Tyrannen-Filmsaga "Dschingis Khan war tolerant"

In seinem Monumentalfilm "Der Mongole" schildert Sergej Bodrow die Kindheit des Dschingis Khan. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Regisseur, was er an seiner blutrünstigen Hauptfigur schätzt - und wer für ihn die wahren Verbrecher der Geschichte sind.


SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie einen der blutrünstigsten Tyrannen der Geschichte zum Helden erkoren?

Bodrow: Jetzt erinnern Sie mich an die Lehrbücher aus der Sowjetzeit. Da hielten wir die Mongolen auch alle für Barbaren und machten sie für das ganze Unglück Russlands verantwortlich. Schließlich haben sie uns vier Jahrhunderte lang unterworfen. Das ist aber einseitig. Dschingis Khan hat sein Volk geeint, er hat den Mongolen Gesetze gegeben, die Folter und Sklaverei abgeschafft - und er war tolerant.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Er hat doch Tausende hinrichten lassen.

Bodrow: Aber er zwang den Völkern, die er unterwarf, nicht den mongolischen Lebensstil auf. Um ihn herum gab es Christen, Moslems, Buddhisten, Schamanen. Die Mongolen haben in Russland die Kirche geduldet und sie von Steuern befreit. Genauso hielten sie es mit den taoistischen Klöstern in China. Dschingis Khan ist in Asien ein Held, aber in Russland und Europa eine finstere Figur. Dieser Gegensatz hat mich immer interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Lehre für das heutige Russland?

Bodrow: Mir war es wichtig, einen Film über Menschen mit Schlitzaugen zu machen. Ich warne davor, Ausländer zu verteufeln. In Russland sterben Menschen wegen ihrer Rasse, die Geschworenengerichte lassen Skinheads laufen. Die Politik schürt den Fremdenhass, und die Gesellschaft schweigt. Das klage ich an. Aber ich habe den "Mongolen" für die ganze Welt gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Kann das deutsche Publikum also auch etwas lernen?

Bodrow: Ja, dass es heuchlerisch ist, jemanden stets aufs Neue zu dämonisieren, der vor 800 Jahren gelebt hat. Das 20. Jahrhundert war das blutrünstigste. Der Hitler-Faschismus, das Gulag-System Stalins, zwei Weltkriege, die Atombombe.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in "Der Mongole" auch eine ergreifende Liebesgeschichte. Dschingis Khan aber hatte einen Harem und ließ seinen Blutsbruder töten. Idealisieren Sie ihn durch Ihre Darstellung nicht zu sehr?

Bodrow: Ich zeige vor allem seine Kindheit. Er wurde nicht als Monster geboren. Ich gebe ihm ein menschliches Gesicht. Vergessen Sie nicht, dass sein Bild von den Besiegten gemalt wurde. Die Mongolen konnten damals nicht schreiben, und die Unterlegenen hatten kein Interesse festzuhalten, dass sie selbst schwach und schlecht organisiert waren.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Quellen stützen Sie sich?

Bodrow: Auf Historiker und ein altmongolisches Gedicht, das 50 Jahre nach seinem Tod entstanden ist und erst vor 100 Jahren als chinesische Handschrift entdeckt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Mongolei Ihren Film aufgenommen?

Bodrow: Als das Land sieben Jahrzehnte ein Satellitenstaat der Sowjetunion war, durfte Dschingis Khan nicht einmal erwähnt werden. Nun prangt er auf Hotels, Restaurants, Wodkaflaschen und Geldscheinen. Er ist dort ein Gott. Wie kann man einen Film über Gott machen, der alle zufriedenstellt? Fragen Sie Martin Scorsese. Sein Jesus-Film war auch ein Skandal.

SPIEGEL ONLINE: Was konkret gefällt den Mongolen nicht an Ihrem Film?

Bodrow: Dass ich Dschingis Khan als Sklaven gezeigt habe und als vermeintlichen Vater von zwei Kindern, die in Wahrheit von fremden Männern abstammen.

SPIEGEL ONLINE: In Russland wirft man Ihnen mangelnden Patriotismus vor.

Bodrow: Das bin ich schon gewohnt. Nach meinem Film "Der kaukasische Gefangene" beschimpfte man mich als Tschetschenen-Freund. Dabei habe ich bloß einen jahrhundertealten Konflikt aufgegriffen, über den schon Leo Tolstoi schrieb. Ich finde, dass ein großes Volk wie das russische gegenüber einem kleineren Volk wie dem der Tschetschenen die Verantwortung dafür trägt, letztlich eine friedliche Lösung zu finden. Ein Patriot liebt sein Land und prangert deshalb Missstände an. So wie Puschkin, Tolstoi und Solschenizyn es getan haben. Heute gibt es zu wenig Menschen, die sich das trauen, und sie haben keine Plattform außer einem kritischen Radiosender und einigen wenigen Zeitungen.

SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie, wenn Sie von Ihrem US-Domizil in Venice Beach in Ihre Heimat Russland zurückkommen?

Bodrow: Alles redet von Moskau, wie reich und dynamisch es ist, auch meine Freunde. Es gibt mehr Milliardäre als in New York. Die Armut ist aber nicht aus Russland verschwunden. Im Gegenteil, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Die Superreichen bauen geschmacklose Paläste, in der Provinz aber sterben Kinder in Krankenhäusern, weil es an Ausrüstung und Medikamenten fehlt. Das ist eine Schande für unser Land. Alle ergötzen sich aber daran, dass wir endlich wieder stark sind. Ich möchte so gerne Optimist sein, aber ich fürchte, dass es zwei Generationen dauert, bis sich die Dinge bessern.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Film in Russland ein Erfolg?

Bodrow: Ja, ein großer. Er hat mehr als sechs Millionen Dollar eingespielt, in Moskau bei den Filmfestspielen sechs Preise gewonnen, und die Premiere in Sankt Petersburg wurde auch vielbeachtet. Dort haben wir das Publikum eingeladen, eine DNA-Analyse machen zu lassen. Denn jeder 200. Mann auf der Erde stammt genetisch von Dschingis Khan ab. Und tatsächlich haben wir einen gefunden, der ein entfernter Nachfahre ist. Vielleicht sollten wir das in Deutschland bei der Premiere in Hamburg auch machen. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Es hat schon einige Filme über Dschingis Khan gegeben. Ist Ihr Film besser?

Bodrow: Zumindest schauen die beiden amerikanischen Streifen mit John Wayne und Omar Sharif heute ziemlich komisch aus. Und auch die japanischen und chinesischen Versuche sind nicht wirklich gelungen. Wir haben drei Jahre gedreht, die monumentalen Landschaftsaufnahmen in der Mongolei, viele Szenen aber auch in Nordchina und in Kasachstan, alles Territorium des von Dschingis Khan eroberten Großreiches. Wir haben in der Mongolei den obersten Schamanen gebeten, um den Segen der Götter für unser Projekt nachzusuchen. Vielleicht hat das geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie am Ende abergläubisch?

Bodrow: Nein, aber es gilt: Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie ein Römer. Wenn man einen Film über die Mongolei macht, muss man sich an diese Kultur anpassen und selbst ein wenig ein Mongole werden. Ich habe deshalb auch fast nur Mongolen als Schauspieler angestellt, und auch die Originalsprache des Films ist Mongolisch. In Deutschland wird er mit Untertiteln zu sehen sein.

SPIEGEL ONLINE: Wann werden der zweite und dritte Teil Ihrer Dschingis-Khan-Trilogie zu sehen sein?

Bodrow: Dazu werden wir nicht wieder vier Jahre brauchen. Den dritten Teil will ich selbst machen, den zweiten Tom Tykwer anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie so viel vom deutschen Kino?

Bodrow: Jedenfalls hatte ich deutsche Co-Produzenten, die Kostümbildnerin kam aus Hamburg und 20 Prozent des Geldes aus Deutschland. Ich mag Filme wie "Das Leben der Anderen" von Florian Henkel von Donnersmarck. Aber es wundert mich, dass es nicht mehr davon gibt. Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass Donnersmarck nun in Hollywood arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich im russischen Kino seit Sowjetzeiten geändert?

Bodrow: Die Zensur ist weggefallen, aber trotzdem trauern manche der alten Zeit nach. Damals hat der Staat das Geld gegeben. Heute muss man sich selbst kümmern. In Amerika ist Kino in erster Linie eine Industrie, in Europa mehr Autorenkino. Russland sucht noch seinen Weg. Das ist wie in der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Welche Parallele sehen Sie?

Bodrow: Es gab Dissidenten wie Andrej Sacharow. Russland aber hat sich seine Freiheit nicht wirklich erkämpft, sie ist uns nach dem Zerfall der Sowjetunion gleichsam in den Schoß gefallen. Und deshalb haben wir sie genauso schnell wieder aufgegeben. Die Zeit der Meinungsfreiheit geht dem Ende zu.

Das Interview führten Matthias Schepp und Wladimir Pyljow



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