Fatih Akins Film "Tschick" Heldenreise im Lada

Kann "Tschick" im Kino dem Mega-Bestseller gerecht werden? Regisseur Fatih Akin wagte es mit seiner ersten Literaturverfilmung, heraus kam das perfekte Roadmovie.


Es gibt Filme, die auf literarischen Vorlagen beruhen, also auf Büchern, die selbst nicht sehr bekannt sind. Und es gibt Literaturverfilmungen. "Tschick" ist ganz eindeutig eine Literaturverfilmung. Schließlich wurde der Roman mehr als zwei Millionen Mal verkauft, mit diversen Preisen ausgezeichnet und vor allem: von seinen Lesern so heiß geliebt wie wenige Veröffentlichungen der letzten Jahre. Insofern ist die Erwartungshaltung an seine Verfilmung sehr groß und wird gleichzeitig von bangen Fragen dominiert: Klappt das? Oder macht der Film die Leseerfahrung kaputt? Braucht man ihn überhaupt?

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Herrndorf-Verfilmung "Tschick": Ein Sommer ohne Plan

Ganz deutlich: Das klappt. Sehr gut sogar. Und tatsächlich braucht man "Tschick", den Film, unbedingt, wenn man "Tschick", den Roman, begeistert verschlungen hat. Denn wohl jeder Leser hat bei der Lektüre des Romans die gleiche Erfahrung gemacht: Man wollte, wie die beiden Protagonisten Maik und Tschick, dass ihre Reise nie zu Ende gehen möge. Jetzt hat man im Kino die Möglichkeit, sie mit ihnen noch einmal zu bestreiten. Für 90 Minuten wenigstens darf man noch einmal eintauchen in die Welt aus Wolfgang Herrndorfs Imagination, diese Welt, so hart und traurig wie die wirkliche, und doch so merkwürdig zart und leicht und lustig, so verzaubert.

Dass Fatih Akin und sein Team es schaffen, die Atmosphäre des Romans in Bilder und Dialoge zu übersetzen, das ist ihr ganz großes Verdienst. Literaturverfilmungen sind eine schwierige Sache, eigentlich ungeliebt, weil sie eben das oft nicht hinbekommen. Und in diesem Fall waren die Voraussetzungen nicht gerade ideal. Am Anfang standen Querelen zwischen dem Produzenten Marco Mehlitz und David Wnendt, der ursprünglich Regie führen sollte. Es gab scheinbar kreative Differenzen, Akin ersetzte Wnendt, das Drehbuch wurde umgeschrieben - die Angst, dem Ruf des Romans nicht gerecht werden zu können, saß offenbar tief.

Schon die ersten Minuten des Films allerdings sind großes Kino: Unfall auf der Autobahn, tote Schweine, ein dampfender Lada und ein blutverschmierter 14-Jähriger. Man spürt: Das geht in die richtige Richtung. Von Unsicherheit auf Seiten von Fatih Akin ist nichts zu spüren, obwohl "Tschick" sein erster Film nach dem künstlerischen Misserfolg mit "The Cut" ist.

Die Handlung dreht sich um Maik (Tristan Göbel), der in einer Wohlstandsblase lebt, während sein Vater auf den Bankrott zusteuert; dessen Mutter alkoholkrank ist und immer wieder in einer als "Beautyfarm" etikettierten Entzugsklinik verschwindet; der in seiner Klasse Psycho genannt wird, keine Freunde hat und die schöne Tatjana nur aus der Ferne anhimmelt.

Actionreich, aber liebevoll

Und um Tschick (Anand Batbileg), der eigentlich Andrej Tschichatschow heißt, aus einer Familie russischer Spätaussiedler stammt und neu in der Klasse ist. Der kommt betrunken zur Schule, trägt Assi-Klamotten und sagt ansonsten kaum ein Wort. Was Maik und Tschick verbindet, ist die Tatsache, dass beide nicht zur Geburtstagsparty von Tatjana eingeladen sind, die den Beginn der großen Ferien einläutet. Irgendwann sitzen beide dann in einem gestohlenen Lada und gehen auf eine Reise durch den Sommer in die ostdeutsche Provinz. Eine Heldenreise, ganz ohne Zweifel.

