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"Türkisch für Anfänger" im Kino: Ich lach mich Krankenhaus

Von Lisa Goldmann

Sie Deutsche, er Ausländer, sie Zicke, er Macho: Der Kinofilm "Türkisch für Anfänger" arbeitet sich wie die preisgekrönte TV-Serie an kulturellen Klischees ab. Und ist dabei so selbstironisch, ungeniert und lustig, dass wohl auch Thilo Sarrazin lachen müsste.

Constantin Film

"Nenn mich noch einmal Schlampe, und du bekommst von mir einen Abschiebestempel direkt zwischen deine Beine." So beginnen große Liebesgeschichten.

Lena (Josefine Preuß) sitzt neben Cem (Elyas M'Barek) im Flugzeug. Gleich wird das Flugzeug abstürzen, Lena und Cem landen auf einer einsamen Insel, und während sie sich noch angiften, verlieben sie sich ineinander. So geschieht es im Kinofilm "Türkisch für Anfänger".

"Türkisch für Anfänger" ist eigentlich eine Fernsehserie, produziert für die ARD. Die Serie, die immer genannt wird, wenn jemand - meistens ein Programmplaner oder Journalist - belegen will, dass es doch gute deutsche Fernsehserien gibt. Das ist richtig, hat aber einen Haken: Die Serie gibt es seit über drei Jahren nicht mehr. Dass sie immer noch herhalten muss, wenn es um deutsche Fernsehqualität geht, liegt daran, dass es nicht viele gute und intelligente deutsche Fernsehserien gibt. Es liegt aber auch daran, dass die Serie wirklich klug und lustig war.

Nun gibt es in Deutschland ja leider auch nur wenige gute Filmkomödien. "Türkisch für Anfänger - der Film" ist auf jeden Fall eine von den besseren. Die Charaktere und Grundkonflikte der Serie wurden übernommen, auch die Schauspieler sind dieselben, die Story aber ist neu erzählt. In der Serie verlieben sich die esoterische Therapeutin Doris Schneider (Anna Stieblich) und der korrekte Polizist Cem Öztürk (Adnan Maral). Mit ihren Kindern Lena und Nils und Cem und Yagmur (Pegah Ferydoni) gründen sie eine Patchworkfamilie und arbeiten sich an allerhand kulturellen Klischees ab. Im Film begegnen sich die Familien Schneider und Öztürk dagegen auf einer Flugreise nach Thailand zum ersten Mal.

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"Türkisch für Anfänger": Multikulti, multilustig
Während Cem, Yagmur, der Grieche Costa (Arnel Taci) und Lena auf einer einsamen Insel stranden und sich dort langsam näher kommen, bandeln die Eltern Doris und Metin in der Ferienanlage an, wo sie auf die Rettung ihrer Kinder warten. Lena verzweifelt, weil sie auf der Insel "die Einzige mit Abitur ist und jetzt ganz, ganz stark sein muss". Cem leidet, weil es hier nicht mal geile Weiber gibt. Doris kann nicht akzeptieren, dass sie älter wird, weswegen sie immer noch im Justin-Bieber-Badeanzug auf Discobooten abtanzt.

Die Entscheidung, nicht einfach die Handlung der Serie weiter zu spinnen, sondern neu anzufangen, war richtig. Die Serie ist auserzählt und selbst für Fans dürfte ein Neuanfang spannender sein als der Alltag von Lena, Cem und ihrem Baby, das sich am Ende der dritten Staffel ankündigt. Und so wahnsinnig viele Fans gibt es, mal abgesehen von Programmleitern, Journalisten und Mitgliedern der Grimme-Jury, ja auch gar nicht. Die Quote der Serie lag von Anfang an unter den Erwartungen der ARD, erst nach Zuschauerprotesten wurde eine zweite Staffel bewilligt.

Sie Zicke, er Macho

Fürs Kino muss sich "Türkisch für Anfänger" also eine neue Zielgruppe erschließen. Dafür ist Bora Dagtekin, der Kopf hinter Serie und Film, Kompromisse eingegangen. Das Filmplakat erinnert mit seiner grellen Regenbogenoptik eher an tumbe Sex-Komödien wie "American Pie" oder "Sex on the Beach". Strand und (fast) Sex gibt es denn auch in "Türkisch für Anfänger". Die exotische Strandkulisse hat zudem den Vorteil, dass die Hauptdarsteller den ganzen Film halbnackt herumrennen können. Auch bei der Story hat Autor und Regisseur Dagtekin keine Experimente gewagt. Die Geschichte vom ungleichen Paar, das in der wilden Natur bestehen muss und sich dabei näherkommt, hat ja schon oft funktioniert. Sie zynisch, schlagfertig und ein wenig verklemmt, er voller Machoallüren, nicht so schlagfertig, aber eigentlich ein netter Kerl (siehe "Sechs Tage, sieben Nächte", "Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten", "Crocodile Dundee", "African Queen" etc. pp.).

