunist besser nicht. "Sind Sie oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika?" gehörte in den Vierziger- und Fünfzigerjahren dazu. Wer mit "Ja" antwortete, landete auf der inoffiziellen "Blacklist" und durfte sich auf dauerhafte Arbeitslosigkeit einstellen. Wer Mitglied oder Sympathisant war und mit Nein antwortete, drohte dasselbe Schicksal - das Komitee für unamerikanische Umtriebe (Original House Committee on Un-American Activities, abgekürzt: HUAC) war in den meisten Fällen bereits informiert.

Während seines rund 37-jährigen Bestehens war Hollywood eines der Hauptziele des HUAC, man hatte eine kommunistische Verschwörung zur Unterwanderung des amerikanischen Kinos ausgemacht. Unter den ersten Filmschaffenden, die verhört wurden und später unter dem Namen "Hollywood Ten" bekannt wurden, war einer der damals bestbezahlten Drehbuchautoren, Dalton Trumbo.

Sein Auftritt 1947 vor dem HUAC war, wie man den Vernehmungsprotokollen entnehmen kann, bestechend pointiert: Die gesamte Veranstaltung verstoße gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten, deklarierte Trumbo lautstark während der öffentlichen Vernehmung, und manche Fragen könnten nur von einem Idioten oder einem Sklaven mit Ja oder Nein beantwortet werden. (Sehen Sie hier einen historischen Filmausschnitt aus seiner Vernehmung)

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"Trumbo": Auf der schwarzen Liste
Biografien von Menschen, die den Großteil ihrer Lebenszeit an der Schreibmaschine verbracht haben, geben nicht unbedingt spektakuläre Filmstoffe ab. Diese hier ist eine Ausnahme: Dalton Trumbo war Autor des populärsten Antikriegsromans seiner Zeit ("Johnny Got His Gun") und überzeugter Kommunist. Weil er die Aussage vor dem HUAC verweigerte, wurden elf Monate Haftstrafe und ein faktisches Berufsverbot über ihn verhängt.

Doch das vermochte den ungemein dickköpfigen Mann kaum zu bremsen. Er etablierte ein System von Strohmännern und fiktiven Autoren, das es ihm und seinen Genossen erlaubte, weiter Geld zu verdienen und eine der finstersten Episoden der amerikanischen Nachkriegsgeschichte zu überstehen - allerdings nicht ohne dass es in der eigenen Familie zu heftigen Verwerfungen kam.

Keine Verneigung vor der Macht

Anders als Filme wie "So wie wir waren" (1973) und vor allem "Schuldig bei Verdacht" (1991), die von den Zerstörungen erzählen, die das HUAC und die von ihm verlangten gegenseitigen Denunziationen anrichteten, kommt "Trumbo" über weite Strecken in heiterem Ton daher. Der bislang auf simple Komödien spezialisierte Regisseur Jay Roach ("Meine Braut, ihr Vater und ich", "Austin Powers in Goldständer") spart sich alle inszenatorischen Mätzchen und verlässt sich ganz auf die bis in die kleinsten Nebenrollen großartige Besetzung und das Script John McNamaras, das den Arbeiten des Titelhelden alle Ehre gemacht hätte.

Bryan Cranston ("Breaking Bad") spielt Dalton Trumbo als unverwüstliches Arbeitstier mit Hang zur großen Geste - der Academy war das 2016 eine Nominierung als bester Hauptdarsteller wert. Das Drehbuch verfährt mit seinen Figuren nicht zimperlich, und der Spaß an der Zuspitzung ist dem Cast anzusehen. Helen Mirren setzt sich als antisemitische Klatschkolumnistin Hedda Hopper einige der grausligsten Hutkreationen der jüngeren Filmgeschichte auf den Kopf, und der von Jahr zu Jahr voluminösere John Goodman greift als rustikaler B-Movie-Produzent Frank King - ebenfalls eine historische Figur - im Kampf gegen die Kommunistenjäger mit spürbarer Begeisterung zum Baseballschläger.

Verdichtungen nimmt "Trumbo" trotz aller Detailfreude vor - die von Comedian Louis C.K. gespielte Figur Arlen Hird etwa ist ein Amalgam einiger zentraler Figuren der "Hollywood Ten" wie Albert Maltz und Lester Cole.

Nur eine Leerstelle bleibt: Dalton Trumbos politisches Selbstverständnis spielt kaum eine Rolle. Wer wissen will, ob der Mann wie viele seiner Mitstreiter eher reformorientiert war oder doch die Expropriation der Expropriateure im Sinn hatte, erfährt hier wenig. In einem Gespräch zwischen Trumbo und seiner Tochter wird suggeriert, Kommunismus bedeute, den Armen mehr zu geben als bislang.

Ansonsten schweigt sich der ansonsten sehr redselige Film an diesem Punkt aus, vielleicht auch, weil ein überzeugter Kommunist, der Enteignung und Verstaatlichung fordert, dem Publikum als Heldenfigur 2016 nach wie vor nicht einfach zu vermitteln wäre. Warren Beattys "Reds" von 1981 ist der letzte große amerikanische Film, der sich in dieser Hinsicht weit aus dem Fenster gelehnt hat.

Tierkadaver im Vorgarten

So erzählt "Trumbo" dann doch eine klassische amerikanische Heldengeschichte, Kommunismus hin oder her. Ein Mann, dem übel mitgespielt wird, bleibt souverän und wehrt sich stoisch gegen die, die ihm das Leben zur Hölle machen wollen. Das Anwesen mit Swimmingpool und Pferdeweide muss verkauft werden, die Familie zieht in eine spießige Vorstadt - eine Nachbarschaft, in der es Brauch zu sein scheint, in den Gärten stadtbekannter Kommunisten Tierkadaver zu deponieren.

