Ein Vierteljahr im Kino "Unsere Liebe, unsere heilige Sache"

Filme gegen Serien, Netflix gegen Cannes: 2017 wurde leidenschaftlich über neue Aufmerksamkeitsökonomien gestritten. Die wichtigste Frage lautet: Hat bei all der Vielfalt noch jemand den Überblick?

Showtime/ Sky

Eine Kolumne von


Kann eine Serie der beste Film des Jahres sein? Warum nicht, sagt die Redaktion der französischen "Cahiers du Cinéma" und platziert "Twin Peaks: The Return" in ihrer Kino-Top-10 ganz oben. Warum nicht, sagt auch die britische Filmzeitschrift "Sight & Sound" und verkündet fast zeitgleich mit den Franzosen, dass die Serie in ihrer Umfrage immerhin auf Platz zwei rangiert.

Vor allem in den USA haben die beiden Entscheidungen eine bemerkenswert aufgeregte Debatte darüber losgetreten, ob es rechtens ist, die 18 Episoden dieser Serie zusammen als einen Film zu begreifen. Die einen sagen, eine vom Fernsehen fürs Fernsehen im seriellen Fernsehformat produzierte Sendung dürfe nicht vom Kino eingemeindet und dem Fernsehen entrissen werden. Die anderen behaupten, die als 18-stündiger Film konzipierte Serie sei in ihren sehr freien und experimentellen formalen Entscheidungen eng mit dem Kino verbunden.

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"Twin Peaks"-Finale: Drei Staffeln Fernsehgeschichte

Matt Zoller Seitz, seines Zeichens Film- und Fernsehkritiker, spitzt den Widerspruch so zu: "Ich mache das schon lang genug, um ganze Generationen von Filmkritikern zu beobachten, die versuchen, großartiges Fernsehen als Kino umzudefinieren, und es fühlt sich immer herablassend und vielleicht auch wie Selbsthass an."

Klar, Fernsehen darf auch einfach als solches toll sein und muss in keinen anderen Rahmen gestellt werden. Aber ob "Twin Peaks" ein Film ist, ist gerade in diesem Jahr wirklich eine gute Frage - weil sie mitten hineinplatzt in die das Kinojahr prägenden Kämpfe um die Sichtbarkeit verschiedener Formate (kurz, lang, episodisch, Binge-Watching-Material?) und der Plattformen, auf denen sie erscheinen (Kino, Fernsehen, online?).

Netflix hat jüngst angekündigt, 80 eigenproduzierte Filme 2018 herauszubringen und im gleichen Zeitraum etwa 8 Milliarden US-Dollar in "Content"-Produktion zu stecken. Kein Wunder, dass bei so einer Masse an Bewegtbildern gern auch die Aufmerksamkeit, die Festivals für einzelne Filme generieren können, abgegriffen wird. Und die Festivals haben dabei noch nie so munter mitgespielt wie 2017 - eine zweischneidige Angelegenheit, die viel über unsere Zeit erzählt.

Nur von Palmengewinnern

Das hat schon der Streit im Frühjahr in Cannes gezeigt, als unter lautstarkem Protest von Kinobetreibern zwei von Netflix produzierte Filme im Wettbewerb liefen. Die Reaktion kam prompt, die Statuten wurden verändert, und zumindest Cannes will künftig alle Produktionen aus dem Wettbewerb ausschließen, die den Kinomarkt umgehen. Eine verständliche Entscheidung - die aber maskiert, wie die Film- und Festival-Ökonomie sonst längst operiert.

Cannes hatte sich bisher weitgehend zurückhalten und zeigte 2017 zum ersten Mal überhaupt zwei Serien im offiziellen Programm: Jane Campions "Top of the Lake: China Girl" und die ersten zwei neuen Folgen von Lynchs "Twin Peaks" - beides also Werke von Regisseuren, die zur exklusiven Gruppe der Goldenen-Palme-Gewinner gehören. Direktor Thierry Frémaux beeilte sich sogleich zu versichern, dass es in Cannes keine Sektion für Serien gebe: "Nein, nein, unser Gegenstand, unsere Liebe, unsere heilige Sache, das ist das Kino."