Bora Dagtekin zeigt dennoch, dass er immer noch einer der originellsten Dialogschreiber der deutschen Film- und Fernsehbranche (zu bewundern auch in seiner zweiten Serie "Doctor's Diary", die von 2008 bis 2011 auf RTL lief) ist. Der Film ist voller Klischees, aber anstatt sie breitzutreten, macht er sich über sie lustig und spielt sie selbstbewusst aus. Die Anzahl der Gags in "Türkisch für Anfänger" ist im Vergleich zu vielen anderen Komödien sehr hoch, und auch wenn die meisten eher klamaukig als intellektuell sind: Sie sitzen.

Schauspielerin Josefine Preuß hat die Rolle der politisch unkorrekten und verbiesterten Lena perfektioniert, im Film lebt sie sie noch einmal voll aus. Wie auch in der Serie überzieht Lena das Geschehen mit ihren bissigen Kommentaren aus dem Off. Schon bei der ersten Begegnung an einer Ampel auf dem Weg zum Flughafen ruft Lena beim Anblick von Yagmur entsetzt: "Oh Gott, ist die etwa verschleiert? Fahr schnell weiter, bevor sie den Zünder drückt!"

Und so beginnt "Türkisch für Anfänger - der Film" genau wie die Serie mit Vorurteilen - und endet mit einer liebenswerten, verkorksten, interkulturellen Patchworkfamilie.

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1. Lustiger,....
ogniflow 13.03.2012
Zitat von sysopConstantin FilmSie Deutsche, er Ausländer, sie Zicke, er Macho: Der Kinofilm "Türkisch für Anfänger" arbeitet sich wie die preisgekrönte TV-Serie an kulturellen Klischees ab. Und ist dabei so selbstironisch, ungeniert und lustig, dass vielleicht sogar Thilo Sarrazin lachen müsste. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,820791,00.html
wäre noch die Ausgangssituation - Er Deutscher,Sie Türkin - mit all den kulturellen Klischees: Ihre Familie lehnt ihn ab, Sie wird bedroht und verschleppt, Er wird verprügelt und erpresst (..dann muß Sie zurück in die Türkei ). Ein spannendes Thema, so erging es mir nämlich als ich 17 war. Ich bezweifel allerdings, daß es dafür einen Preis gegeben hätte. Ich lach mich Krankenhaus.
2. Mehr Experimente!
Das-tobende-Steuerschaf 13.03.2012
Hmmm... Die Kritik ließt sich, als hätte der Autor Mühe, den Film zu loben. Vermutlich wieder das übliche Erziehungsfilmchen. Aber vielleicht tue ich es mir ja mal an :-) Wie wär's mal mit folgendem Plot? Tumber Neo-Nazi Skinhead bandelt mit schüchternem Kopftuchmädchen an? Unglaubwürdig, würde aber auch nicht so Rollenklischees bedienen wie das o.a. Werk.
3. Nett
Reqonquista 13.03.2012
Zitat von sysopConstantin FilmSie Deutsche, er Ausländer, sie Zicke, er Macho: Der Kinofilm "Türkisch für Anfänger" arbeitet sich wie die preisgekrönte TV-Serie an kulturellen Klischees ab. Und ist dabei so selbstironisch, ungeniert und lustig, dass vielleicht sogar Thilo Sarrazin lachen müsste. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,820791,00.html
Es ist ja ehrenwert, das Integrationsthema mit positiven Beispielen aufhellen zu wollen. Die Kritik richtet sich aber nicht gegen die Beispiele aus diesem Film od. der Serie, sondern gegen die um sich greifende Spielregeln der dahinter liegenden Religion. Davor haben die Leute Angst. Nicht vor kulturellen Unterschieden, solange sie nicht andere ausgrenzen (Schwule, Religionswechsler, Unglübige). Solange der Marschbefehl im Zweifel von religiösen Führern gegeben wird, nützt es auch nicht, wenn die zwischenmenschliche Ebene durch direkten Kontakt in Ordnung ist. Totale Toleranz muß die unabdingbare Grundlage sein.
4. "Multilustig"
arnewolf 13.03.2012
Die Autorin scheint laut Artikel ja mehr zu wissen. Nach der Vorschau zu beurteilen ist der Unterhaltungswert dieses Films nämlich unterste Klamaukschublade. Ich habe diverse Freunde befragt und die einhellige Meinung ist, dass nur Volldeppen so eine Sendung sehen würden. Tut mir leid.
5. "Sie Deutsche, er Ausländer"
Braunschweiger77, 13.03.2012
was auch sonst. Umgekehrt geht ja gar nicht, gell?
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