2Pac-Biopic "All Eyez on Me" Klischeepaket eines Gangsterrappers

Aufstiegsmärchen, popkulturelle Erinnerung, Erzählung über Rassismus in den Vereinigten Staaten: Die 2Pac-Filmbiografie "All Eyez on Me" ist von alldem ein wenig - und insgesamt leider nichts wirklich.

Constantin

Die USA hätten einen anderen Film über Tupac Amaru Shakur gebraucht. Stattdessen bekamen sie "All Eyez on Me". Mit 140 Minuten nimmt sich das verunglückte Biopic sogar noch acht Minuten mehr Zeit, als das legendäre gleichnamige Doppelalbum, das bis heute stilprägend für eine ganze Hip-Hop-Generation ist und immer noch bewundert und zitiert wird, zuletzt in Kendrik Lamars "Mortal Man".

Das Album und Tupacs Stimme haben auch nach über 20 Jahren kaum etwas von ihrer Aktualität verloren. Gerade im heutigen Amerika, das geplagt wird von Rassenkonflikten, die im liberalen Teil der Gesellschaft als halbwegs überwunden galten und doch im momentanen Klima an allen Ecken aufbrechen wie schwelende Wunden.

Der Film "All Eyez on Me" verpasst die Gelegenheit, die faszinierende Figur Tupac gerade jetzt genauer zu erkunden und einem breiteren Publikum näherzubringen, freigeschält von all den Lagen der Fremddefinition, die den Künstler bereits vor seinem Tod zur Ikone oder Hassfigur stilisiert haben. Denn der reale Tupac, von seiner Mutter Afeni Shakur, einer bekannten Black-Panther-Aktivistin, nach dem peruanischen Revolutionär Tupac Amaru benannt, ist eine prägende und in ihren Widersprüchen extrem spannende Figur der schwarzen Popkultur.

Die Filmemacher schrecken davor zurück, selbst Stellung zu beziehen

Eine zähe Entstehungsgeschichte deutete schon an, dass die Produktion des Tupac-Films eine Herausforderung werden würde. Rechtsstreit, Geldprobleme, dann der Absprung des Regisseurs John Singleton, bevor dann schließlich mit Benny Boom ein Musikvideoregisseur übernahm (er drehte Videos für Nas, Lil Wayne und Nicki Minaj) , der wenigstens selbst eine Rapvergangenheit hat. Doch der Filmemacher beging den Kardinalfehler eines Biopics und versucht, so viel Information und prägende Lebenssequenzen wie möglich in diesen Film zu pressen.

Mühsam hangelt sich die Story entlang an den Stationen von Tupac Shakurs Karriere und Familiengeschichte, in der ersten Hälfte noch gerahmt von einem realen Interview, das der junge Tupac im Gefängnis gibt. Dieses recht konventionelle filmische Mittel ermöglicht immerhin noch ein paar kritische Fragen zu seinen Texten. Seine Einstellung zur Gewaltverherrlichung, der teils frauenfeindliche Inhalt der Songs und seine politischen Überzeugungen werden kurz angeschnitten, aber eben durch die Distanzierung der Reporterfragen. Und bevor die Auseinandersetzung mit der Figur spannend werden kann, schrecken die Filmemacher davor zurück, selbst Stellung zu beziehen.

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"All Eyez on Me": Erschossen mit 25

Im zweiten Teil des Filmes verfällt Regisseur Boom dann vollends den Verführungen der schillernden Idolisierung des Rappers. Viel schweißglänzendes Sixpack im Gegenlicht der Bühnenscheinwerfer, ausufernde Sexpartys mit wackelnden Hintern in Stringtangas und fette Golduhren, Limousinen, Geldbündel. Das komplette Klischeepaket eines Gangsterrappers, all inclusive. Der East-Coast-West-Coast-Battle, der letztlich in den Morden an Biggie Smalls alias The Notorious B.I.G. und Tupac mündete, darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das ständige Gezerre um den Nachwuchsstar durch das Death Row Label des berüchtigten Suge Knight und die hyperventilierende Mediendiskussion um die Gefahren des Gangsterraps. Vieles davon wurde schon im deutlich stärkeren "Straight Outta Compton" 2016 abgehandelt.


"All Eyez on Me"
USA 2017
Regie: Benny Boom
Drehbuch: Steven Bagatourian, Jeremy Haft, Eddie Gonzalez
Darsteller: Demetrius Shipp Jr., Danai Gurira, Kat Graham, Annie Ilonzeh, Dominic L. Santana, Jamal Woolard
Produktion: Emmett/Furla Films, Morgan Creek Productions, Oasis film
Verleih: Constantin Film
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 15. Juni 2017


Jeder angeschnittene Handlungsstrang bleibt merkwürdig blutarm und man erwischt sich immer wieder dabei, eigentlich mehr über die Beweggründe, den Charakter und die Figur Tupacs herausfinden zu wollen, der sich durch seine Familienverankerung in der Black-Panther-Bewegung, seine klassische künstlerische Ausbildung und eine trotzdem glaubwürdige Verkörperung des wütenden, unterdrückten schwarzen Amerikas eben deutlich von anderen Rappern dieser Zeit unterschied.