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"Top of the Lake: China Girl": Nachtschwarzes Sydney

In Berlin ist man da vielleicht näher am Puls der Zeit und ganz sicher weniger sektiererisch: Die Berlinale brüstet sich sogar damit, das erste A-Festival überhaupt gewesen zu sein, das Serien ins Programm holte, und hievt sie 2018 in den traditionsreichen (und riesigen) Zoopalast. Schon Kulturstaatsministerin Monika Grütters stellte angesichts solcher Entwicklungen die Frage, ob es richtig sei, Streaming-Filmen auf öffentlich geförderten Festivals eine prominente Plattform zu geben.

Gerade wenn Aufmerksamkeit im Rahmen von staatlichen Institutionen gelenkt wird, will man schon wissen, wessen Lied gesungen und wessen Brot gegessen wird. Ja, warum machen Kinofestivals Werbung für Streaming- und Fernseh-Plattformen, die vom gemeinsamen Kinoerlebnis nichts halten und erstaunlich gut darin sind, die PR für ihre Filme selbstständig zu steuern? Die Antwort fällt immer leichter: Weil die Festivals glauben, noch stärker von den Plattformen zu profitieren als andersherum.

An seinen Platz verwiesen

In der sich weiter ausdifferenzierenden Medienwirklichkeit ist der Druck auf Großereignisse riesig, bei allem was neu ist und wichtig klingt, irgendwie mitzumachen. Gutes Beispiel ist die in Venedig 2017 neu eingeführte Reihe zu Virtual Reality. Man kann das als Innovationsversuch begreifen, weil es durchaus darum geht, aktuelle Tendenzen im Bewegtbild zu berücksichtigen.

Es entspricht aber mindestens genauso einer Wachstums- und Fortschrittslogik, mit der so ziemlich jede programmatische Beliebigkeit begründet werden kann. Bei Serien ist der Ruf inzwischen allerdings so gut, dass man als Exot gelten muss, wenn man freundlich darauf hinweist, dass die meisten dieser Produktionen auf einem Kinofestival schlicht deplatziert wirken.

Zum Autor
  • Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de. Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche.

Klar: Die Grenzen, die früher leicht zu ziehen waren zwischen dem "großen" Kinofilm auf der einen, dem "kleinen" Fernsehfilm auf der anderen Seite (wenn das überhaupt jemals so absolut gestimmt hat), lösen sich stark auf. Angetrieben wird das von den Filmschaffenden selbst. Sie erhalten nicht nur viel Sender- und Streaminggeld, sondern auch die Freiheit, dort etwas zu tun, was nach ästhetischen Maßstäben so funktioniert wie das, was fürs Kino gemeint ist.

Immer öfter wird mit den alten Konventionen gebrochen, nach denen im Allesschlucker Fernsehen primär logisch nachvollziehbare, gesellschaftlich rückgebundene, psychologisch motivierte Handlungen dominieren und die Geschichten so auf das Figurenensemble verteilt sind, dass jede Figur (und damit jeder Zuschauer) an seinen Platz verwiesen wird, damit zumindest nebenbei die konkurrenzorientierte, marktwirtschaftliche Ordnung abgesichert bleibt. In der Tat: "Twin Peaks: The Return" ist das beste Beispiel dafür, dass Fernsehen diese Vorgaben transzendieren kann, womit es übrigens auch den meisten Kinofilmen meilenweit voraus ist.

"Nur 30 bis 40 supertolle Filme"

Deshalb ist auch nichts daran auszusetzen, dass "Twin Peaks" ganz oben auf einer Kino-Top-10 steht und in Cannes geehrt wird. Die Diskussion darüber, so legitim und unterhaltsam sie auch ist, verdeckt allerdings, dass diese Liste aus einem ganz anderen Grund reichlich unglücklich ist: Von den zehn auserwählten Filmen der "Cahiers du Cinéma" sind sieben amerikanisch, zwei französisch, die Hälfte lief beim Festival in Cannes. Glaubt die Redaktion dieser inspirierend-bornierten Zeitschrift, die in ihrer langen Geschichte von einem inneren Widerspruch zum nächsten treibt, wirklich, dass zu den besten Filmen des Jahres ausschließlich solche gehören, die aus den USA stammen oder in Cannes gefeiert werden?

