Homophobie in Russland Kreml will Tschaikowsky-Film zensieren

Ein Genie braucht kein Sexualleben: Der russische Kulturminister will einen Film über Peter Tschaikowsky nur dann fördern, wenn dessen Privatleben ausgeklammert wird - weil der Komponist schwul gewesen sein soll.

Komponist Tschaikowsky: "Irgendwelche Gerüchte"
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Komponist Tschaikowsky: "Irgendwelche Gerüchte"


Moskau - Der diskriminierende Umgang der russischen Regierung mit Homosexuellen geht weiter: Jetzt sind die Vorbereitungen für einen Film über den berühmten russischen Komponisten Peter Tschaikowsky ("Schwanensee", "Der Nussknacker") ins Stocken geraten. Grund dafür: Der Filmfonds will Staatshilfen in Höhe von 30 Millionen Rubel (etwa 670.000 Euro) für das Biopic nur beisteuern, wenn das Privatleben des Künstlers ausgeklammert werde.

Offiziell hieß es, es gebe kein Zuschauerpotenzial für den Film, deshalb würden die Gelder zurückgehalten. Kulturminister Wladimir Medinski machte aber deutlich: "Der Film muss vom Genie Tschaikowsky handeln und nicht von irgendwelchen Gerüchten über seine Biografie". Zudem gebe es keine Beweise, dass Tschaikowsky homosexuell war. Damit widerspricht er der in der Tschaikowsky-Forschung herrschenden Meinung.

Erst vor wenigen Wochen hatte Kreml-Chef Wladimir Putin ein Verbot von sogenannter Homosexuellen-Propaganda unterzeichnet. Äußerungen über gleichgeschlechtliche Lebensweisen werden dadurch unter Umständen scharf geahndet. Die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige steht unter Strafe. Ausländer, die gegen den Passus verstoßen, können mit umgerechnet rund 120 Euro bestraft werden und unter Umständen für 15 Tage unter Arrest gestellt oder des Landes verwiesen werden.

Regisseur Kirill Serebrennikow kündigte jetzt an, das Geld für das Komponisten-Biopic außerhalb Russlands aufzutreiben, wie er bei Facebook mitteilte. Der Film soll 2015 zum 175. Geburtstag Tschaikowskys (1840-1893) erscheinen. Als Budget sind 240 Millionen Rubel eingeplant.

vks/dpa

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Mario V. 19.09.2013
1. zensieren?
Zitat von sysopGetty ImagesEin Genie braucht kein Sexualleben: Der russische Kulturminister will einen Film über Peter Tschaikowsky nur dann fördern, wenn dessen Privatleben ausgeklammert wird - weil der Komponist schwul gewesen sein soll. http://www.spiegel.de/kultur/kino/tschaikowsky-film-in-russland-gestoppt-a-923272.html
Zensur wäre, wenn der russische Kulturminister den Film verbieten oder Teile daraus entfernen lassen würde, was gar nicht geht, da der Film ja noch nicht existiert. Es gibt nur einfach keine Fördermittel für unliebsame Inhalte, selbst wenn sie inhaltlich korrekt sind. Das ist was anderes, und auch nichts ungewöhnliches oder gar spezifisch russiches, außer dass das unliebsame Thema in diesem Fall die Homosexualität ist. Nur mal so als Beispiel, was würde wohl ein Produzent in Deutschland für Fördermittel erhalten, der einen Film über Luther drehen und dabei dessen antisemitische Einstellung in den Fokus rücken will? Der Produzent dürfte den Film sicher gerne drehen, aber auf Fördermittel aus dem Kultusministerium würde ich an seiner Stelle nicht bauen. Luther, den großen Reformator der Kirche, Vorbild von Millionen Gläubigen, ein Antisemit? Geht ja gar nicht.
dosmundos 19.09.2013
2.
Würde dann auch kein Film über Putin gefördert? Der soll ja auch schwul sein (Fotos mit nacktem Oberkörper! KGB = geheimer Männerbund! Allzu offensichtliche Kampagnen gegen Homosexualität!)
BettyB. 19.09.2013
3. Hoffnung auf Einsicht
Da kann man nur hoffen, dass der Herr Putin plötzlich entdeckt, doch schwul zu sein...
marthosch 19.09.2013
4. 1984
Das russische "Wahrheitsministerium" schreibt einfach die Geschichte um und passt Fakten der herrschenden Regierungsmeinung an. Dass ist wie im Buch "1984". Die Homophobie in Russland nimmt so groteske Züge an dass ich dieses Land meiden werde solange dort Diktatoren wie Putin das Sagen haben. Die Olympiade von Sotschi werde ich am TV boykottieren, da es mir immer wieder unverständlich ist wie man Olympia an Diktaturen wie China oder Russland vergeben kann. Und nein, Russland ist keine Demokratie. Es tut nur manchmal so.
citropeel 19.09.2013
5. staatliche geförderte Geschichtsfälschung
Hatten wir doch alles schon mal (auch) in Russland. Und diesmal trifft es Menschen, deren sexuelle Präferenzen nicht der herrschenden Klasse gefallen, weil sie diese für sittlich gefährlich halten. Es geht weiter abwärts mit Russland.
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