Wolfgang Herrndorf war selbst ein großer Filmfan. In seinem Blog "Arbeit und Struktur", den der an einem Hirntumor erkrankte Autor bis zu seinem Tod führte, schrieb er, Regisseure sollten sich freimachen von der literarischen Vorlage. Fatih Akin allerdings geht den anderen, den schwierigeren Weg: Er bleibt eng an Herrndorfs "Tschick". Das Drehbuch schrieb er mit dem mit Herrndorf befreundeten Autor Lars Hubrich und holte sich Hilfe von Hark Bohm, der 1976 den Jugendfilmklassiker "Nordsee ist Mordsee" drehte. Die Handlung ist elegant gerafft, einige Randfiguren und Episoden, die man beim Lesen lieb gewonnen hatte, fehlen im Film. Im Großen und Ganzen aber folgt der dem Buch.

Nicht nur, was die Handlung angeht, sondern auch die Form. Dieser raue und gleichzeitig liebevolle Gestus - man findet ihn im Film sofort wieder. Es wird auf das Wunderbarste geschimpft und geflucht. Tschick übergibt sich völlig betrunken über eine Schulbank. Und wenn Maiks Vater und dessen Geliebte einen unrühmlichen Abgang hinlegen und Maik sie imaginär mit seinem ausgestreckten Finger erschießt, dann reißen bei beiden tatsächlich Wunden auf und das Blut spritzt. In kleinen Szenen wie dieser ersetzt Akin dann doch hin und wieder Herrndorfs Sound durch eigene, filmische Erfindungen.

Überhaupt wirkt der Film stellenweise rasanter, actionreicher als die Vorlage. Wenn Maik und Tschick ihren Lada durch ein Maisfeld jagen und von einem Bauern auf dem Traktor verfolgt werden, dann tritt der magische Realismus des Buches etwas zurück. Aber Akin und sein Kameramann fangen ihn dann wieder ein, wenn sie ihre beiden Helden in stille Dörfer mit ihren merkwürdig freundlichen Bewohnern schicken.

Dass die Übersetzung vom Buch zum Film bei "Tschick" so gut funktioniert, liegt natürlich auch an den filmischen Qualitäten der Vorlage. Beim Lesen konnte man sich sehr gut vorstellen, wie die leiernde Richard-Clayderman-Kassette wohl zu den Abenteuern der beiden Jungen klingen würde; im Film hört man den ironischen Bruch ganz direkt. Und der Ich-Erzähler Maik ist im Film kein Konstrukt, um Befindlichkeiten und Emotionen der Protagonisten zu erklären, sondern er entspringt direkt dem Roman, wo er ebenfalls durch die Handlung führt.

So wird "Tschick", wie schon das Buch zuvor, zu einem Film für Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen. Aber so leicht und unterhaltsam das Ganze auch daherkommen mag - zu leicht nehmen sollte man es auf keinen Fall.

Die Welt der Erwachsenen ist hart, voller Lügen und für die Jungs kaum zu durchschauen. Wolfgang Herrndorf war bereits todkrank, als er das Buch schrieb, und die Nähe des Todes ist in Form einer existenziellen Verdichtung zwischen den Zeilen spürbar. In seinem Roman öffnet er den Raum für eine Welt des Sommers und der Freiheit. "Projekt Regression: Wie ich gern gelebte hätte", schrieb er dazu in "Arbeit und Struktur". Am Rand aber, da lauern die Schatten. Auch im Film. Und besonders in diesem Sinn bleibt Fatih Akin diesem geliebten Buch treu. Das ist beglückend, bei aller Traurigkeit.

Im Video: Der Trailer zu "Tschick"

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Seite 1
ty coon 14.09.2016
1. Akin und Herrndorf,
das könnte passen. Das wird vielleicht endlich mal wieder ein deutscher Film, für den ich tatsächlich ins Kino gehe. Das Buch war grandios, so wunderbar leicht geschrieben für eine triste Welt. Man wünscht diesem Buch, daß es im Unterricht gelesen wird. Wobei Schüler eigentlich nichts mehr hassen als Bücher im Deutschunterricht. Na gut, dann hoffe ich, daß sie dieses Buch freiwillig lesen.
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