Dalton Trumbo bleibt von all dem weitgehend unbeeindruckt, und diese Unerschütterlichkeit im Angesicht der tobenden Niedertracht bildet den Kern der Erzählung: Wir sehen einem Menschen dabei zu, wie er die Verneigung vor der Macht verweigert. Und obwohl er in den Regeln des Biopic verbleibt, gelingt "Trumbo", was in diesem schwierigen Genre ansonsten nur selten glückt: die Verlebendigung von Geschichte.

Stanley Kubricks "Spartacus" und "Exodus" von Otto Preminger waren 1960 übrigens die ersten Filme, in deren Credits der Name Dalton Trumbo wieder auftauchte - der Anfang vom Ende der Blacklist. In den folgenden Jahren schrieb Trumbo unermüdlich weiter, unter anderem das Drehbuch zu "Papillon" (1973), und verfilmte seinen eigenen Roman "Johnny Got His Gun". 1975 wurde ihm schließlich rückwirkend der Oscar für das Drehbuch zu "Roter Staub" zuerkannt, das er zuvor unter dem Pseudonym Robert Rich veröffentlicht hatte.

Kurze Zeit später wurde das Komitee für unamerikanische Umtriebe aufgelöst. Trumbo überlebte es um ziemlich genau ein Jahr.

Im Video: Der Trailer zu "Trumbo"

Paramount
Trumbo

USA 2015

Regie: Jay Roach

Drehbuch: John McNamara

Darsteller: Bryan Cranston, Michael Stuhlbarg, Diane Lane, John Getz, Elle Fanning, Helen Mirren, John Goodman, David James Elliott

Verleih: Paramount Pictures Germany

Länge: 125 Minuten

FSK: 6 Jahre

Start: 10. März 2016

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Sneak
laubblaeser 09.03.2016
In der Sneak-Preview gesehen! Sehr empfehlenswert!
2. Da hat man sich schlicht verzockt
mansiehtnurmitdemherzengu 09.03.2016
Ein Film, der mindestens 50 Jahre zu spät kommt, ist schlichtweg irrelevant. Passt aber zum Regisseur, abgesehen von Komödien, inszeniert er politische Inhalte, die einfach nicht mehr aktuell sind. Mit solchem Material kann man zwar bei manchen Kritikern punkten, von den Academy Awards wurde der Film aber ebensowenig beachtet wie vom Publikum. Eher unwahrscheinlich, dass man in Europa das Budget wieder einspielen wird. Selbst dieser wohlmeinende Artikel befasst sich ja mehr mit der Person Trumbos als mit dem Film selbst. Zwischen den Zeilen gelesen ist das eine vernichtende Kritik. Für sein nächstes Projekt bleibt Roach dem Metier sowie seinem Hauptdarsteller treu und hofft darauf, dass der Tony-Award der Vorlage ihm den gewünschten Erfolg beschert.
3. Trumbos politisches Selbstverständnis spielt kaum eine Rolle
noalk 09.03.2016
Wozu auch? Dieser Film soll ja auch keine Statement für oder gegen Kommunismus sein, auch keine Erörterung der Frage, ob Kommunisten bessere oder schlechtere Menschen sind als andere. Es geht um Ausgrenzung von für Herrschende unliebsame Menschen und deren Kampf dagegen. Und das ist das, was diesen Film durchaus aktuell macht (@2).
4. Zeitlose Themen - leider
ed_tom_bell 09.03.2016
Zitat von noalkWozu auch? Dieser Film soll ja auch keine Statement für oder gegen Kommunismus sein, auch keine Erörterung der Frage, ob Kommunisten bessere oder schlechtere Menschen sind als andere. Es geht um Ausgrenzung von für Herrschende unliebsame Menschen und deren Kampf dagegen. Und das ist das, was diesen Film durchaus aktuell macht (@2).
Das wird vermutlich immer aktuell sein und bleiben. Wobei allerdings Inhalte im konkreten Fall immer wichtiger sein sollten als die bloße Auflehnung ansich, wie auch und gerade der von Ihnen wohl suggerierte aktuelle Bezug deutlich macht, denn es stellt sich ja immer auch die Frage ob die Ziele der sich Auflehnenden besser, humaner und die sich Auflehnenden selbst lauterer sind als die, gegen die sie sich auflehnen (- "lauterer" nicht "lauter"). Diese Ära der amerikanischen Geschichte, in der ein erzkonservativer Alkoholiker, dessen öffentliches Ansehen maßgeblich auf einem Lügengebäude über sein Kriegsheldentum beruhte (McCarthy), und ein bigotter Hardliner (Hoover), der selbst vieles von dem war, was er auf innovative und hoch effiziente Weise bekämpfte, ist wirklich hoch interessant und schockierend zugleich, und kann durchaus auch noch auf andere Weise mit aktuellen Begebenheiten assoziiert werden, als auf die, um die es Ihnen wohl geht. Aber entschuldigen Sie bitte, falls ich Sie falsch verstanden haben sollte.
5. ... The Times They Are a-Changin’
SeasickSteve 09.03.2016
Zitat: "... und manche Fragen könnten nur von einem Idioten oder einem Sklaven mit Ja oder Nein beantwortet werden." Im Hollywood des Jahres 2016 – aber auch in Babelsberg oder sonst wo - hätte Trumbo nicht wegen (s)einer linken Gesinnung sondern vielmehr wegen dieser Äußerung kein Bein mehr auf die Erde bekommen ...
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