Der Film wird seinem Gegenstand nicht gerecht

Die schwierige Beziehung zu seiner Mutter (Danai Gurira) und die prägende Freundschaft zu Jada Pinkett (Kat Graham) bleiben Hintergrundrauschen. Die einzig wirklich starke Szene des Films ist Tupacs Vorsprechen bei weißen Labelchefs, denen er zu verstehen gibt, warum er nicht bereit ist, seine Songs für einen chartorientierten weißen Markt abzuschwächen. Wenigstens ist mit Demetrius Shipp Jr. die Hauptrolle ordentlich besetzt und der Newcomer gibt sich große Mühe, alle Facetten des Originals abzubilden, vom betörenden Charme des Rappers bis hin zur Zerrissenheit seines künstlerischen Daseins zwischen Platinumplatten und politischem Anspruch.

Letztlich ist aber auch Shipp Jr. nur ein kleiner Kiesel im alles zermahlenden Strom dieser Produktion, der Reduktion in jeder Hinsicht nur gutgetan hätte. So wird das überfrachtete zweieinhalbstündige Biopic seinem spannenden und widersprüchlichen Sujet nie wirklich gerecht.

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Werk des 1996 mit nur 25 Jahren erschossenen Tupac eine neue Generation Hörer findet, es eignet sich in jedem Fall besser dazu, den Künstler und seine Relevanz zu verstehen als dieser Film.

Im Video: Der Trailer zu "All Eyez on Me"

Constantin
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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
ocmone 15.06.2017
1. Wirklich schade
Ich hatte mich nach Straight outta Compton schon sehr auf diesen Film gefreut. 2Pac hätte in der Tat mehr verdient.
Knossos 16.06.2017
2. Künstler, Anspruch, politischer Anspruch
Freiheitskampf ist in seiner Legitimation und Argumentation immer intellektuell anspruchsvoll. Tupacs Mutter und deren Gefährten war das bewußt und wohl mindestens teils Grundlage. Rap ist, anders als dessen lyrische Wurzel der Limericks, musikalisch trivialer als lullaby. Wenn Tupac dazu im Stande gewesen wäre, hätte er sich besser musisch und strukturell standesgemäßem, wie Jazz, Soul, Blues, Reggae, Gospel, oder Rock´n roll zugewendet, statt maschinstisch monotoner Kakophonie, deren Gleichförmigkeit auch im Neurologischen durch Jaktation im Hospitalismus indiziert, wie Variationsarmut auf das Denkorgan wirkt. Wenn ursprünglich drei Jugendliche Rocksequenzen loopen, um darüber im Stakkato zu palavern, weil sie weder Instrumente noch Gesang beherrschen, zugleich aber vom Stardom in den glorreichen Siebzigern befeuert sind, während Produzenten ohne aktuellen Stern im Portfolio, eben nach neuem vermarktbarem Sensationswert á la John Cale suchen und daher das rappende Trio von der Straße weg promoten, dann ist das die Geschichte eines Fertig-Genres. Eines Es-geht-auch-so und Weg-mit-Hürden-exklusiver-Kunst/Virtuosität dessen inhaltliche Vermittlung sich in dem Sinne auch schon erschöpft. Primitivität, die nicht wirklich zweckmäßig ist, um politischen und / oder idealistischen Inhalt zu transportieren. Mit Genres anspruchsvoller Musik wäre ihm vermutlich der Zwiespalt erspart geblieben, aus feudalem Luxus heraus für Entrechtete wirken zu wollen (was ihm moralisch bigott scheinen mochte, es ethisch aber nicht sein muß, solange Engagement authentisch ist); vor allem aber auch, dem Rap und möchtegern Capones 'stilgerecht', erschossen zu werden. Post mortem obendrein auch noch vom verachteten Klassenfeind herabgesetzt zu sein, dem er eine Strafverfolgung der Mörder so unwert war, daß er sie unverhohlen laufenließ. Hätt´ste Dir mal afrikanische Chöre angehört, Dir ´n Instrument gegriffen, Tupac, und entdeckt, wie vital Melodie und wie mitreißend Rhythmus ist, der sich im Gegensatz zu Dieseltuckern u.ä. über Progression und Synkope entfalten und ranken, ausbrechen und rückkehren kann. Nervenkitzel, der würdige Botschaften zu tragen vermag, die am Ende zu wer weiß was für bedeutsamem Biopic gereicht hätten, an dem sich kein Regisseur abmühen müßte. Schließlich sind auch Limericks gewitzt, und gehen deshalb um.
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