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, der in den letzten Wochen viele Interviews gab, hat in einem davon behauptet, es gäbe im Jahr "nur 30 bis 40 supertolle Filme", "um die sich drei Festivals streiten". Glaubt man den "Cahiers", dann hat er den Kürzeren gezogen. Dabei ist natürlich beides Quatsch. Denn "supertolle" Filme gibt es mehr, als man zählen (und sehen) kann, und sie passen nicht alle in den anglo-frankophonen Rahmen. Im Gegenteil: Das Weltkino strotzt vor Kraft, und nie hat es so viele Möglichkeiten gegeben wie heute, herausragende Filme aus der Ferne zu sehen. Einige der aufregendsten Filme stammen aus China, Japan, Argentinien, Thailand und von den Philippinen, um nur ein paar der eindrücklichsten nationalen Kinematografien zu nennen.

Die Kehrseite dieser Vielfalt kann sowohl die Liste der "Cahiers" als auch Kosslicks Einschätzung erklären: Je mehr sichtbar und zugänglich ist, desto weniger haben selbst Experten davon gesehen. Die Fragmentierung der Öffentlichkeit schreitet weiter voran, es ist die widersprüchliche Dynamik der Digitalisierung. Das lässt sich im Kinomarkt insgesamt nicht ändern und wäre auch überhaupt nicht wünschenswert - wer wollte schon einer Zensur oder einer Verdrängung kleinerer Filme das Wort reden?

"The Square"-Regisseur Ruben Östlund beim Europäischen Filmpreis 2017
DPA

"The Square"-Regisseur Ruben Östlund beim Europäischen Filmpreis 2017

Es ist auch sonst kein Zufall, dass Filme aus Cannes immer wieder international durchstechen, wie zuletzt beim Europäischen Filmpreis mit sechs Preisen für den Goldene-Palme-Gewinner "The Square". Beim wichtigsten Festival der Welt sind nicht nur die meisten internationalen Fachgäste anwesend, sie haben auch die Gelegenheit, gemeinsam dieselben Filme zu sehen: In Cannes sind die Vorführungen so aufeinander abgestimmt, dass man Filme des Wettbewerbs und der Nebenreihen nacheinander sehen kann. So entstehen kollektive Seh-Muster und Gemeinschaftserlebnisse, die sich einbrennen - siehe die euphorische Premiere von "Toni Erdmann", bei der es zweimal Szenenapplaus gab.

Die größere Berlinale programmiert hingegen seit Jahren die Slots so, dass man sich fast immer für die eine Reihe oder die andere entscheiden muss. Die Pausen zwischen zwei Vorstellungen des Wettbewerbs sind gerade so lang, dass eine Pressekonferenz reinpasst, aber kein ganzer Film. So zerfranst das Festivalerlebnis zunehmend, es wird parallel, nicht gemeinschaftlich geguckt.

Wenn bald wieder, weil das Berliner Festival im Februar naht, verstärkt von "Entschlackung" und "Konzentration" die Rede sein wird, dann sollte man das nicht immer nur absolut verstehen, sondern im Sinne einer anderen Orientierung, die das Navigieren erleichtert, ohne Sektiererei und mit aller möglichen Vielfalt. Denn auch auf einer bunten, lauten Kirmes kann es Höhepunkte geben, die alle miteinander teilen. Immerhin geht es doch um den sozialen Moment.

Für alle, die bis dahin noch etwas in Bestenlisten schmökern: Macht die Augen auf! Es gibt Bewegtbilder noch und nöcher. Und eins stimmt immer: Die besten habt ihr noch gar nicht gesehen.



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